Powered by

ChemCon - die ideale Nische gefunden und besetzt

Die Geschäftsidee erscheint auf den ersten Blick verschroben: Wer spezialisiert sich schon aus freien Stücken auf die Entwicklung und Produktion von pharmazeutischen Wirkstoffen, die nur in seltenen Fällen oder ganz geringen Mengen benötigt werden. Dr. Raphael Vogler und Dr. Peter Gockel - Gründer und Eigentümer der Freiburger ChemCon GmbH - haben das getan und sie haben die ideale Nische für ihr Unternehmen gefunden. Selbst die ganz Großen der Branche machen sich das Spezialwissen von ChemCon zu Nutze und beauftragen die Freiburger Chemiker mit der Herstellung von ganz speziellen Arzneistoffen, so genannten "Orphan Drugs".

„Orphan“ ist das englische Wort für „Waisenkind“ und „Orphan Drugs“ nennt man Medikamente zur Behandlung sehr seltener Erkrankungen. Dazu, dass diese Substanzen nur sporadisch gebraucht werden, kommt häufig noch, dass sie bereits in kleinsten Mengen hochwirksam sind. Oftmals handelt es sich bei diesen Wirkstoffen um Zytostatika zur Krebstherapie. Das Produkt CC 3 (CC steht für ChemCon, 3 für die dritte erfolgreiche Produktentwicklung) beispielsweise ist ein Wirkstoff, der zur Behandlung von Kindern mit Leukämie eingesetzt wird.

Erfolgreicher Abschluss beinahe garantiert

Das Herz des Unternehmens: Ohne Reinraum wäre die GMP-Produktion nicht möglich. © ChemCon
In der Regel produziert ChemCon von diesen Wirkstoffen für Spezialmedikamente je nach Produkt zwischen 20 und 150 Kilogramm pro Jahr. „Es ist zwar nicht einfach, auf diesem Konzept eine rentable Firma zu errichten“, räumt Raphael Vogler ein. „Doch wer kleine und kleinste Mengen an Medikamentenwirkstoffen unter absoluten GMP-Bedingungen herstellen kann, der kann eine Marktlücke besetzen. Das haben wir getan.“ Von GMP-Bedingungen spricht man in der pharmazeutischen Branche, wenn Arzneistoffe nach standardisierten, streng kontrollierten Verfahren hergestellt werden, für die es durch die Europäische Union oder der amerikanische Gesundheitsbehörde FDA formulierte, genau definierte Richtlinien gibt.
Die umfangreiche Bibliothek hilft, wenn knifflige Probleme zu lösen sind. © ChemCon
Kunden, die ChemCon mit der Herstellung einer pharmazeutischen Substanz beauftragen, müssen bei der Wirkstoffsuche bereits fündig geworden sein. „Sie müssen wissen, wie ‚ihr’ Molekül aussieht, und sollten es aufs Papier malen können“, sagt Vogler. Mit der Strukturformel als Ausgangspunkt macht sich das Team dann an die Entwicklung eines Syntheseweges für die gewünschte Substanz. „Unsere Chemielabors sind ausgestattet und ausgelegt für die Prozessentwicklung“, erklärt der Firmenchef. In der Regel begleitet man die Kunden bis zur Marktreife des Produkts und übernimmt dann auch die Produktion des Arzneimittelwirkstoffs. „Das ist für uns der Optimalfall. Reine Entwicklungsprodukte sind einfach schwierig zu kalkulieren“, erläutert Vogler. Stolz ist er darauf, dass ChemCon 98 Prozent der chemischen Entwicklungen, mit denen das Unternehmen beauftragt worden ist, erfolgreich abschließen konnte. Mittlerweile sind davon zehn Substanzen auf dem Markt.

Dollarkurs zwingt zur Suche nach neuen Märkten

In der Vergangenheit machte ChemCon einen großen Teil seines Geschäfts in den USA und in Kanada. Mitfirmeninhaber Gockel ließ sich deshalb vor einigen Jahren schon jenseits des Atlantiks nieder. Schließlich gehört Beratung unverzichtbar zum Firmenservice. Doch inzwischen macht der schwache Dollarkurs auch dem immer noch vollständig privat gehaltenen Unternehmen ziemlich zu schaffen. Im Freiburger BioTechPark an der Engesserstraße sucht man deshalb nach Alternativen zum Markt in Übersee. „Im Jahr 2007 haben wir immerhin schon etwa 55 Prozent unseres Umsatzes in Europa erzielt, und 2008 wollen wir hier sogar 70 Prozent erwirtschaften“, sagt Vogler. Im aufstrebenden Asien sieht er, abgesehen von Japan, wo man bereits erfolgreich agiert, auch künftig keinen Markt. „In Indien oder China können wir preislich nicht mithalten“, räumt Vogler unumwunden ein. Afrika sei leider bisher ein pharmafreier Raum und auch in Südamerika lasse sich kaum Geld verdienen. Optimistisch blickt der Unternehmenschef dagegen auf den Markt in Australien und Neuseeland. Hier hofft Vogler neue Kunden zu gewinnen. Auch in Israel böten sich dem Unternehmen interessante Perspektiven.
Ästhetik, die heilen hilft: Rundkolben in der Wirkstoffherstellung © ChemCon
Gar nicht bange macht es Vogler, dass man in der Pharmabranche zunehmend mehr auf biologische Arzneimittel setzt. Viele Insider prophezeien, dass Substanzen wie Antikörper, Hormonen oder Gerinnungsfaktoren die Zukunft gehört. Der ChemCon-Chef allerdings ist sich sicher, dass man in der Medikamentenentwicklung auf die klassische Chemie trotzdem nicht verzichten kann. „Und das wird auch noch in 500 Jahren gelten.“

