Powered by

Interdisziplinarität schon bei der Betreuung

Zum 1. April 2008 hatte die Graduiertenschule „Chemical Biology“ an der Universität Konstanz ihre ersten 20 Doktoranden aufgenommen, noch einmal 20 kommen im akademischen Jahr 2009 hinzu. Mit Dr. Heike Brandstädter als neuer Geschäftsführerin lenkt nun eine Allrounderin die Geschicke der Ausbildungsstelle für Doktoranden. Durch ihre Arbeit an der Grenze zwischen Geistes- und Naturwissenschaften möchte sie insbesondere die Jungforscher entlasten und deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen.

Dr. Heike Brandstädter, Geschäftsführerin der Graduiertenschule "Chemical Biology“ an der Universität Konstanz © Marlies Heffter

Frau Dr. Brandstädter, im vergangenen Jahr hat die Graduiertenschule mit der Schaffung Ihrer Funktion als Geschäftsführerin einen Schritt in Richtung Professionalisierung unternommen. Was war die Motivation, die dahinter steckt?

Administration ist ein Allround- und ein Fulltime-Job: Er umfasst kleinteilige Dinge wie Rechnungswesen und Organisation, aber auch das große Ganze wie Außendarstellung und Konzeption. Die Geschäftsstelle ist quasi der Zahnriemen der Graduiertenschule: Er sorgt dafür, dass die Forschung nicht durch das Alltagsgeschäft ausgebremst wird. Was nicht durch uns gemacht wird, geht quasi zu Lasten der Forschung. Denn das kostet die Wissenschaftler Zeit, die sie anders nutzen könnten.

Muss man für diese Position besondere Voraussetzungen mitbringen und sowohl wie ein Natur- als auch Geisteswissenschaftler denken können?

Es ist sicher von Vorteil. Mein eigener Bildungsweg war äußerst heterogen: Ich habe einen chemisch-technischen Beruf erlernt, mich aber für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden. Im Berufsleben blieb ich dann an der Schnittstelle von Geistes- und Naturwissenschaften: sei es in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, im Marketing oder im Wissenschaftsmanagement. Diese Bereiche finde ich in meiner jetzigen Aufgabe in idealer Weise kombiniert.

Im April 2008 hat die Graduiertenschule Chemical Biology ihren Betrieb aufgenommen. Was hat sich seitdem getan, wie fällt das bisherige Fazit aus?

Die Graduiertenschule hat sich sehr hohe Ziele gesteckt – und genau deshalb ja im Exzellenzwettbewerb gewonnen. Diese hohen Ziele müssen jetzt umgesetzt werden: Wir wollen die talentiertesten Doktoranden gewinnen, hochkarätige Vortragsreihen etablieren, anspruchsvolle Kurse anbieten. 2009 ist hierfür ein äußerst produktives Jahr – das Jahr, wo alle diese Vorhaben realisiert werden können. Wir schaffen jetzt die Standards für den künftigen „Normalbetrieb“.

In welche Ressourcen werden die Fördergelder aus der Exzellenzinitiative investiert? Eher in Personal oder in die Ausstattung?

Die Graduiertenschule vergibt Stipendien an ausgewählte Doktoranden. In diesem Jahr werden wir es auf rund 20 Stipendien bringen, in den kommenden Jahren wird sich diese Zahl verdoppeln. Im Förderantrag war dieser jährliche Zuwachs bereits berücksichtigt. Gleichwohl ist durch die Stipendien ein gewisser Bodensatz an Mitteln immer schon verbraucht. Dann finanzieren wir Geräte und Material im Rahmen der Forschungsprojekte. Aber auch Vorträge und Kurse mit Gastreferenten, Weiterbildungen für die Studierenden und nicht zuletzt die öffentlichkeitswirksame Darstellung sind feste Posten in unserem Budget.

Wie sieht das interdisziplinäre, an der Schnittstelle von Biologie, Chemie und Informatik liegende Ausbildungsprogramm der Graduiertenschule aus, das heißt was wird den Doktoranden konkret geboten?

Interdisziplinarität fängt schon bei der Betreuung an: Jeder Doktorand hat nicht einen Betreuer, sondern ein Komitee von drei Hochschullehrern aus mindestens zwei Fachrichtungen. Ein strukturiertes Kursprogramm setzt diese Interdisziplinarität fort: jedem Doktoranden wird das geboten, was in seiner bisherigen Ausbildung fehlte – dem Chemiker die Biologie, dem Biologen die Chemie. Viele Kurse behandeln das wirkliche Grenzgebiet von Biologie, Chemie und Informatik, zum Beispiel „Computational Life Science“. Wir bieten aber auch Kurse in Rhetorik und Präsentation und für Managementqualifikationen an.

20 neue Doktoranden nimmt die Graduiertenschule "Chemical Biology" im akademischen Jahr 2009 auf. © Universität Konstanz/Graduiertenschule

Wie groß ist der Anteil an ausländischen Doktoranden? Kann man von einer multikulturellen Gruppe sprechen?

