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Werner Hacke und die moderne Schlaganfall-Therapie

Mit bahnbrechenden Arbeiten zur Vorbeugung und Behandlung des Schlaganfalls wurde Prof. Dr. Werner Hacke, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg, berühmt. Er ist der am häufigsten in wissenschaftlichen Fachartikeln zitierte Neurologe weltweit. Jetzt geht er in den Ruhestand, wird aber als erster Seniorprofessor der Heidelberger Medizin auch weiterhin forschen, lehren und klinische Studien zur Weiterentwicklung der Schlaganfall-Therapien leiten.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dipl.-Psych. Werner Hacke © Universitätsklinikum Heidelberg

„Vor zwanzig Jahren gab es überhaupt noch keine richtige Therapie bei Schlaganfall. Heute haben wir zwar immer noch sehr viele Schlaganfälle, aber die Behandlungsmöglichkeiten haben die Prognose massiv verbessert“, sagte Werner Hacke, der zum 1. Oktober 2014 nach 27 Jahren als Ärztlicher Direktor die Leitung der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg an den Neuroonkologen Prof. Dr. Wolfgang Wick übergeben hat.

Die Fortschritte, die es in den letzten zwei Jahrzehnten bei der Therapie eines akuten Schlaganfalls gegeben hat, sind eng mit dem Namen Werner Hacke verbunden. Seit 1995 war er maßgeblich an der Entwicklung und Einführung der Thrombolyse, der bisher einzigen zugelassenen medikamentösen Akut-Therapie des Hirninfarkts bei Verschluss einer Gehirnarterie, beteiligt.

Am Universitätsklinikum Heidelberg setzte Hacke 1998 das Konzept der „Stroke Unit“ durch, in der Schlaganfall-Patienten nicht auf einer Normalstation, sondern schnellstmöglich in einer apparativ und personell besonders ausgestatteten Spezialstation intensivmedizinisch und interdisziplinär diagnostiziert, therapiert und überwacht werden. Heute gibt es mehr als 250 zertifizierte Stroke Units in Deutschland; mit etwa 900 Patienten pro Jahr ist die Heidelberger Einrichtung eine der größten in ganz Europa.

Schlaganfallstation („Stroke Unit“) in der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg © Universitätsklinikum Heidelberg

2008 wurde mit der unter Hackes Leitung von einem internationalen Team durchgeführten ECASS3-Studie („European Cooperative Acute Stroke Study“) gezeigt, dass eine Therapie durch Thrombolyse auch noch 3 bis 4,5 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome wirksam und sicher ist. Von dieser Erweiterung des Zeitfensters für die Behandlung können allein in Deutschland mehrere tausend Patienten jährlich profitieren; sie gibt auch, wie Hacke betonte, „Vertrauen, dass wir den Schlaganfall tatsächlich bekämpfen können.“

Die Veröffentlichung dieser Studie wurde von der hochangesehenen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ zum „Paper of the Year 2008“ gekürt. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie bezeichnete ECASS3 als größten Durchbruch in der Schlaganfall-Forschung der letzten zwölf Jahre.

Hauptursache für Pflegebedürftigkeit im Alter

Zwar wird manchmal ein ganzes Sammelsurium von Krankheitsbildern als Schlaganfall bezeichnet, aber im eigentlichen Sinne versteht man darunter eine oft „schlagartig“ auftretende Durchblutungsstörung im Gehirn, die zu einer regionalen Unterversorgung mit Sauerstoff und Glucose und damit zum Absterben von Hirngewebe führt. In Deutschland erleiden jährlich etwa 250.000 Menschen einen Schlaganfall. Er ist eine der häufigsten Todesursachen weltweit, und er ist die Hauptursache für schwere Langzeitbehinderungen und Pflegebedürftigkeit im Alter.

Die häufigste Form des Schlaganfalls ist der Hirninfarkt durch Verschluss einer Blut-zuführenden Hirnarterie – beispielsweise durch ein vom Herzen her eingeschwemmtes Blutgerinnsel (Thrombus). In rund 20 Prozent der Fälle entsteht der Schlaganfall durch Blutungen kleiner Gefäße im Gehirn selbst, etwa infolge langjährigen hohen Blutdrucks. Für den Therapieerfolg kommt es auf die Schnelligkeit an, mit der bei einem akuten Schlaganfall Gegenmaßnahmen ergriffen werden können.

Blutpfropf in einer zum Gehirn führenden Halsschlagader © Universitätsklinikum Heidelberg

Wie zahlreiche Untersuchungen zeigen, ist für den Erfolg einer Schlaganfall-Therapie die schnelle Einlieferung in eine Stroke Unit von größter Bedeutung. Dort wird umgehend eine Computertomografie oder Magnetresonanztomografie des Kopfes durchgeführt, um zu klären, ob es sich um einen Hirninfarkt oder eine Hirnblutung handelt. Wenn es ein Hirninfarkt ist, muss entschieden werden, ob die Wiedereröffnung des verschlossenen Gefäßes mit einem Katheter oder mit der Infusion eines Medikaments, einer Thrombolyse, möglich ist. Der Entwicklung und Durchsetzung dieses Therapiekonzeptes ist Hackes internationaler Ruhm als Pionier der modernen Schlaganfallforschung vor allem zu verdanken.

