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Otmar D. Wiestler: Verbindung von exzellenter Forschung und Krebsmedizin

Als die Medizinische Fakultät der Universität Tübingen dem Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Krebsforschungszentrums, Professor Dr. Otmar D. Wiestler, jetzt die Ehrendoktorwürde verlieh, wurde nicht nur der bedeutende Neuropathologe, Onkologe und Stammzellforscher geehrt, sondern auch eine Persönlichkeit, welche die deutsche Gesundheitsforschung im letzten Jahrzehnt entscheidend mitgeprägt hat.

Prof. Dr. Otmar D. Wiestler © DKFZ

Bei der festlichen Eröffnung des „Deutschen Konsortiums für translationale Krebsforschung“ (DKTK), in dem das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) die Rolle des Kernzentrums übernimmt, erklärte Prof. Dr. Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand des DKFZ am 29. Oktober 2012: „Im Kampf gegen Krebs ist die Kombination von erstklassiger Forschung und innovativer Krebsmedizin von entscheidender Bedeutung." Diese Überzeugung liegt nicht nur dem Konzept des neuen deutschlandweiten Konsortiums zugrunde, sondern sie lässt sich auch aus Wiestlers eigenem beruflichem Werdegang ablesen.

Er hat als Neuropathologe, Stammzellforscher und als Leiter von Forschungsinstitutionen stets auch die klinische Anwendung der Wissenschaft vor Augen gehabt, mit dem Ziel, die Chancen von Krebspatienten zu verbessern. Das ist, was man heute als translationale medizinische Forschung bezeichnet - aber dieser Begriff ist erst in den letzten zehn Jahren populär geworden.

Lehr- und Wanderjahre

Otmar D. Wiestler studierte Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität in seiner Heimatstadt Freiburg und erhielt 1981 seine Approbation als Arzt. Danach arbeitete er als Assistenzarzt in der Neuropathologie des Universitätsklinikums Freiburg bei dem renommierten Neuroonkologen Professor Dr. Paul Kleihues. Nach seiner Promotion folgte er dem Krebsforscher Professor Dr. Gernot Walter an die berühmte University of California San Diego (UCSD), USA. Professor Walter etablierte dort am Department of Pathology das Gebiet der molekularen Pathologie von Tumoren und erforschte die Rolle von Tumorantigenen bei der Transformation normaler Zellen in Tumorzellen und der Tumorsuppression.

Nach drei Jahren als Postdoctoral Fellow an der UCSD war Wiestler erneut als Assistenzarzt, und anschließend als Oberarzt, bei Professor Kleihues, der inzwischen nach Zürich gewechselt war und dort die Neuropathologie am Universitätsspital Zürich leitete. Wiestler habilitierte sich an der Universität Zürich für das Fachgebiet Pathologie. 1991 erhielt er einen Ruf auf den C4-Lehrstuhl für Neuropathologie an die Universität Bonn.

Neuropathologe in Bonn

Von 1992 an führte Wiestler als Direktor mehr als zehn Jahre lang das Institut für Neuropathologie am Bonner Universitätsklinikum. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Institut zu einem Fokus für die molekulare Genetik und molekulare Neuropathologie menschlicher Hirntumoren in Deutschland. 1994 wurde das Hirntumor-Referenzzentrum der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie, das ursprünglich von Kleihues an der Universität Freiburg eingerichtet und mit ihm an die Universität Zürich transferiert worden war, an das Bonner Institut verlegt und von Wiestler geleitet. Das Hirntumor-Referenzzentrum dient nicht nur Fachkollegen in diagnostisch schwierigen Fällen als Referenz und als Fortbildungseinrichtung, sondern betreut auch neuro-onkologische Therapiestudien, entwickelt und evaluiert molekulargenetische Diagnoseverfahren. Wiestler war Sprecher eines in Bonn eingerichteten Sonderforschungsbereichs über molekulare Grundlagen zentralnervöser Erkrankungen. Seine eigenen Forschungsprojekte befassten sich unter anderem mit der molekularen Neuropathologie und Pathogenese von fokalen Epilepsien, die von bestimmten begrenzten Hirnarealen ausgehen.