Zufall und gelungener Wandel – die Geschichte der ChemCon

Raphael Vogler und Peter Gockel lernten sich 1994 an der Universität Freiburg kennen. Gemeinsam arbeiteten sie an ihrer Doktorarbeit, und in diesem Zuge nebenbei auch an einem kleinen, mit Drittmitteln geförderten Projekt. Im Januar 1997 gründeten die beiden dann die Firma Chemical Consulting, kurz ChemCon. Ursprünglich wollten sie ihre Firma als reines Beratungsunternehmen auf dem Markt platzieren. Doch dann wandte sich jenes US-Unternehmen, das damals an der Universität das kleine Drittmittelprojekt gefördert hatte, mit einem Auftrag an die Chemiker. Sie sollten ein Chemotherapeutikum synthetisieren – und zwar unter GMP-Bedingungen. Vogler und Gockel investierten in einen Reinraum, den die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA kurz darauf ohne Beanstandungen als GMP-Labor zertifizierte. So wurde aus einer chemischen Beratungsfirma ein Unternehmen, das im Auftrag Wirkstoffe für Medikamente entwickelt sowie produziert und heute 53 Mitarbeiter beschäftigt.

CHEMCON ERHÄLT HERSTELLUNGSERLAUBNIS FÜR HALBFESTE ARZNEIMITTEL ZUR VERWENDUNG AM MENSCHEN:

ChemCon erhält die Herstellungserlaubnis von halbfesten Arzneimitteln (Salben, Cremes) zur Verwendung am Menschen. Dies bestätigt die amtliche Inspektion durch Mitarbeiter des Regierungspräsidiums Tübingen am 30. Juli 2013.
Mit dieser Erlaubnis ist ChemCon in der Lage, die ganze Wertschöpfungskette in der Arzneimittelentwicklung anzubieten. Dies fängt bei der Wirkstoffentwicklung in der frühen Forschungsphase an, geht weiter mit der Überführung der Wirkstoffherstellung in die GMP-konforme Produktion und endet jetzt bei der Bereitstellung des fertig abgefüllten Prüfmusters für die klinische Prüfung. So kann ChemCon alle aufeinander abgestimmten Entwicklungsschritte aus einer Hand durchführen, die wichtig sind, um Arzneimittel für die klinische Prüfung der Phasen I bis III bereitzustellen. Dies gilt sowohl für den Placebo-Arm, als auch den Verum-Arm einer klinischen Studie. Diese Bündelung der Entwicklungsschritte und Verkürzung der Kommunikationswege ermöglicht Kunden Zeit und Kostenersparnis auf dem Weg zur Markteinführung eines neuen Arzneimittels.

-aus Pressemitteilung ChemCon,28.11.2013-

kb – 05.05.08
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH

Weitere Informationen zum Beitrag:
Dr. Raphael Vogler
President, CEO
ChemCon GmbH
Engesserstr. 4b
79108 Freiburg
Tel.: 0761/5597-0
Fax: 0761/5597-449
E-Mail:raphael.vogler@chemcon.com

Glossar

  • Antikörper sind körpereigene Proteine (Immunglobuline), die im Verlauf einer Immunantwort von den B-Lymphozyten gebildet werden. Sie erkennen in den Körper eingedrungene Fremdstoffe (z. B. Bakterien) und helfen im Rahmen einer umfassenden Immunantwort, diese zu bekämpfen.
  • Ein Hormon ist eine biochemisch aktive Substanz, die als Botenstoff von ihrem Entstehungsort zu ihrem Zielort transportiert wird (häufig über das Blut) und dort eine Reaktion in der Zelle auslöst. Insulin wird z.B. in der Bauchspeicheldrüse produziert, gelangt über das Blut zum Muskel und sorgt dort für eine Senkung des Blutzuckerspiegels.
  • Zytostatika sind Wirkstoffe, die die Zellteilung bzw. das Zellwachstum hemmen. Da sie vor allem auf die Zellen giftig wirken, die sich stark teilen, werden sie hauptsächlich für die Behandlung von Krebs (Chemotherapie) und auch von bestimmten Autoimmunerkrankungen eingesetzt.
  • Chemotherapie ist eine Behandlung von Krankheiten, insbesondere Krebs, unter Einsatz von Chemotherapeutika (Medikamente zur Wachstumshemmung von (Krebs)-Zellen).
  • kb ist die Abkürzung für Kilobase. Diese Einheit für die Länge von DNA- oder RNA-Molekülen entspricht 1.000 Basen bzw. Basenpaaren der Nukleinsäure.
  • Leukämie ist eine bösartige Erkrankung (Krebs) des blutbildenden Systems. Durch die vermehrte Bildung entarteter weißer Blutkörperchen und ihrer Vorstufen wird die Blutbildung im Knochenmark gestört. Andere Blutbestandteile werden verdrängt und es kommt dadurch zu Anämie (Blutarmut), Infektionen und Blutungen, die letztlich zum Tod führen, wenn die Leukämie nicht behandelt wird.
  • Good Manufacturing Practise. Eine Sammlung an Richtlinien zu Qualitätssicherung der Produktionsabläufe und -umgebung
  • Koagulationsfaktoren (Gerinnungsfaktoren) sind Stoffe, meist Proteine, die an der Blutgerinnung beteiligt sind.
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/pm/chemcon-die-ideale-nische-gefunden-und-besetzt/