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Gestreute Melanomzellen früher und sicherer erkennen

Das Vorliegen von Lymphknotenmetastasen beeinflusst die Prognose und Therapie von Patienten mit einem malignen Melanom ganz erheblich. Der histopathologischen Untersuchung des sogenannten Wächterlymphknotens kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu - allerdings stößt das Verfahren bei sehr kleinen Metastasen mitunter an seine technischen Grenzen. Die Tübinger Dermatologin Professor Dr. Anja Ulmer hat jetzt eine Methode entwickelt, die nicht nur deutlich sensitiver ist, sondern erstmals auch eine Aussage über die Zahl der gestreuten Melanomzellen erlaubt.

Beim malignen Melanom, dem sogenannten „Schwarzen Hautkrebs“, hat sich die Zahl der Neuerkrankungen in den vergangenen 50 Jahren nahezu verzehnfacht. Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr rund 15.000 Menschen an diesem bösartigen, von den pigmentbildenden Zellen (Melanozyten) ausgehenden Tumor – Tendenz weiter steigend. Verantwortlich dafür ist in erster Linie die immer höher werdende UV-Strahlenbelastung, der große Teile der Bevölkerung – absichtlich oder nicht – ausgesetzt sind. Glücklicherweise werden die meisten Melanome inzwischen zu einem sehr frühen Zeitpunkt entdeckt, dennoch lässt sich die Gefahr einer Metastasierung nie ganz ausschließen.

Prof. Dr. Anja Ulmer © Universitätsklinikum Tübingen

„Je dicker der Tumor, desto höher ist das Risiko, dass die Melanomzellen bereits gestreut haben", weiß Professor Dr. med. Anja Ulmer von der Tübinger Universitäts-Hautklinik. Bevorzugt geschieht dies über die lokalen Lymphgefäße. Ab einer Tumordicke von einem Millimeter wird deshalb inzwischen routinemäßig der sogenannte Wächterlymphknoten untersucht. Bei diesem handelt es sich um den ersten im Lymphabflussgebiet des malignen Melanoms befindlichen Lymphknoten. Zahlreiche Studien lassen vermuten, dass die vom Primärtumor gestreuten Zellen sich zuerst in diesem absiedeln, ehe sie in die nachgeschalteten Lymphknoten oder in die Blutbahn vordringen. „Die Prognose des Patienten wird entscheidend davon beeinflusst, ob der Wächterlymphknoten befallen ist oder nicht", so Ulmer.

Doch auch für die weitere Therapieplanung ist dieses Wissen von essenzieller Bedeutung. Lassen sich in dem Wächterlymphknoten Melanomzellen finden, empfiehlt sich nämlich die radikale Entfernung sämtlicher Lymphknoten in der betroffenen Region. „Man weiß, dass einige Patienten mit Lymphknoten-Metastasen durch dieses operative Vorgehen noch geheilt werden können", berichtet die Dermatologin.

Quantitative Aussage möglich

Allerdings hängt die Genauigkeit der Diagnose momentan noch sehr stark von der histopathologischen Aufarbeitung des Lymphknotens ab, der dazu in feine Scheiben geschnitten wird. „Im Falle einer sehr kleinen Metastase kann es passieren, dass diese bei der feingeweblichen Untersuchung nicht zu erkennen ist“, weiß Ulmer. Dies hat in erster Linie technische Gründe. Die Medizinerin vergleicht dieses Phänomen mit dem Wurm, der in einem Apfel sitzt – je nachdem wie dieser aufgeschnitten wird, kann der Wurm ebenfalls unentdeckt bleiben.

Um die Aussagekraft der Wächterlymphknoten-Biopsie zu erhöhen, hat die Wissenschaftlerin jetzt gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe eine Methode entwickelt, mit der es möglich ist, auch kleinste Ansammlungen von Tumorzellen zu finden. Um das Prinzip zu erklären, bleibt Ulmer bei ihrem anschaulichen Beispiel: „Statt den Lymphknoten in Scheiben zu schneiden, drücken wir ihn durch ein feines Sieb und machen so quasi Apfelmus aus ihm.“ Auf diese Weise werden die Melanomzellen wie auch die gesunden Zellen des Lymphknotens aus dem Zellverband herausgelöst und können unter dem Mikroskop untersucht werden. Mithilfe einer speziellen Färbung gelingt es dabei, eine einzelne Tumorzelle unter einer Million normalen Zellen ausfindig zu machen.