Prof. Wiestler bei der Unterzeichnung eines Austauschprogramms für junge Wissenschaftler mit dem National Cancer Institute der USA (18.02.2010) in Washington, D.C. © DKFZ

Die Forschung an neuralen Stammzellen bildete einen besonderen Schwerpunkt von Wiestler und seinen Mitarbeiter. Hervorgehoben werden soll die Zusammenarbeit mit Professor Dr. Oliver Brüstle, der, bevor er den Lehrstuhl für Rekonstruktive Neurobiologie am Forschungszentrum Life & Brain der Universität Bonn erhielt, Arbeitsgruppenleiter in Wiestlers Institut war. Mit Brüstle, der wegen seiner Arbeiten mit menschlichen embryonalen Stammzellen über Fachkreise hinaus bekannt geworden ist, war Wiestler schon am Universitätsspital Zürich zusammengekommen. Die sich selbst erneuernden Stammzellen im Gehirn besitzen auch das Potenzial, differenzierte Nervenzellen zu regenerieren. Sie sind daher eine große Hoffnung für viele unheilbar Kranke, auch wenn eine Stammzelltherapie etwa von neurodegenerativen Krankheiten noch in weiter Ferne liegt. Umso dringender ist die Erforschung der Stammzellen und ihrer Möglichkeiten; Wiestler hat sie nach Kräften vorangetrieben und unterstützt – als Professor in Bonn, als Vorsitzender des Vorstands im Kompetenznetzwerk Stammzellforschung des Landes Nordrhein-Westfalen oder später als Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums.

An der Spitze des Deutschen Krebsforschungszentrums

Im Januar 2003 trat Otmar Wiestler die Nachfolge von Professor Dr. Harald zur Hausen als Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg an. Um die Wissensexplosion und technologischen Fortschritte der letzten Jahre im Bereich der Krebsforschung zu berücksichtigen, wurden unter Wiestlers Leitung zahlreiche neue Nachwuchsgruppen am DKFZ etabliert. Mehrere neue klinische Kooperationseinheiten mit dem Universitätsklinikum Heidelberg und der Universitätsmedizin Mannheim entstanden, die durch ihre Verbindung von Grundlagenforschung und klinischer Anwendung dem Konzept der Translation von Wissen „von der Laborbank zum Krankenbett“ verpflichtet sind. Ein neuer großer Forschungsschwerpunkt „Translationale Krebsforschung“ wurde eingerichtet, der mit dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eng verflochten ist.  Das NCT - 2004 vom DKFZ, dem Universitätsklinikum Heidelberg und der Deutschen Krebshilfe als gemeinsamen Trägern gegründet - ist durch die enge Zusammenarbeit von Krebsforschern und Ärzten im Dienste der Krebspatienten zum deutschen Krebstranslationszentrum par excellence geworden.

Die Behandlungserfolge bei Krebserkrankungen sind immer besser geworden. Knapp die Hälfte aller Krebspatienten in Deutschland können mittlerweile definitiv geheilt werden. Das bedeutet aber, betont Wiestler, dass immer noch die Hälfte der Erkrankten an Krebs sterben. „Das müssen wir ändern.“ An bösartigen Hirntumoren wie dem Glioblastom - Wiestlers eigenem Arbeitsgebiet - versterben bis zu 80 Prozent der Patienten innerhalb eines Jahres nach Diagnosestellung, aber es gibt vielversprechende innovative Ansätze. So ist von der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Ana Martin-Vilalba am DKFZ ein Wirkstoff entwickelt worden, der die Signalkette für den Wachstumsfaktor TGF-β in den Glioblastomzellen blockiert. Im Tierversuch hat sich eine Behandlung mit diesem neuen Wirkstoff in Kombination mit einer Strahlentherapie als so wirksam erwiesen, dass sie jetzt in einer großen klinischen Studie am Menschen geprüft wird. Gerade dieses Beispiel illustriert den Erfolg der engen Zusammenarbeit von Forschungsgruppen am DKFZ mit dem Universitätsklinikum im Rahmen von klinischen Kooperationseinheiten.

Die Erforschung von kindlichen Hirntumoren, der häufigsten Krebstodesursache im Kindesalter, wird vom DKFZ im PedBrain Verbund im Rahmen des weltweiten „International Cancer Genome Consortium“ (ICGC) koordiniert. Bei diesem Projekt, in dem das gesamte Tumorgenom der Patienten zusammen mit den epigenetischen Veränderungen und der Genexpression im Vergleich mit gesundem Gewebe analysiert wird, fallen riesige Datenmengen an, die in der Bioinformatik-Abteilung des DKFZ zusammenlaufen. „Um die Erkenntnisse aus der enormen Datenflut für die Krebsmedizin wirklich nutzen zu können, benötigen wir eine intelligente Informationstechnologie“, erklärte Wiestler bei der Unterzeichnung eines Rahmenvertrages mit IBM, durch den der IT-Konzern als Partner bei der Entwicklung von Strategien und Verfahren für die effiziente Datenverarbeitung gewonnen wurde, damit Krebsmediziner sie auch für therapeutische Entscheidungen verwenden können.

