zum Inhalt springen
Powered by

Alzheimer-Forscher verfolgen die Ernährungsspur: Helfen Antioxidantien?

Wer Zitrusfrüchte und Karotten isst, beugt gegen die Alzheimer-Krankheit vor. So suggeriert es eine wortreiche Pressemitteilung der Ulmer Universität dieser Tage. Wer genauer liest, bemerkt rasch den Konditionalis, der die steile These im gleichen Atemzug wieder abflacht. Doch die Publikumspresse stört das wenig, der Hype ist da, und die Ulmer Neurologin Christine von Arnim hat gut zu tun, die hohen Erwartungen herunterzuschrauben und die Arbeit richtig einzuordnen.

Prof. Dr. Christine von Arnim © UK Ulm

Tatsächlich haben die zwei Ulmer Forscherinnen - die Epidemiologin Gabriele Nagel und die Neurologin Christine von Arnim - die Blutwerte von Personen mit milder Demenz im Vergleich zu Gesunden auf Antioxidantien untersucht. Die einmalige Messung - es handelt sich um eine Querschnittsstudie - hat zwei für die Fachwelt möglicherweise aufschlussreiche Werte ergeben, und war der Fachzeitschrift „Journal of Alzheimer's Disease" einen Artikel wert: Die Konzentration der Antioxidantien Vitamin C und Beta-Carotin ist im Blutserum von Alzheimer-Patienten im Anfangsstadium deutlich niedriger als bei Gesunden, bei den anderen Antioxidantien gab es keine Veränderungen.

Kurz vor dem weltweiten Alzheimer-Tag (21.09.2012) reichen offenbar schon halbwegs positive Schlagzeilen: Zwar häufen Tausende von Forschern und Entwicklern Wissen an, doch die Ursachen der Krankheit sind noch immer unbekannt. Fünf zugelassene Medikamente, die mehr schlecht als recht Symptome behandeln, gibt es auf dem Markt. Reihenweise werden klinische Studien abgebrochen, seit 1998 scheiterten allein in US-Forschungslaboren 101 Alzheimer-Substanzen (vgl. Researching Alzheimer's Medicines) 

Risikofaktor Oxidativer Stress

In der Fachwelt steht oxidativer Stress im Verdacht, Alterungsprozesse und sämtliche neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Alzheimer mit zu verursachen. Oxidativer Stress entsteht, wenn der Körper freie Radikale (kurzlebige reaktionsfreudige, sauerstoffhaltige Verbindungen) nicht mehr in ausreichendem Maß abbauen kann. Diese gefährlichen Nebenprodukte des Stoffwechsels attackieren Zellen und wichtige Proteine.

Es fehlt an der Evidenz

Prof. Dr. Gabriele Nagel, Universtät Ulm © Uni Ulm

Anstoß zur jetzt veröffentlichten Ulmer Studie gaben zahlreiche epidemiologische Daten, die nahelegen, dass eine gesunde, an Antioxidantien reiche Ernährung auch einhergeht mit einem etwas geringeren Alzheimer-Risiko. Radikalfängern (wie Antioxidantien auch genannt werden) wie den Vitaminen E, C und dem Provitamin A (Beta-Carotin) wird eine zellschützende Funktion zugeschrieben. Studien, die dem Zusammenhang von Vitaminzufuhr durch Verzehr von Obst und Gemüse und dem Alzheimer-Risiko nachspürten, kommen zu keinem eindeutigen Ergebnis, halten aber eine Verringerung des Risikos für möglich, obschon den Studienergebnissen die Evidenz fehlt (Boeing et al.).

Aus grundlegenden Arbeiten im Reagenzglas und mit Zellkulturen ist nach von Arnims Worten bekannt, dass die für Alzheimer-Patienten kennzeichnenden Ablagerungen des Proteins Amyloid beta den Prozess zur Bildung freier Radikale anstoßen und insofern zu oxidativem Stress beitragen. Diese Proteinklumpen im Gehirn von Alzheimer-Patienten gelten als eines der Hauptmerkmale der Krankheit.

In der jetzt veröffentlichten Studie untersuchten von Arnim und Nagel, ob die Konzentration der Antioxidantien Vitamin C und E, Beta-Carotin sowie Lycopin und Coenzym Q10 im Blut von Alzheimer-Patienten nach unten abweicht. „Um die Alzheimer‘sche Krankheit beeinflussen zu können, müssen wir mögliche Risikofaktoren kennen", sagt Gabriele Nagel.

