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Ab ins Ausland!

Schnell, praxisnah und vor allem international: Die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse in den Naturwissenschaften sollen die Absolventen für den Arbeitsmarkt fit machen und den unkomplizierten Wissenschaftleraustausch auf der ganzen Welt ermöglichen. Doch die Rechnung geht oft nicht auf, denn Zeit und Geld für einen Auslandsaufenthalt sind knapp bemessen.

Übungen im Labor, Versuchsprotokolle schreiben und Analyseübungen lösen: Sandra hat im kurzen Sommersemester einiges zu tun. Die 22-Jährige studiert seit knapp einem Jahr Biologie an der Universität Hohenheim. Und sie gehört zu den ersten Studierenden im Bachelor-Studiengang. Erst im vergangenen Wintersemester hat die Universität die ersten Studenten für den Bachelor Biologie mit dem Forschungsschwerpunkt „Biologische Signale“ zugelassen. „Ich war schon immer gut in Naturwissenschaften. Vor allem die praktische Arbeit im Labor gefällt mir. Außerdem will ich im Ausland arbeiten“, sagt Sandra. Wenn sie alle Klausuren und Übungen besteht, wird sie in sechs Semestern ihren Abschluss machen.

International lernen und forschen

Über 15 Prozent der Studenten in der Universität Hohenheim kommen aus dem Ausland (Foto:Universität Hohenheim)
Der Bachelor in Biologie an der Universität Hohenheim soll einerseits Grundlagen schaffen und auf die weitere Forschungsarbeit vorbereiten. Andererseits soll er Jobchancen eröffnen. Auch ohne klassische wissenschaftliche Laufbahn. Kurze Studienzeiten und Praxisnähe sind das Ziel. Und die Studenten sollen überall studieren können. Ein einheitliches Leistungspunktesystem, das „European Credit Transfer System“ (ECTS), und der international anerkannte Abschluss, der Bachelor of Science, ermöglichen es Studenten und Absolventen international zu lernen und zu forschen. Mit dem Diplomzeugnis in Biologie hatten es die Studenten oft nicht leicht, ihren Abschluss und ihre Studienleistungen außerhalb Deutschlands anerkannt zu bekommen. „Im Gegensatz zum weltweit bekannten Diplomingenieur wird das Diplom im Ausland häufig als erster berufsqualifizierender Abschluss mit dem Bachelor gleichgesetzt“, sagt Christine Donat vom Akademischen Auslandsamt der Universität Hohenheim. „Das führt dazu, dass Absolventen ein abgeschlossenes Diplomstudium für den Zugang zu Masterprogrammen vorweisen müssen.“ Wird das Diplom umgerüstet, können die Studenten auch mit ihren ausländischen Kommilitonen mitziehen.

Neue Abschlüsse sollen mobiler machen

Die Umstellung des Diplomstudiengangs Biologie in Hohenheim auf ein gestuftes Studiensystem aus Bachelor und Master ist Teil der Vereinbarungen des so genannten Bologna Prozesses. Bereits vor neun Jahren wurden bundesweit erste Studiengänge auf die neuen Abschlüsse umgerüstet. Heute schließen bereits knapp 67 Prozent aller Studiengänge an deutschen Universitäten und Fachhochschulen mit dem Bachelor oder Master ab. In Hohenheim wurden im vergangenen Wintersemester 80 Studierende im Bachelor Biologie aufgenommen. Wie hoch die Bereitschaft für einen Auslandsaufenthalt bei den Studierenden ist, wird sich in den kommenden Semestern zeigen. Hohenheim bietet seinen Studenten zahlreiche Austauschprogramme mit Universitäten auf der ganzen Welt an.
Ein Mensch hält einen Globus im Arm.
Die Welt rückt näher und an der Internationalisierung führt kein Weg mehr vorbei (Foto: BioRegioSTERN/Czurgel)
Dass es mit einem Auslandsaufenthalt nicht gleich klappt, kann unterschiedliche Gründe haben. So kann es etwa an den unterschiedlichen Semesterrhythmen liegen. Während in Deutschland das Studienjahr aus zwei Semestern besteht, wird in England oder Italien in Trimestern studiert. Die Abschlüsse wurden zwar harmonisiert, aber nicht die Vorlesungszeiten. Zudem entscheidet jede Universität im Inland und im Ausland selbst welche Punktzahl und welche Leistungsnachweise die Studenten aufbringen müssen, um aufgenommen zu werden.