Aus neuralen Stammzellen gewonnene „Neurosphäre der Maus“. © DKFZ

Seit Wiestler die Leitung des DKFZ übernommen hatte, setzt er sich nachdrücklich für die Förderung der Stammzellforschung ein. Noch vor wenigen Jahren war das Thema Stammzellen und Krebs ein Arbeitsgebiet weniger Spezialisten; inzwischen wird für die meisten Krebserkrankungen angenommen, dass sie sich aus Stammzellen im Körper entwickeln. „Häufig sind Gene, die das Wachstum von Stammzellen regulieren“, erklärt Wiestler, „auch an der Entstehung von Tumoren beteiligt.“ Viele Tumoren besitzen zudem sogenannte Krebsstammzellen, die für den Nachschub an Krebszellen sorgen. Sie sind relativ resistent gegenüber Chemotherapie und Bestrahlung und sind wahrscheinlich für das Wachstum von Rezidiven nach zunächst erfolgreicher Entfernung des Primärtumors und für die Entstehung von Metastasen verantwortlich. Wiestler ist überzeugt, dass die Erforschung der Tumorstammzellen die Behandlung von Krebspatienten in Zukunft entscheidend beeinflussen und verbessern wird.

2008 wurde Prof. Dr. Andreas Trumpp an das DKFZ berufen, der sich mit der Erforschung von Tumorstammzellen einen Namen gemacht hat. Trumpp übernahm gleichzeitig die Geschäftsführung des Heidelberger Instituts für Stammzelltechnologie und experimentelle Medizin (HI-STEM gGmbH), einer gemeinnützigen Public Private Partnership zwischen dem DKFZ und der Dietmar Hopp Stiftung, die das Ziel hat, die Ergebnisse der Stammzellforschung möglichst schnell in die Entwicklung neuer Medikamente und wirksamer Therapien gegen Krebserkrankungen umzusetzen. Die Gründung von HI-STEM als zentraler Partner des Spitzenclusters „Zellbasierte und Molekulare Medizin“ erfolgte im Rahmen des Spitzencluster-Wettbewerbs des Bundesforschungsministeriums, den der Biotech-Cluster Rhein-Neckar (BioRN) mit der Unterstützung durch Wiestler gewonnen hatte.

Ehrendoktor der Universität Tübingen

Die Gründung des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung am 29.10.2012 im DKFZ. Links am Rednerpult Prof. Dr. O. Wiestler; rechts vorn Bundesministerin Prof. Dr. A. Schavan und Nobelpreisträger Prof. Dr. H. zur Hausen. © DKFZ

Am 20. Oktober 2012 verlieh die Medizinische Fakultät der Universität Tübingen Prof. Dr. Otmar D. Wiestler die Ehrendoktorwürde für seine Verdienste um die neuropathologische, neurologische und onkologische Forschung. In der Laudatio wurden neben seinen Leistungen in Bonn und Heidelberg seine Beiträge für die Gesundheitsforschung in Deutschland hervorgehoben. Als Vizepräsident der Helmholtz-Gemeinschaft für den Forschungsbereich Gesundheit hatte er sich auch für die Einrichtung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen engagiert, an dem unter anderem das Universitätsklinikum Tübingen und besonders das Hertie-Institut für klinische Hirnforschung beteiligt sind. Wiestler ist Mitglied im Kuratorium dieses Instituts und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Auch Konzeption und Aufbau des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) sind entscheidend Wiestler zu verdanken. Mit der Gründung des DKTK „möchten wir die beispielhafte Zusammenarbeit zwischen Krebsforschern und Ärzten, die wir im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg etabliert haben, auf ganz Deutschland übertragen“, erklärte Wiestler bei der Eröffnung des DKTK wenige Tage nachdem ihm die Ehrendoktorwürde verliehen worden war. Einer der Partnerstandorte, an denen gemeinsam mit dem DKFZ ein Translationszentrum eingerichtet wird, ist die Universitätsmedizin Tübingen.

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