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Abwarten und Tee produzieren

Wolfgang Neldner spricht aus Herstellersicht über die Auswirkungen der Health-Claim-Verordnung. Er ist Geschäftsführer der Esslinger Anoxymer GmbH, einem Spezialanbieter von Tees, Kräuterzubereitungen und Pflanzenextrakten für die Weiterverarbeitung in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie.

Wolfgang Neldner ist einer der Geschäftsführer der Anoxymer GmbH, die Pflanzenextrakte zur Gesundheitsvorsorge erforscht und entwickelt. © Anoxymer GmbH

Die Anoxymer GmbH ist im B2B zuhause. Auch wenn sich das Unternehmen mit seinen Produkten also nicht an Endkunden wendet, ist es von der Health-Claim-Verordnung betroffen, da diese grundsätzlich alle in der EU kommerziell vertriebenen Lebensmittel betrifft. Ein großer Teil der Anoxymer-Kunden kommt jedoch aus Asien und Amerika und hier, so Geschäftsführer Wolfgang Neldner, werden die Dinge anders gehandhabt. „In Asien herrscht eine andere Denkweise, ein anderes Wertesystem bei Lebensmitteln. Dort wird ein jahrtausendealtes Erfahrungswissen genutzt, um möglichst gesund und lange zu leben. Um dort Extrakte aus traditionell genutzten Pflanzen zu vermarkten, brauchen wir kein wissenschaftliches Dossier. Die Kunden verlassen sich dort eher auf tradiertes Wissen als auf Kennzeichnungen, was den gesundheitsfördernden Nutzen der Produkte angeht.“ Es kommt eben immer darauf an, was traditionelle Lebensmittel sind. So sind zum Beispiel Brot und Milch als traditionelle Lebensmittel von der Health-Claim-Verordnung der EU ausgenommen. Auch hier schwingt unterschwellig mit, dass jeder im hiesigen Kulturkreis aus jahrhundertelanger Erfahrung weiß, dass Brot und Milch grundsätzlich gesund sind.

Doppelt gut: Aus Erfahrung und aufgrund der Kennzeichnung

Natürlich kennt Neldner auch die Grenzen traditionellen Wissens, gerade in globalen Märkten, und bewertet die Health-Claim-Verordnung grundsätzlich positiv. „Im Prinzip finden wir es richtig, klare Maßstäbe anzulegen. Die Verordnung gibt dem Endverbraucher die Sicherheit, dass das Lebensmittel einwandfrei ist“, so Neldner. Negativ bewertet er jedoch die Umsetzung der Verordnung. „Nach der ersten Veröffentlichung der nährstoffbezogenen Angaben gab es in der Branche große Unsicherheiten. Da es bei den gesundheitsbezogenen Angaben noch keine solche Positivliste gab, war es hier noch schlimmer. Viele haben Claims eingereicht und sind erst einmal gescheitert. Das hat dazu geführt, dass wir und unsere Industriepartner erst einmal abgewartet und keine neuen Kompositionen für den europäischen Markt entwickelt haben.“

Dabei haben Neldner und sein Team durchaus einiges in petto: „Wir haben einige Innovationen in der Schublade, warten in Bezug auf gesundheitsbezogene Angaben jedoch ab. Die Schublade wird dort aufgemacht, wo wir keine EFSA-Begutachtung brauchen.“ Das heißt, Anoxymer konzentriert sich bei Neuentwicklungen zunächst auf seine Kunden in Asien und Amerika. Da die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA inzwischen jedoch detaillierte Angaben für nährwertbezogene Angaben veröffentlicht hat, will das Unternehmen hier einsteigen und zum Beispiel Vitamin-C-angereicherte Lebensmittel entsprechend vermarkten. „Wir sehen auch Chancen im Co-Marketing, wenn beispielsweise Pflanzenextrakte, die mit Vitamin C oder Omega-3-Fettsäuren angereichert sind, zusätzliche gesundheitsfördernde Effekte zeigen“, so Neldner.

Anoxymer konzentriert sich auf Nährwertangaben

Chia stammt ursprünglich aus Südamerika. Anoxymer möchte die Nährwert-Vorzüge der Pflanze auch den Europäern schmackhaft machen. © Carranza & Asociados

Besonders viel Omega-3-Fettsäuren sind in Chia enthalten, einer alten Getreidesorte aus Südamerika, die laut Neldner reif ist für ein weltweites Comeback. „Chia wird in den Hochanden schon seit Jahrhunderten von den Inkas angebaut. Es enthält mit am meisten Omega-3-Fettsäuren unter den Getreiden und diese auch noch in einem für den Menschen optimalen Verhältnis zu Omega-6-Fettsäuren. Zudem hat Chia einen hohen Mineralstoffgehalt – alles Aspekte, mit denen man entsprechende Produkte gut vermarkten kann.“ Außerdem könnte Chia auch im Rahmen des Gewichtsmanagement eingesetzt und vermarktet werden. Neldner nennt die Effekte aus eigener Erfahrung: „Ich trinke morgens ein Glas Apfelsaft mit einem Löffel Chiakörnern, was der Menge an Omega-3-Fettsäuren entspricht, die von der Deutschen Gesellschaft von Ernährung empfohlen wird. Da die Mischung schnell geliert und den Magen auskleidet, empfinde ich dann ein angenehmes Sättigungsgefühl.“

Zurzeit liegt der größte Markt bei Chia-Produkten für Anoxymer in Thailand und Malaysia, aber angesichts der geschilderten Vorteile will Anoxymer sie auch in Europa entsprechend vermarkten. „Damit trauen wir uns sogar an die Novel-Food-Verordnung, wollen Produkte entwickeln mit einem höheren Gehalt als bisher im normalen Lebensmittelbereich zugelassen. Wir denken an eine Anwendung zum Beispiel in Bisquits und Getränken“, sagt Neldner. Chia ebenso wie Amaranth und andere Getreide bezieht Anoxymer nur in Bio-Qualität. „Wir legen großen Wert auf den Anbau, er ist entscheidend für die Qualität. Außerdem arbeiten wir mit Fair-Trade-Zertifizierungen, die wir ebenfalls als Marketing-Instrument nutzen“, ergänzt Neldner.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/abwarten-und-tee-produzieren