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Rentschler setzt mit LEUKOCARE-Allianz die Formulierung auf die Agenda der Biopharmazeutika

Rentschler Biotechnologie und LEUKOCARE haben am 2. Februar 2017 bekannt gegeben, dass das Biotech-Unternehmen LEUKOCARE im Rahmen einer strategischen Allianz künftig die Formulierungsentwicklung der Biopharmazeutika für den Laupheimer Auftragshersteller exklusiv übernehmen wird. Im Zuge dieser Kooperation beteiligt sich Rentschler mit zehn Prozent an dem 2003 gegründeten Unternehmen mit Sitz in Martinsried. Walter Pytlik sprach für BIOPRO mit den beiden CEOs, Dr. Frank Mathias von Rentschler und Michael Scholl von LEUKOCARE, über die Hintergründe.

Wollen gemeinsam die Formulierung verbessern: Dr. Frank Mathias, CEO von Rentschler Biotechnologie (links), und Michael Scholl, CEO von LEUKOCARE. © Rentschler, LEUKOCARE

In Ihrer Pressemitteilung ist zu lesen, dass beide Unternehmen das „Thema der Formulierung auf die Agenda der Branche“ setzen wollen. Gibt es dazu – auch über Ihre strategische Allianz hinaus – Anlass? Gibt es bezüglich der Entwicklung und Fertigung von Biopharmazeutika deutliches Verbesserungspotenzial?

Mathias: Ja. Wir sind der Überzeugung, dass das Thema Formulierung und vor allem die marktfähige Formulierung bei vielen Herstellern oder pharmazeutischen Unternehmen in den Kinderschuhen steckt. Wir sehen es bei uns, wenn wir in unsere Pipeline schauen, dass es noch viele Proteine oder Antikörper gibt, die man viel besser formulieren könnte. Deswegen haben wir das bei Rentschler als Thema gesehen und sind auf die Firma LEUKOCARE zugegangen, die aus unserer Sicht eine State-of-the-Art-Plattform hat, um dieses Problem zu lösen, und haben jetzt diese Allianz bekannt gegeben.

Glossar

  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Proteine (oder auch Eiweiße) sind hochmolekulare Verbindung aus Aminosäuren. Sie übernehmen vielfältige Funktionen in der Zelle und stellen mehr als 50 % der organischen Masse.
  • Transformation ist die natürliche Fähigkeit mancher Bakterienarten, freie DNA aus der Umgebung durch ihre Zellwand hindurch aufzunehmen. In der Gentechnik wird die Transformation häufig dazu benutzt, um rekombinante Plasmide, z. B. in E. coli, einzuschleusen. Hierbei handelt es sich um eine modifizierte Form der natürlichen Transformation.
  • Biopharmaka sind Arzneimittel, die mit Hilfe von biologischen Systemen hergestellt werden.
  • Oral bedeutet in der Medizin: Aufnahme von Stoffen durch den Mund. Anatomisch bedeutet oral: in Richtung Mund liegend.
  • Die Zelldifferenzierung bezeichnet die Spezialisierung von Zellen in Bezug auf ihre Funktion und ihre Struktur. So entstehen aus undifferenzierte Stammzellen verschiedene Zelltypen wie Herzmuskel-, Nerven- oder Leberzellen, die ganz unterschiedlich ausssehen und verschiedene Aufgaben erfüllen.
  • Bioaktive Substanzen sind Stoffe in Lebensmitteln, die meist eine gesundheitsfördernde biologische Wirkung auf den menschlichen Körper haben, aber keine Nährstoffe bzw. Energie liefern. Sie haben häufig entzündungshemmende, antioxidative, immunmodulierende oder antikanzerogene Wirkung.

Was kann Ihre Technologie, was andere nicht können? Gibt es ein Alleinstellungsmerkmal?

Scholl: Unsere Technologie greift das Thema Formulierung auf und hebt es auf eine neue Ebene. Wir haben nicht einen inkrementell besseren Schutz oder eine inkrementell bessere Stabilität, sondern wir erhöhen auf Basis unter Technologieplattform die Stabilität so deutlich, dass ein Produkt, das bisher nur tiefgefroren in Form eines Lyophilisats gelagert werden konnte, jetzt in flüssiger Form bei fünf Grad oder sogar bei Raumtemperatur gelagert werden kann. Wir verbessern also nicht eine bisher vorhandene Formulierung, sondern erreichen durch unsere Plattform eine signifikante Stabilitätsverbesserung und können dadurch auch Produkteigenschaften beeinflussen.

