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Hans Konrad Biesalski: Ernährungsmediziner mit musischer Energie

Er spielt Flöte, ist approbierter Arzt und empfindet den Austausch zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern als überaus bereichernd. An der Universität Hohenheim verbindet Professor Hans Konrad Biesalski die Ernährung mit der Medizin, denn er ist am Menschen interessiert. Im Jahr seines 60. Geburtstags beginnt er, in der Öffentlichkeit mit einigem Ernährungsunfug aufzuräumen und hegt eine Faszination für die Evolutionsbiologie.

Hans Konrad Biesalski macht sich wenig aus Ämtern und Würden. Bestätigung durch Einladungen zu Kongressen und Vorträgen werde er später nicht brauchen, sagt er. Der Hohenheimer Professor für Ernährungsmedizin, der im April seinen 60. Geburtstag feierte, hat keine Angst vor dem Ruhestand. Wenn er sich in fünf Jahren emeritieren lässt, warten seine Interessen an Literatur, Musik und Kunst auf ihn. Er werde sicherlich auch weiterhin Bücher schreiben, „vielleicht sogar ein Kochbuch, ich koche gern“, verrät er. Sich gänzlich von den Wissenschaften zu verabschieden, plant Biesalski allerdings nicht. Dazu will er noch zu viel herausfinden, denn er ist neugierig. „Einem Wissenschaftler, der nicht neugierig ist, entgeht vieles“, sagt er auch.

Von der Evolutionsbiologie angetan

Prof. Dr. Hans Konrad Biesalski

„Im Moment fasziniert mich der evolutionsbiologische Ansatz", erzählt der gebürtige Marburger. Genauer interessiert ihn, inwieweit Ernährungsnischen die Evolution beeinflussen. Biesalski gibt eines von vielen Beispielen: In einer Nische mit orangefarbenen Früchten, einer essenziellen Vitamin-A-Quelle, haben jene Lebewesen einen Vorteil, die trichromatisch sehen, also Rot und Grün voneinander unterscheiden können. Jene, die nur zwei Farben erfassen, haben eine weitaus geringere Chance, die leuchtende Vitaminquelle vor dem grünen Blatthintergrund auszumachen. „Es wird diskutiert, ob das trichromatische Sehen nicht ein ganz wesentlicher Motor in der Entwicklung des Menschen war", fasst er den Stand der Forschung zusammen. Auch will Biesalski mit Hilfe der Evolutionsbiologie über den Ansatz der Nischen herausfinden, „warum es zum Beispiel deutliche Unterschiede im Stoffwechsel von Asiaten und Kaukasiern gibt", oder „warum Enzyme ganz unterschiedliche Aktivitäten haben und sich daraus Krankheitsrisiken entwickeln".

 

Während eines ganzen Jahres hatte der praxiserfahrene Mediziner bereits die Gelegenheit, sich mit Fragen der Ernährungsnischen zu befassen. 2007 wurde er in das Wissenschaftskolleg zu Berlin berufen: 40 Forscher der unterschiedlichsten Disziplinen kommen aus aller Welt zusammen, um ein Jahr lang das zu tun, was sie gerade am meisten interessiert. Biesalski spricht von einer „enormen Bereicherung“, vor allem was den Austausch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften angeht. Mit Horst Bredekamp, dem Professor für Kunstgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität, diskutierte er beispielsweise über die Bedeutung von Farben im Bildakt. So empfinde ein Betrachter das farbenreiche Bild einer gefüllten Obstschale nachweisbar als appetitanregend. Das gleiche Bild in Schwarz-Weiß hingegen werde als Ornamentik aufgenommen. „Die Kommunikation zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, die ich in Berlin erlebt habe, hat dazu beigetragen, dass ich eine ganze Reihe Dinge noch stärker als bisher von zwei Seiten betrachte“, berichtet Biesalski. Man werde selbstkritischer.

Die Vision vom Fachjournalisten für Ernährung

Schon lange wünscht sich der Ernährungsmediziner einen stärkeren Gedankenaustausch zwischen den beiden Wissenschaften, sehnt sich nach einem Lehrangebot Wissenschaftstheorie, „das erleichtert die Kommunikation“. Im Bereich seines Fachgebietes habe er eine Vision: den Ernährungsfachjournalisten, eine Kombination aus Ernährungs- und Kommunikationswissenschaftler. „In der Medizin gibt es das, deshalb wird hier auch nicht so viel Unfug erzählt“, betont Biesalski und spricht damit ein Probleme seines Fachs an: „Es fehlt ein wissenschaftliches Informationssystem zur Ernährung.“ Ohne Fachgesellschaft gebe es keinen Protest gegen das Dilemma, „dass jeder, der kauen kann, schon ein Ernährungswissenschaftler ist und sich scheinbar kompetent äußert“.