Für die Thrombolyse beim Hirninfarkt wird ein als Alteplase bezeichnetes Enzym (in Deutschland unter dem Namen Actilyse bekannt) verwendet. Es handelt sich um einen gentechnologisch hergestellten Plasminogenaktivator (rt-PA, „recombinant tissue specific plasminogen activator“), eine Protease, die das im Blut vorhandene Plasminogen direkt in Plasmin verwandelt; dieses wiederum kann dann das Gerüstprotein Fibrin in den Blutgerinnseln spalten. Die Verabreichung von rt-PA muss unter strengster Überwachung in der Schlaganfallstation erfolgen, da als Nebenwirkung die Gefahr lebensbedrohender Blutungen besteht. Die Thrombolyse-Therapie kann nur in den ersten Stunden nach Beginn der Symptomatik durchgeführt werden, doch ist es dank der ECASS3-Studie gelungen, den kritischen Zeitraum zu verlängern.

Mit der voraussichtlich bis 2016 laufenden, weiterhin von Hacke geleiteten ECASS4-Studie wird untersucht, ob dieses Zeitfenster unter bestimmten Bedingungen auf bis zu neun Stunden ausgedehnt werden kann. Das ist schon deswegen wünschenswert, weil bei manchen Patienten unklar ist, wann die Symptome des Schlaganfalls erstmals aufgetreten sind.

Anlässlich der Entlassung in den Ruhestand wurde Werner Hacke in einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung am 6. Oktober 2014 gefragt, worauf er in seinem Berufsleben besonders stolz sei. Er antwortete: „Dass ich überall auf der Welt Kollegen, treffe, die hier gelernt haben und unsere Strukturen in ihren Heimatländern erfolgreich umgesetzt haben. So haben wir Einfluss darauf genommen, wie die Akutneurologie heute weltweit praktiziert wird.“

Vom Niederrhein nach Heidelberg

Prof. Dr. Werner Hacke © Universitätsklinikum Heidelberg

Werner Hacke wurde 1948 in Duisburg geboren. Von 1968 bis 1974 studierte er Medizin und Psychologie an der Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen, was er „mit Auszeichnung“ abschloss; dafür wurde ihm die Borchers-Plakette der RWTH verliehen. Seine Facharztausbildung erhielt er im Psychiatrischen Krankenhaus der Kleinstadt Gangelt an der niederländischen Grenze, an der Neurologischen Universitätsklinik Aachen sowie der Neurologischen Klinik der Universität Bern.

Nach der Facharztanerkennung für Neurologie und Psychiatrie war Hacke ab 1980 Oberarzt an der Neurologischen Klinik der RWTH, später Leitender Oberarzt und C2-Professor für Neurologie. Es folgte ein einjähriger Aufenthalt als Visiting Professor an der Scripps Clinic in La Jolla/San Diego in Kalifornien, bevor er 1987 einem Ruf auf die C4-Professur für Neurologie an der Universität Heidelberg folgte. Mit 39 Jahren wurde er der jüngste Leiter einer neurologischen Klinik, den es jemals in Deutschland gegeben hatte.

Hacke war zweimal Dekan der Medizinischen Fakultät Heidelberg und viele Jahre im Klinikumsvorstand tätig. Für seine Pionierleistungen in der Schlaganfall-Behandlung und in der neurologischen Intensivmedizin wurde er mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter als erster Nicht-Amerikaner mit dem Feinberg Award der American Heart Association und als erster Preisträger überhaupt mit dem Karolinska Stroke Award. 2008 erhielt er den President's Award der World Stroke Organization. Er ist Träger des Ehrendoktorats der Universität Tiflis in Georgien. In vielen wissenschaftlichen Organisationen hatte er führende Positionen inne, darunter als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der Deutschen Schlaganfallgesellschaft und des European Stroke Council, als Präsident der World Stroke Conference in Kapstadt 2006 und als Vorsitzender des Scientific Council der World Stroke Conference in Wien 2008. Er war Gründungspräsident der European Stroke Organization. Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften und die European Academy of Sciences wählten ihn zum Mitglied, und verschiedene nationale und internationale neurologische Gesellschaften – unter anderem aus den USA, Russland, Frankreich und Österreich verliehen ihm die Ehrenmitgliedschaft.

Werner Hacke ist Autor und Co-Autor mehrerer Lehrbücher und Monografien und für eine Reihe von wissenschaftlichen Zeitschriften als Editor oder im Editorial Board tätig. Mit mehr als 450 Originalveröffentlichungen in begutachteten internationalen Zeitschriften und hohem Impaktfaktor (h-Index >100) ist er gegenwärtig der weltweit am meisten zitierte Neurologe und Schlaganfallforscher überhaupt.

Wie Hacke das gewaltige Arbeitspensum in seinem Berufsleben bewältigt hat, ist kaum zu begreifen. Von sich selbst sagt er, dass er nie nachts und nie am Wochenende gearbeitet hätte. Sorge, dass er jetzt im Ruhestand nichts mehr zu tun hätte, braucht er sich nicht zu machen. Als erstem Mediziner hat ihm die Universität Heidelberg eine Seniorprofessur eingerichtet, in der er weitere drei Jahre forschen und lehren kann, ohne sich weiter um die Krankenversorgung kümmern zu müssen. So kann Hacke weiterhin klinische Studien begleiten und sich wissenschaftlichen Arbeiten zur Therapie und Prophylaxe des Schlaganfalls widmen. Und er freut sich, dass ihm dabei mehr Zeit für die Familie und private Interessen bleibt.

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