Die Studienteilnehmer rekrutierten sich aus der Querschnittsstudie „IMCA ActiFE" (Activity and Function in the Elderly in Ulm), für die eine repräsentative Stichprobe von insgesamt rund 1.500 Senioren untersucht wurde. Die 65- bis 90-Jährigen aus Ulm und Umgebung haben sich verschiedenen neuropsychologischen Tests unterzogen und Fragen zu ihrem Lebensstil beantwortet. Weiterhin wurde ihr Blut untersucht und der Body-Mass-Index (BMI) berechnet. Für die aktuelle Studie verglichen die Wissenschaftler 74 Personen (Durchschnittsalter 78,6 Jahre), bei denen „milde Demenz" festgestellt wurde, mit einer Kontrollgruppe aus 158 gesunden Altersgenossen.

Es gibt einen Zusammenhang

Die jetzt veröffentlichten Daten zeigen für Christine von Arnim, dass es einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Erkrankung gibt, dem sie und ihre Kollegen weiter nachgehen wollen. Die Arbeit erlaube aber keine Aussagen zu Ursache und Wirkung. Dies könnte eine Studie über einen längeren Zeitraum leisten. Eine Anschluss-Studie müsste zeigen, welche Probanden in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine Demenz entwickeln, und ob ein schlechter antioxidativer Status auf lange Sicht eine negative Auswirkung habe.

„Von praktischen Empfehlungen weit entfernt“

Alzheimer - für alternde Gesellschaften ein noch nicht absehbares Problem © Gerd Atlmann/Pixelio.de

Aber selbst eine teure und schwierig zu finanzierende (Pharma-Sponsoring scheidet aus) Längsschnitt-Studie würde noch nicht ausreichen für praktische Ernährungs-Empfehlungen. Hier wäre eine Plazebo-kontrollierte, prospektive, doppelblinde Studie nötig, sagt von Arnim. Eine solche wurde bereits zu Vitamin E durchgeführt; den erhofften Nachweis, dass der Radikalfänger Vitamin E vor Alzheimer schützt, blieb die Studie nach Worten von Christine von Arnim aber schuldig.  

„Von praktischen Empfehlungen sind wir weit entfernt", bilanziert die Alzheimer-Forscherin. Die Neurologin glaubt nicht, dass Morbus Alzheimer, an dem in Deutschland mittlerweile 1,2 Millionen Menschen erkrankt sind, auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist. Ihr Anliegen ist es, an möglichst vielen Stellschrauben zu drehen, um ein möglichst erfolgreiches Altern zu ermöglichen.

Jetzt geht sie daran, die Zusammenhänge zwischen Bewegung und kognitiver Leistungsfähigkeit  zusammen mit Kollegen aus der Geriatrie zu untersuchen. Ebenfalls im Rahmen der ActiFE-Studie erhobene Daten zur sozialen Isolation und einem möglichen Zusammenhang mit Morbus Alzheimer will die Leiterin der Ulmer Gedächtnissprechstunde auswerten.

Literatur:

von Arnim C., Herbolsheimer, F. et al: Dietary Antioxidants and Dementia in a Population-Based Case-Control Study among Older People in South Germany. Journal of Alzheimer's Disease. DOI:10.3233/JAD-2012-120634

Boeing, H., Bechthold et al.: Gemüse und Obst in der Prävention ausgewählter chronischer Krankheiten, (Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Bonn 2012), v. a. S. 31-33.

Vitamin C und Beta-Carotin könnten vor Demenz schützen. Studie zum Einfluss von Antioxidantien bei der Alzheimerschen Krankheit, Pressemitteilung Universität Ulm, 11.9.2012


Weiterführende Literatur zur schwarzen Serie gescheiterter Alzheimer-Substanzen:

Pharmaceutical Research and Manufacturers of America (ed.): Researching Alzheimer's Medicines. Setbacks and Stepping Stones, 13.9.2012

Cabut, S.: Maladie d'Alzheimer: des espoirs déçus : Le Monde, 19.9.2012

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/alzheimer-forscher-verfolgen-die-ernaehrungsspur-helfen-antioxidantien