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Biotechnologie in Biberacher Hochschule wächst weiter

Die Erfolgsgeschichte der Pharmazeutischen Biotechnologie an der Hochschule Biberach wird fortgeschrieben. Beim Neujahresempfang der gleichnamigen Fakultät präsentierte der Dekan positive Zahlen und Nachrichten. Einen anregenden Festvortrag hielt Hans-Peter Meyer von der schweizerischen Lonza zur Industriellen Biotechnologie, der zur meinungsfreudigen Standortbestimmung geriet und den neuen Biberacher Studiengang in einen größeren Rahmen stellte.

Dort, wo im Mai 2011 Vertreter der Hochschule standen, soll das neue Lehr- und Lehrgebäude für den Studiengang Industrielle Biotechnologie gebaut werden, direkt neben dem PBT-Gebäude. V.l.: Prof.es Martin Schubert, Norbert Büchter, Ute Traub-Eberhard, Eckhard Klett, Jürgen Hannemann und Thomas Vogel. © Pytlik

Die Fakultät für Pharmazeutische Biotechnologie an der Hochschule Biberach wächst, und das wird bald sichtbar. Bis Frühjahr 2013 soll das neue Lehr- und Laborgebäude in direkter Nachbarschaft zum bisherigen hochgezogen sein. Dort sollen die Studenten des neuen, im Wintersemester angelaufenen Studienganges Industrielle Biotechnologie untergebracht werden.

Im 2007 gegründeten Institut für Pharmazeutische Biotechnologie sind die eingeworbenen Drittmittel kontinuierlich gewachsen und haben nach den Worten von Heiko Rahm, Prorektor für Forschung und Weiterbildung, eine „eigene Dimension" erreicht. Die vormalige Bauakademie Biberach ist 2011 in Akademie Biberach umbenannt worden. Damit ist es nach Rahms Worten möglich, das Weiterbildungsangebot thematisch zu erweitern, beispielsweise auf pharmazeutische Biotechnologie, Bioprozesstechnik oder Energiewirtschaft. 

Durchweg zufrieden fiel die Bilanz des Dekans der Fakultät, Jürgen Hannemann, aus. Der 38 Plätze bietende Bachelor-Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie zieht nach seinen Worten vor allem im Wintersemester viele Bewerber an, im Sommersemester bewerben sich mit rund 100 zwei Drittel Studienwillige weniger. Die Abbrecherquote von zehn Prozent wertete Hannemann als Beleg für ein effektives Auswahlverfahren. Derzeit sind an der Fakultät 220 Studierende eingeschrieben. „Überaus positiv" fallen die Rückmeldungen der Firmen aus, wo die Biberacher Bachelor-Studenten ein Praxissemester und ihre Abschlussarbeit anfertigen.

Braindrain: befristete Verträge des Mittelbaus

Ein Problem mit offenem Ausgang versucht Hannemann beim Wissenschaftsministerium in Stuttgart anzupacken: die Befristung der Arbeitsverträge im akademischen Mittelbau, was anders als bei den Professoren bislang misslang. Derzeit sind zehn Professoren, ein Gastprofessor sowie 17 Mitarbeiter in der Fakultät für Pharmazeutische Biotechnologie beschäftigt, teilte Jürgen Hannemann mit. Aktuell, so Hannemann weiter, stehe auch die Entscheidung über die Weiterfinanzierung des Gesamtprojekts Pharmazeutische Biotechnologie ab 2016 an.

Nachdem mit einem Unternehmen aus dem Landkreis ein Bauherr und Investor gefunden wurde, laufen nach Hannemanns Worten die Planungen für den Neubau des Lehr- und Laborgebäudes für den neuen (halben) Studiengang Industrielle Biotechnologie an; zwei der vier Professoren wurden berufen, zur dritten Professur für Verfahrenstechnik laufen die Berufungsverhandlungen, teilte der Dekan mit; abgeschlossen sei die Auswahl der sechs Doktoranden für das mit der Universität Ulm gemeinsam durchgeführte Promotionskolleg. Bei den Geräten rüstete die Fakultät PBT auf, Hannemann führte Apparate wie quantitative Echtzeit-PCR oder Ultrazentrifugen auf.