Ist Ihre Formulierungstechnologie auf bestimmte Biologicals beschränkt?

Scholl: Nein. Wir haben in der Allianz mit Rentschler sämtliche biopharmazeutischen Moleküle im Blick, die in Säugetierzellen hergestellt werden.

Was ist das Wirkprinzip Ihrer Technologie?

Scholl: Wir setzen Hilfsstoffe ein, die die dreidimensionale Struktur des Proteins unterstützen, entweder in trockener Form, indem sich eine Hülle von Hilfsstoffen um das Molekül herum anordnet und damit eine schützende Hülle bildet, oder in flüssiger Formulierung, indem wir die Hydrathülle des Proteins stabilisieren. Wir modifizieren nicht das Molekül, sondern ganz im Gegenteil, wir unterstützen es in seiner natürlichen, nativen dreidimensionalen Struktur.

Lassen sich die mit Ihrer Technologie erzielten Wettbewerbsvorteile in Zahlen fassen?

Mit ihrer patentierten Formulierungstechnologie will LEUKOCARE Stabilität und Schutz der Biopharmazeutika verbessern. © LEUKOCARE

Scholl: Die Frage ist sehr berechtigt. Wir haben da noch keine richtige, schlagkräftige Antwort darauf, da bin ich ganz ehrlich. Das liegt ein bisschen daran, dass es nicht die Standard-Anwendung gibt. In einem Fall kann es so sein, dass es bei einem Präparat, das beispielsweise nur 12 Monate shelf-life1 hat, sich die shelf-life auf vielleicht 24 Monate verlängert. In einem anderen Fall ist es vielleicht ein Produkt, das lyophilisiert werden musste und durch unsere Technologie jetzt in flüssiger Formulierung vorliegt. Daraus ergeben sich zwei Vorteile: Die Produktion wird einfacher und billiger, vor allem aber wird dadurch die Compliance für den Arzt besser. Wir werden Business Cases zusammen mit Rentschler ausarbeiten, um mehr Substanz zu generieren.

Wie lässt sich der „hohe Nutzen für Ärzte und Patienten“ (siehe Pressemitteilung) näher beschreiben?

Mathias: Die Darreichungsform, die das pharmazeutische Unternehmen am Ende dem Patienten oder dem Arzt zur Verfügung stellt – höhere Temperaturbeständigkeit, bessere Lagerfähigkeit – das sind alles Vorteile im täglichen Gebrauch. Ich muss ein Lyophilisat nicht erst auftauen und aufwärmen und ein Arzneimittel ganz schnell verwenden, um nur ein Beispiel zu nennen.

Mit Blick auf Ihr Kundenportfolio: Die Entwicklung und Herstellung von Biosimilars gilt als besonders anspruchsvoll. Wird die Nutzung der Formulierungstechnologie dieses Unterfangen erleichtern?

Mathias: Wir erhoffen uns dadurch eine klare Differenzierung gegenüber anderen CDMOs, indem wir zeigen, dass wir im Auftrag unserer Kunden entlang der gesamten Wertschöpfungskette auch innovativ bleiben. Unser Ziel ist es, ganz vorne mit dabei zu sein: Wir decken eine bestimmte Kette ab, von der Zellentwicklung bis zum Vial. Überall, wo wir Produktionsvorteile, hier Formulierungsvorteile, mitbringen können, ist das ein innovativer Schritt nach vorne.

Wo geschieht die Formulierungsentwicklung, in Laupheim oder Martinsried?

Mathias: Sie wird in Martinsried stattfinden.

Wo überall kommt die neue Technologie zum Einsatz?

Mathias: Lassen Sie mich vorausschicken: Das Thema wird bei vielen Kunden unterschätzt. Bei vielen Reisen mit unseren Kunden hörte ich Aussagen wie „Oh, wir haben ja ganz vergessen, an der Formulierung zu arbeiten. Hätten wir das bedacht, hätten wir jetzt nicht so viele Probleme.“ Wir werden das jetzt breit allen Kunden anbieten, und wenn es für den Kunden einen Vorteil bringt, nehme ich an, dass der Kunde daran ein intrinsisches Interesse haben wird, diese Formulierung auch zu verwenden.

Die Formulierung von Biopharmazeutika geschah bisher inhouse, oder?

Mathias: Ja, wie auch bei anderen CDMOs. Dabei handelte es sich um eine Standardformulierung. Wir kennen unser Metier, wir können das sehr gut. Aber hier geht es jetzt um eine ganz andere Dimension.

Wie soll das frei werdende Potenzial genutzt werden? Werden Arbeitsplätze in diesem Bereich abgebaut?