Wenig Naturwissenschaftler studieren im Ausland

Ob Diplom oder Bachelor und Master: Naturwissenschaftler begeistern sich seit Jahren deutlich weniger für ein Studium im Ausland. „Die Zahl der Auslandsaufenthalte in naturwissenschaftlichen Fächern ist unterdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Studiengängen“, sagt Gregor Fabian, vom Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover. „Mit der Einführung der Bachelor-Studiengänge sinkt die Bereitschaft noch mehr. Das mag an den hohen Anforderungen liegen. Außerdem spielt der Zeitfaktor eine große Rolle“, sagt Fabian.

Das Bachelor-Studium ist eng gestrickt. Die Stundenpläne sind voll. Häufig kommen die Studierenden erst im vierten oder fünften Semester auf die Idee, ins Ausland zu gehen. Doch dann stehen viele längst vor den Abschlussprüfungen. Eine Studie des Deutschen Studentenwerks zur Internationalisierung des Studiums bestätigt dies. Am Ende der Regelstudienzeit hatten lediglich 17 Prozent aller Bachelor-Studiengänge studienbezogene Auslandserfahrung gemacht. Bei den traditionellen Studiengängen mit Magister oder Diplomabschluss waren es zum gleichen Zeitpunkt mehr als 30 Prozent.

Zum Master nach Übersee

Wer sich mit Grundlagenforschung befassen will, für den reicht ein Bachelor ohnehin nicht aus. Master und Promotion sind ein Muss um in wissenschaftlichen Institutionen oder auch bei Pharmaunternehmen arbeiten zu können. Praktika, Studium oder Sprachaufenthalte im Ausland sind gern gesehen.

Während deutsche Studierende noch zurückhaltend sind, hat die Umrüstung auf Bachelor und Master dazu geführt, dass mehr Studenten aus dem Ausland nach Deutschland kommen. Die neuen Studiengänge werden stark nachgefragt. Die meisten der Studierenden kommen aus China, aus Bulgarien und Polen zum Studium nach Deutschland. Der Rest aus anderen europäischen Staaten. Ganz vorn liegen die Wirtschaftswissenschaften, dann das Ingenieurwesen und die Naturwissenschaften. Wer nach Deutschland zum Studium kommt, will nicht nur eine gute Ausbildung, sondern auch seine Jobaussichten verbessern und Deutsch lernen.

Entscheidung liegt bei Fakultäten

In Hohenheim werden die Masterstudiengänge „Allgemeine und Molekulare Biologie“ und „Organismische Biologie und Ökologie“ zum ersten Mal voraussichtlich ab dem Wintersemester 2010 angeboten. Für die Zulassung zum Masterstudium sind mindestens 300 ECTS-Punkte nötig. Wer aus dem Ausland kommt und weniger Punkte mitbringt, wird Probleme bei der Zulassung bekommen. Studienleistungen, die im Ausland erworben wurden, werden zwar durch die neuen Abschlüsse vereinfacht, doch die Entscheidung über die Einstufung liegt nach wie vor bei den Fakultäten.

Auch Sandra möchte gern noch ins Ausland. Vielleicht nach Neuseeland. Oder in die USA. Wann sie dafür Zeit finden wird, weiß sie heute noch nicht. Vor allem der volle Stundenplan, die Unsicherheit, was in Deutschland an Kursen angerechnet wird und was nicht, geben ihr zu denken. Auch die finanzielle Seite muss sie gut überdenken, da sie ihr Studium selbst finanziert. Dennoch: Die Vorstellung, überall auf der Welt lernen und arbeiten zu können, imponiert ihr. Vielleicht klappt es ja zum Masterstudium. Das will sie auf jeden Fall machen. Ob in Hohenheim oder im Ausland, das wird sie erst im nächsten Jahr entscheiden.
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