Erfolgreich abgeschlossen wurden Forschungskooperationen mit Boehringer Ingelheim und Rentschler, ein neues BMBF-Projekt wurde gewonnen. Eine Vielzahl von Kontakten zu Schulen und Schülern sind aufgebaut worden. Mit dem „Nachbarn“ Boehringer Ingelheim wurde 2011 ein Biotechnologie-Forum Biberach aus dem Taufbecken gehoben, mit dem Schülerforschungszentrum Bad Saulgau wurden Kontakte geknüpft, um den Nachwuchs über das Studium zu informieren.

Zukunft liegt im Komplexen, Hochfunktionalisierten

Nur Hochwertiges, Komplexes eröffnet Marktchancen, Festredner Hans-Peter Meyer. © Hochschule Biberach

Die industrielle Biotechnologie sollte über hochwertige, komplexe Erzeugnisse den milliardenschweren Markt zu entern versuchen anstatt mit staatlich subventionierten niedermolekularen Biotreibstoffen einen Irrweg zu beschreiten. So lautete eine der meinungsstark vorgetragenen Botschaften des Festredners Hans-Peter Meyer, der beim Schweizer Life-Science-Riesen Lonza die Biotech-Strategie mitverantwortet.

Großes Wachstum in der Chemie bzw. Pharma-Branche erzielen hochkomplexe Moleküle, Generika und Biopharmazeutika, anderes als die sogenannten NCE's (new chemical entities). Die chemische Synthese stoße zunehmend an ihre ökonomischen und ökologischen Grenzen. Der Trend geht nach Meyers Einschätzung hin zu immer komplexeren, funktionalisierten Produkten. Heutige ‚Pharma-Stars‘ wie Proteine und monoklonale Antikörper werden in der Zukunft von Gen- und Zelltherapie, Gewebe- und Organreparatur abgelöst. Dazu allerdings sind nachhaltige biotechnische Herstellungsverfahren vonnöten, die nicht nur teuer, sondern auch schwierig seien: „Wir lernen nur mit komplizierten Molekülen, nicht von den einfachen", wiederholte Meyer leitmotivisch.

Rote Biotechnologie wenig nachhaltig

„Die rote Biotechnologie ist eine sehr schmutzige Industrie“, konstatierte Meyer mit Blick auf den ökologischen Fußabdruck der ressourcenfressenden und Abfallberge hinterlassenden Produktion. „Hier sind viele Verfahrensverbesserungen nötig“, schärfte Meyer das Problembewusstsein der vorwiegend der roten Biotechnologie zuzurechnenden Zuhörerschaft. Das Marktpotenzial für industrielle Biotechnologie in den nächsten 20 Jahren schätzt Meyer auf eine Trillion Euro. So gigantisch seien aber auch die Herausforderungen: Es fehlt an Geld für Forschung und Entwicklung, an Börsengängen, die Lebensdauer der Produkte sei ein Problem, desgleichen sei der Markt fragmentiert, so Meyers Negativ-Liste.

Wenn Marktzugang, dann über Gesundheit

Produktideen wie Spinnenproteine mit unglaublicher Festigkeit gibt es viele. © UnitedReports.de.tf/Pixelio

Ein halbes Prozent Anteile halten Biopolymere am 300 Millionen Jahrestonnen umfassenden Kunststoffmarkt (nur sieben Prozent des Öls wandert in die Chemie, der Rest werde verbrannt, klagte Meyer). Biopolymere wie PHA, wovon es 150 Monomere gibt, ließen sich gut kombinieren und leicht funktionalisieren. Aber geplatzte Joint Ventures großer Unternehmen lassen nach Meyers Worten vorläufig nur eine Lehre zu: Diejenigen Moleküle haben die größten Chancen, die für medizinische Zwecke eingesetzt werden.

Hautschutzprodukte von extremophilen Mikroben aus der Tiefsee, Biomoleküle, die den Fließwiderstand in Pipelines verringern, Enzyme für Spanholzherstellung, Porenproteine für die Wasser-Entsalzung - Produktideen mit „sensationellen Anwendungen" gibt es Meyer zufolge genug; genauso Bestrebungen, neue Proteine aus biogenen Ressourcen zu gewinnen, wie aus Spinnen, Bienen, Muscheln oder Hagfischen.

Industrie muss Tabus brechen

Dem Trend zu immer komplexeren Molekülen folgend sollte sich die Industrielle Biotechnologie folglich, empfahl Meyer, auf Feinchemie, komplexe Bausteine, Wirkstoffe und neue Biomaterialien für die Life-Science-Märkte konzentrieren. Die Prozesstechnologie sollte ihre Augenmerk auf geschlossene Produktionssysteme, neue Expressionssysteme, ‚green chemistry‘ und neuartige Aufarbeitungsmethoden richten. Angesichts riesiger Herausforderungen, die von einzelnen Unternehmen nicht zu meistern seien, müsse die Industrie intern stärker kooperieren, auch extern mit Hochschulen beispielsweise einen offenen Diskurs pflegen, der nicht länger von Geheimhaltungsklauseln beherrscht werden dürfte, und insbesondere langfristige Projekte mit der Wissenschaft ins Auge fassen.