Hans Konrad Biesalski mit einem seiner fünf Enkel bei einem Hofkonzert mit den Hohenheimer Bläsern. © Biesalski

Mit dem Hohenheimer Pressegespräch liefert Biesalski zusammen mit international anerkannten Experten seinen ganz persönlichen Ausweg aus der Problematik: „Ziel ist es, eine sachlich fundierte und wissenschaftlich korrekte Information zu geben“. Keine Beratung, keine Empfehlungen, keine Trends. Sondern reines Wissen, um „in der Öffentlichkeit eine Reihe von Dingen geradezurücken“, wie er sich ausdrückt. Den Auftakt zum Pressegespräch machte er mit dem Thema Vitamin-D-Mangel in Deutschland. Folgen soll eine Veranstaltung zu Vitamin A und Betakarotin. „Was wir wollen, ist eine wissenschaftliche Berichterstattung über Ernährungsprobleme“. Darunter fällt für ihn auch die Aufklärung über Risikogruppen für schlechte Ernährung, zum Beispiel die Kinder von Hartz-VI-Empfängern: „Auch wenn Sie noch so gebildet sind – mit zwei Euro siebenundzwanzig pro Tag können Sie ein Kind nicht gesund ernähren“.

Biesalskis Meinung nach ist den Ernährungswissenschaften in der Vergangenheit der Schritt geglückt, sich von der reinen Mangelbeschreibung zu lösen und den Versuch zu unternehmen, die Bedeutung von Vitaminen und Mikronährstoffen in der Entwicklung von Krankheiten zu verstehen. Damit beschreibt er gleichzeitig seinen Forschungsschwerpunkt. Für ihn als Arzt gehört die Ernährungswissenschaft zur Medizin. Er ist an der Anwendung interessiert, denn „das Target ist der Mensch“, betont er, „die angewandte Ernährungswissenschaft ist für mich die eigentliche Ernährungswissenschaft“.

Ernährung ist Lebensqualität

Ernährt sich der Fachmann selbst gesund? „Mein Credo heißt: Die einzige gesunde Ernährung ist die ausgewogene, schmackhafte Mischkost. Und was er unter Mischkost versteht, entscheidet jeder für sich selbst.“ Ernährung habe in erster Linie mit Lebensqualität zu tun, und deshalb auch mit Genuss. Biesalski scheint es zu verstehen, sein Leben zu genießen. Als Flötenspieler habe ihn die Musik immer begleitet. „Das trägt zur notwendigen Gelassenheit bei“, sagt er und zeigt damit auch privat, dass ihm die Verbindung von Geist und Natur am Herzen liegt.

Hans Konrad Biesalski, 1949 in Marburg geboren, studierte zunächst einige Jahre Physik an der Universität Mainz und beendete 1979 sein Medizinstudium an den Universitäten Bonn und Mainz. Noch im selben Jahr erfolgte seine Approbation als Arzt. Als Wissenschaftlicher Assistent am Physiologischen Institut der Uni Mainz erlangte er 1981 die Promotion. Seine Habilitation zum Thema Vitamin A im Innenohr legte er 1987 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz am Institut für Physiologische Chemie ab. 1993 wurde er zum C4-Professor an das Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim berufen. Seit 1995 ist er hier Geschäftsführender Direktor.

Glossar

  • Enzyme sind Katalysatoren in der lebenden Zelle. Sie ermöglichen den Ablauf der chemischen Reaktionen des Stoffwechsels bei Körpertemperatur.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Mit Kompetenz im biologischen Sinn ist die Eigenschaft eines Bakteriums gemeint, DNA von außen aufnehmen zu können.
  • Eine Sonde im molecularbiologischen Sinn ist ein Stück markierte RNA oder DNA, die mit einer gesuchten Sequenz binden (hybridisieren) kann.
  • Vitamine sind lebenswichtige organische Verbindungen, die mit der Nahrung aufgenommen werden müssen, da sie der Körper nicht selbst synthetisieren kann. Sie sind für die Regulation des Stoffwechsels verantwortlich, indem sie die Verwertung von Kohlenhydrate, Proteine und Mineralstoffe ermöglichen. Man unterscheidet zwischen fettlöslichen und wasserlöslichen Vitaminen. Vitamin C ist zum Beispiel für die Stärkung des Immunsystems zuständig. Ausnahme: Vitamin D kann vom Körper produziert werden, solange genug Sonnenlicht vorhanden ist.
  • Als Target (engl.:Ziel) werden Biomoleküle bezeichnet, an die Wirkstoffe binden können. Targets können Rezeptoren, Enzyme oder Ionenkanäle sein. Die Interaktion zwischen Wirkstoff und Target löst eine Wirkstoff-Target-spezifische Reaktion aus. Die Identifikation eines Targets ist für die biomedizinische und pharmazeutische Forschung von großer Bedeutung. Erkenntnisse über spezifische Wechselwirkungen helfen grundlegende molekularbiologische Vorgänge zu verstehen und neue Angriffpunkte für Arzneimittel zu identifizieren.
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