Von den über 40 Doktoranden, die in der Graduiertenschule arbeiten, kommen rund 30 Prozent aus dem Ausland. Das ist – verglichen mit dem Anteil ausländischer Studierender an Hochschulen – ein hoher Anteil, und auf den sind wir stolz. Die Herkunftsländer sind heterogen, aber es gibt einen Trend, den man „Go west“ nennen könnte: Wir haben Zugänge aus Polen und Rumänien, über die Ukraine, Indien und China bis hin zu Korea. Für diese ausländischen Doktoranden hält die Universität Konstanz eine Vielzahl von Einrichtungen bereit, die sie in speziellen Fragen berät und betreut. Von großem Wert ist für uns aber auch die Gewinnung Externer. Inzwischen kommen 50 Prozent unserer Doktoranden nicht von der Universität Konstanz, sondern von anderen Hochschulen. Um das zu erreichen, werben wir zweimal im Jahr, zu jeder Ausschreibungsrunde, intensiv an anderen Hochschulen.

Sie versuchen, die Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu intensivieren. Welche Maßnahmen gibt es, die den Graduierten den Austausch mit Unternehmen und Industriepartnern ermöglichen?

Die Graduiertenschule unterhält bereits zahlreiche Kooperationen mit Unternehmen aus der Biochemie und der Pharmazie. Die Art der Zusammenarbeit ist dabei ganz unterschiedlich und reicht von Praktika über die Nutzung von Spezialgeräten bis hin zur Mitwirkung von Fachleuten an unserem Kursprogramm oder der Finanzierung von Stipendien. Die Pflege bestehender und die Knüpfung neuer Kontakte ist eine sehr wichtige Aufgabe der Graduiertenschule. Unsere Ausbildung legt die Voraussetzungen für eine Führungsposition in der Wissenschaft, der Wissenschaftspolitik oder in der angewandten Forschung. Hierbei spielen einschlägige Kontakte eine entscheidende Rolle. Besonders durch die Einladung namhafter Forscher und durch Besuch unserer akademischen Kooperationspartner haben die Doktoranden die Möglichkeit, Kontakte in ihrem Forschungsgebiet zu knüpfen und daraus eine eigene Perspektive zu entwickeln.

Was sind die konkreten Inhalte der neu besiegelten Kooperation mit der Nationalen Graduiertenschule für Organische Chemie und Chemische Biologie der Universität Turku?

Austausch bedeutet allererst: intensiver wissenschaftlicher Austausch der Doktoranden untereinander, beispielsweise durch gemeinsame Teilnahme an Tagungen, Seminaren oder Summer Schools. Je früher dieser wissenschaftliche Austausch beginnt, umso besser. Denn nur so kann man die jeweils andere Methode, den anderen Zugang lernen. Gefördert werden soll auch, dass Hochschullehrer an der Lehre der Partnereinrichtung mitwirken – und dass kostspielige Geräte oder neue Methoden, die nur an einer Universität vorhanden sind, durch die jeweils andere Universität mit genutzt werden können. Turku ist unsere jüngste Kooperation. Kooperationen mit Instituten in Zürich, Stanford, Toronto, Kanpur, Nanyang oder Harvard haben ähnliche Ziele.

Die Graduiertenschule eröffnet mit dem „Fast Track“ die Möglichkeit, das Doktorat innerhalb von vier Jahren einschließlich des Masters abzuschließen. Welche Voraussetzungen müssen die Studenten dafür erfüllen?

Mit dem „Fast Track“ ist es wie mit einer guten Torte: der Boden muss brillant sein, dann kann man die Sahnefüllung gleich draufsetzen – eine Zwischenschicht ist nicht nötig. Also: Wer ausgezeichnete Noten hat und dazu noch qualifiziert ist im Bereich der Chemischen Biologie, kann die Master-Arbeit überspringen. Beste Voraussetzungen sind mit einem Studium der Chemie oder der Biologie an der Universität Konstanz gegeben, insbesondere auch mit unserem Studiengang „Life Science“.

Wie wird sich die Graduiertenschule in den kommenden Jahren entwickeln, welche Ziele streben Sie an?

Wir pflastern in diesem Jahr die Straße, auf der wir in den nächsten Jahren fahren wollen. Das heißt: Wir wollen exzellente Doktoranden exzellenter Universitäten gewinnen, und wir wollen neue Kooperationspartner ausfindig machen – sowohl akademische wie industrielle. Auch intern bringen wir gerade einen größeren Forschungsverbund auf den Weg. Das kommende Projekt, ein Center of Chemical Biology, hat in der Bauplanung bereits Gestalt angenommen. Und wer weiß, vielleicht zieht das alles auch eine Verstärkung des Wissenschaftsmanagements nach sich? Na, wir werden sehen.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/interdisziplinaritaet-schon-bei-der-betreuung/