Ulmer konnte zeigen, dass sich mit ihrem immunzytologischen Verfahren in zahlreichen Lymphknoten, die in der histopathologischen Routineuntersuchung negativ waren, doch noch einzelne gestreute Melanomzellen nachweisen lassen. „Unsere Methode ist offensichtlich sehr viel sensitiver als das bisherige Standardverfahren“, berichtet die Medizinerin. Einen noch viel größeren Vorteil sieht Ulmer aber darin, dass jetzt erstmals auch eine quantitative Aussage über die Tumorlast im untersuchten Lymphknoten möglich ist. „Die bisherige Datenlage lässt uns vermuten, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Tumorzellzahl im Wächterlymphknoten und der Prognose der Patienten gibt“, so die Wissenschaftlerin.

Mikroskopischer Nachweis von zwei blau angefärbten Melanomzellen in einem Wächterlymphknoten - das neue Verfahren erlaubt erstmals auch eine quantitative Aussage über die Tumorlast. © Prof. Dr. Ulmer

Ergänzende Untersuchung

Klären möchte Ulmer auch die Frage, ob sich aus der von ihr entwickelten Methode therapeutische Konsequenzen ableiten lassen: „Es gibt momentan noch sehr unterschiedliche Ansichten darüber, ob bei einem minimal betroffenen Wächterlymphknoten eine radikale Ausräumung der regionalen Lymphknoten sinnvoll ist.“ Denn nur wenn sich für die Patienten ein Überlebensgewinn ergibt, ist dieser komplikationsträchtige Eingriff gerechtfertigt. Eine erste Antwort auf diese spannende Frage wird es wahrscheinlich schon bald geben. Aktuell ist Ulmer damit beschäftigt, die Daten einer entsprechenden, von ihr durchgeführten Studie auszuwerten.

Doch egal wie die Ergebnisse aussehen werden, die Dermatologin legt großen Wert darauf, dass sie ihre neue Methode nicht in Konkurrenz zum aktuellen Standardverfahren der Pathologen sieht: „Es handelt sich vielmehr um eine ergänzende Untersuchung.“ Denn auch Ulmers Methode kann momentan noch keine hundertprozentige Sicherheit bieten. „In sehr seltenen Fällen kann es passieren, dass wir keine gestreute Melanomzelle finden, obwohl im histopathologischen Schnitt eine zu sehen ist.“

Die kürzlich von der Ludwig-Hiermaier-Stiftung für angewandte Krebsforschung erhaltene Förderung von 26.000 Euro will Ulmer jetzt darauf verwenden, ihre Methode noch weiter zu optimieren. „In Zusammenarbeit mit den Pathologen wollen wir schließlich ein Konzept erarbeiten, wie man beide Untersuchungsmethoden miteinander kombinieren kann, damit die Patienten den maximalen Nutzen erhalten - und die Kosten überschaubar bleiben“, gibt Ulmer gleich die nächste Zielrichtung für ihre wissenschaftlichen Arbeiten vor.

Glossar

  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Metastasen sind Zellen, die sich vom Primärtumor abgelöst haben und weiterwachsen. Diese Tochtergeschwulst kann weit entfernt vom Primärtumor und in völlig anderem Gewebe entstehen.
  • Ein Tumor ist eine Gewebsschwellung durch abnormales Zellwachstum, die gutartig oder bösartig sein kann. Gutartige (benigne) Tumore sind örtlich begrenzt, während Zellen bösartiger (maligner) Tumore abgesiedelt werden können und in andere Gewebe eindringen können, wo sie Tochtergeschwulste (Metastasen) verursachen.
  • Eine Biopsie ist eine Entnahme und Untersuchung von Gewebe aus dem lebenden Organismus. Sie wird oft eingesetzt, um zu klären, ob ein Tumor gutartig oder bösartig ist.
  • Die Zytologie oder auch Zellbiologie ist eine Disziplin der Biowissenschaften, in der mit Hilfe mikroskopischer und molekularbiologischer Methoden die Zelle erforscht wird, um biologische Vorgänge auf zellulärer Ebene zu verstehen und aufzuklären.
  • Die Dermatologie ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit Hauterkrankungen sowie mit gut- und bösartigen Tumoren der Haut befasst.
  • Ein Melanom ist eine Entartung der Pigmentzellen der Haut (Melanozyten). Die bösartige Form, das sogenannte maligne Melanom, wird auch schwarzer Hautkrebs genannt und ist ein Tumor, der tendenziell schon früh Tochtergeschwulste (Metastasen) bildet und daher als äußerst gefährlich gilt.
  • Die Pathologie ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit der Erforschung und Lehre von den Ursachen, der Entstehung, der Verlaufform und der Auswirkungen von krankhaften Symptomen sowie von Missbildungen beschäftigt.
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