Mathias: Nein. Wir behalten alle unsere Mitarbeiter, wir setzen sie nur in anderen Projekten ein. In der Entwicklung haben wir viel zu tun. Unsere Mitarbeiter reagieren auch extrem positiv auf die Mitteilung.

Warum ausgerechnet Rentschler?

Scholl: Ich glaube, dass Allianzen wie diese sehr stark von Menschen getrieben werden. Ich kenne Frank Mathias schon aus der Zeit, bevor er bei Rentschler CEO war [Anm. der Redaktion: Mathias war zuvor von 2009 bis März 2016 CEO bei Medigene, ebenfalls in Martinsried]. Über diesen Kontakt haben wir gemeinsam das Konzept erarbeitet. Mit Rentschler haben wir ein sehr gutes Konstrukt gefunden. Die mehr oder weniger räumliche Nähe spricht für diese Allianz.

Rentschler beteiligt sich zu zehn Prozent an Ihrem Unternehmen. Verleiht Ihnen das eine größere finanzielle Stabilität?

Scholl: In der Tat, ja. Nicht, dass wir vorher finanziell instabil gewesen wären. Die Allianz wird unser Wachstum beschleunigen, auch unsere Organisation teilweise transformieren. Die Beteiligung von Rentschler an der LEUKOCARE gibt uns auch das finanzielle Rückgrat, dieses Wachstum zu stemmen.

Was bringt Sie dazu, statt des Erwerbs einer Lizenz zur Nutzung dieser Formulierungstechnologie, gleich eine strategische Allianz mit einem kleinen Biotech einzugehen?

Mathias: Die Stärke einer Allianz ist zweifellos größer. Wir wollen langfristig zusammenarbeiten. Wir sind nicht an einzelnen Lizenzen für einzelne Kunden interessiert, sondern wir wollen die gesamte Technologie in unsere Wertschöpfungskette integrieren.

Welche konkreten Wettbewerbsvorteile erhofft sich Rentschler von dieser engen Zusammenarbeit?

Mathias: Ich glaube, man kennt uns als einen sehr innovativen CDMO, der sich hier in ein Gebiet traut, das noch unterentwickelt ist und vielleicht damit die gesamte Produktion nach vorne bringt. Das Thema Formulierung wird eines der Themen für die kommenden Jahre sein.

Setzt also diese Allianz ein Signal an die Biopharma-Community?

Mathias: Ja, das hoffe ich, und zwar in dem Sinn, dass man sehr viel davon profitieren kann, wenn man schon in einer sehr frühen Phase der klinischen Entwicklung eines Produkts an die Endformulierung geht. Viele Unternehmen gehen mit einer suboptimalen Formulierung in die Phasen I und II. Dann rückt mit der Phase III der Markt näher und es stellt sich heraus, dass die Formulierung nicht passt. Das ist übrigens bei einigen Produkten so, die schon auf dem Markt sind. Man gewinnt sehr viel Zeit und Geld, wenn man ganz früh beginnt, ohne dass man Zeitvorgaben verlässt. LEUKOCARE kann in derselben Zeit eine Best-in-class Formulierung entwickeln wie wir es heute mit einer Standardformulierung tun. Dann haben sie von Anfang an eine marktfähige Formulierung. Das erhöht auch den Wert eines Produktes innerhalb eines Biotech-Unternehmens und damit auch für ein großes Pharma-Unternehmen, das sich für das Unternehmen oder dessen Produkt interessiert.

Zu Zahlen der Allianz haben Sie nichts verlauten lassen. Können Sie wenigstens eine Größenordnung angeben?

Mathias: Unsere Beteiligung liegt im mittleren einstelligen Millionenbereich.

Weitere Informationen:

Die Formulierung ist der wichtigste Schritt bei der Überführung eines bioaktiven Moleküls in ein Arzneimittel. Sie stellt sicher, dass das Arzneimittel über die erforderliche orale Exposition und Pharmakokinetik beim Menschen verfügt, eine hinreichende chemische und physikalische Stabilität und damit Lagerfähigkeit besitzt und sowohl aus medizinischer als auch behördlicher Sicht alle Kriterien eines wirksamen Medikaments für die Anwendung am Menschen erfüllt. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Erforschung von Formulierungen, welche den Transport des Arzneistoffs an den vorgesehenen Wirkort verbessern, wodurch sich die für die Wirksamkeit erforderliche Dosis verringert.

1 shelf-life: Haltbarkeit
2 CDMO: Contract Development and Manufacturing Organization

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