Literaturtipp:
Meyer, Hans-Peter, Sustainability and Biotechnology,Organic Process Research & Development 2011, 15, 180-188.

 

Glossar

  • Antikörper sind körpereigene Proteine (Immunglobuline), die im Verlauf einer Immunantwort von den B-Lymphozyten gebildet werden. Sie erkennen in den Körper eingedrungene Fremdstoffe (z. B. Bakterien) und helfen im Rahmen einer umfassenden Immunantwort, diese zu bekämpfen.
  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Enzyme sind Katalysatoren in der lebenden Zelle. Sie ermöglichen den Ablauf der chemischen Reaktionen des Stoffwechsels bei Körpertemperatur.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Ein Monomer ist die kleinste Moleküleinheit (Baustein) eines Oligomers bzw. Polymers.
  • Die PCR oder Polymerase-Kettenreaktion ist eine molekularbiologische Methode, mit der kurze DNA-Abschnitte auf einfache Weise vervielfältigt werden. Man benötigt dazu lediglich die DNA-Vorlage, ein Enzym namens DNA-Polymerase, das die Vervielfältigung katalysiert, Ansatzstücke für die Polymerase, die sog. Primer, und die DNA-Bausteine, die sog. Desoxynukleosidtriphosphate. Gesteuert wird die Vervielfältigung über mehrere Zyklen von Temperaturerhöhungen und -senkungen.
  • Proteine (oder auch Eiweiße) sind hochmolekulare Verbindung aus Aminosäuren. Sie übernehmen vielfältige Funktionen in der Zelle und stellen mehr als 50 % der organischen Masse.
  • Unter Zelltherapie versteht man die Behandlung von Patienten mit lebenden Zellen, um kranke Zellen zu ersetzen oder durch neue, voll funktionsfähige Zellen zu unterstützen.
  • Die Expression ist die Biosynthese eines Genprodukts (= Umsetzung der genetischen Information in Proteine). Sie erfolgt in der Regel als Transkription von DNA zu mRNA und anschließender Translation von mRNA zu Protein.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung

Glossar

  • Antikörper sind körpereigene Proteine (Immunglobuline), die im Verlauf einer Immunantwort von den B-Lymphozyten gebildet werden. Sie erkennen in den Körper eingedrungene Fremdstoffe (z. B. Bakterien) und helfen im Rahmen einer umfassenden Immunantwort, diese zu bekämpfen.
  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Enzyme sind Katalysatoren in der lebenden Zelle. Sie ermöglichen den Ablauf der chemischen Reaktionen des Stoffwechsels bei Körpertemperatur.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Ein Monomer ist die kleinste Moleküleinheit (Baustein) eines Oligomers bzw. Polymers.
  • Die PCR oder Polymerase-Kettenreaktion ist eine molekularbiologische Methode, mit der kurze DNA-Abschnitte auf einfache Weise vervielfältigt werden. Man benötigt dazu lediglich die DNA-Vorlage, ein Enzym namens DNA-Polymerase, das die Vervielfältigung katalysiert, Ansatzstücke für die Polymerase, die sog. Primer, und die DNA-Bausteine, die sog. Desoxynukleosidtriphosphate. Gesteuert wird die Vervielfältigung über mehrere Zyklen von Temperaturerhöhungen und -senkungen.
  • Proteine (oder auch Eiweiße) sind hochmolekulare Verbindung aus Aminosäuren. Sie übernehmen vielfältige Funktionen in der Zelle und stellen mehr als 50 % der organischen Masse.
  • Unter Zelltherapie versteht man die Behandlung von Patienten mit lebenden Zellen, um kranke Zellen zu ersetzen oder durch neue, voll funktionsfähige Zellen zu unterstützen.
  • Die Expression ist die Biosynthese eines Genprodukts (= Umsetzung der genetischen Information in Proteine). Sie erfolgt in der Regel als Transkription von DNA zu mRNA und anschließender Translation von mRNA zu Protein.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/biotechnologie-in-biberacher-hochschule-waechst-weiter/