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“Aus Kollegen wurden Kunden”

Einen langjährigen Kooperationspartner zur neuen beruflichen Heimat machen oder doch ein eigenes Unternehmen gründen? Vor dieser Entscheidung standen im Frühjahr 2007 die Mitarbeiter der Abteilung „Discovery-IT“ der Nycomed (ehemals ALTANA Pharma), die im Zuge der Änderung der Geschäftsstruktur des Pharmaunternehmens ausgegliedert werden sollte. Schließlich siegte der Wille, unter dem Dach eines bewährten Partners einen neuen Weg einzuschlagen, was zur Entstehung einer Konstanzer Niederlassung des für die Pharmaindustrie entwickelnden Software-Dienstleisters Genedata führte.

Dr. Timo Wittenberger arbeitet seit 2007 für Genedata. © privat

„Das Schöne ist, dass im kleineren Betrieb alles ein Gesicht hat“, sagt Dr. Timo Wittenberger, Mitarbeiter der Genedata-Niederlassung in Konstanz, auf die Frage nach dem grundlegenden Unterschied zwischen seinem alten und neuen Arbeitgeber. Während im etwa 100 Mal größeren Unternehmen ALTANA Entscheidungen von eher anonymeren Gremien getroffen wurden, seien die Menschen, die nun hinter Konzepten und Entscheidungen stünden, bestens bekannt, so dass man „ihre Motivation und Beweggründe besser nachvollziehen könne“ als in einer größeren Organisation.

Mit seinen drei Kollegen aus der ehemaligen „Discovery-IT“-Abteilung der ALTANA Pharma, die die Bereiche Bioinformatik, Chemoinformatik, Molecular Modelling und Forschungs-IT Infrastruktur innerhalb der frühen, präklinischen Forschung zusammenfasste, ist Dr. Timo Wittenberger heute zwar immer noch auf dem Nycomed-Betriebsgelände ansässig, dies jedoch nur noch als enger Kooperationspartner seines früheren Arbeitgebers. Die Entscheidung hierzu fiel rückblickend betrachtet innerhalb weniger Monate.

„Als die grobe Struktur der neuen Forschungsorganisation Nycomeds Anfang 2007 bekannt wurde, habe ich Gespräche mit dem Forschungsmanagement aufgenommen, um zu erfahren, wie die Anforderungen hinsichtlich Forschungs-IT in Zukunft abgebildet werden sollten“, berichtet der studierte Biochemiker. Dabei wurde deutlich, dass diese Dienstleistungen nach wie vor dringend benötigt würden, aber nicht mehr von einer internen Abteilung, sondern von externen Dienstleistern erbracht werden sollten, da Nycomed beabsichtigte, sich künftig auf sein Kerngeschäft – die Medikamentenentwicklung – zu konzentrieren.

Auf das Bewährte gesetzt

Für die IT-Expterten stand folglich auch die Frage im Raum, aufgrund der geplanten Ausgliederung ein eigenes Unternehmen gründen zu wollen. Doch wurde dieser Schritt letzten Endes nicht vollzogen. Obwohl Forschungs-IT sicherlich einen sehr spannenden und auch nicht unbeträchtlichen Markt darstellt, sei man der Überzeugung gewesen, dass viele für den Kunden lebenswichtige Funktionen angesprochen würden und gerade für große Firmen ein etablierter und bekannter Partner sehr wichtig sei. „Viele Forschungs-IT-Aufgaben werden auch immer noch durch interne Gruppen übernommen, auch wenn hier der Trend zu Ausgliederungen deutlich zunimmt. Mit einer kleinen, unbekannten Firma hätten wir uns hier sicherlich recht schwer getan – auch ohne Finanz- und Wirtschaftskrise“, zeichnet Dr. Timo Wittenberger die Beweggründe nach.

So folgten statt dessen einige Wochen, in denen zwischen Nycomed und dem bewährten Partner Genedata, mit dem man bereits auf erfolgreiche Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Bioinformatik und des Hochdurchsatz-Screenings zurückblickte, das Modell einer Kooperation ausgearbeitet wurde. Die Gespräche hatten schließlich im Oktober 2007 mit der Vertragsunterzeichnung und dem Start der Kooperation ihren erfolgreichen Abschluss.

Lebensmittelpunkt in Konstanz erhalten

Sowohl für Nycomed als auch für Genedata, die selbst als Ausgründung der Schweizer Firma Novartis hervorging, hatte diese Lösung Wittenberger zur Folge ein Reihe entscheidender Vorteile. Nycomed konnte zum einen seine Forschungs-IT ausgliedern, ohne das wichtige Know-how seiner Mitarbeiter zu verlieren. So gab es keinerlei Unterbrechung der internen Prozesse und alles lief reibungslos weiter. „Dadurch konnten die Nycomed-Kollegen z.B. jederzeit auch während des Ausgliederungsprozesses die Informationssysteme der Forschungs-IT nutzen. Außerdem hatte Nycomed vom ersten Tag an einen funktionierenden Partner, der alle erforderlichen Dienstleistungen rund um die Forschungs-IT erbringen konnte“, resümiert Dr. Timo Wittenberger. Darüber hinaus könne man unter dem Dach Genedatas eine deutliche breitere Palette an Services und Expertise anbieten, „als dies im Falle einer Neugründung mit einer kleinen Mannschaft von vielleicht fünf bis zehn Kollegen“ der Fall gewesen wäre. Zudem könne jederzeit auf die Expertise und auch auf Ressourcen aus München, Basel und anderen Standorten der Genedata zurückgegriffen werden, wenn Projekte sehr umfangreich seien oder Fachkenntnisse aus anderen Wissensgebieten erforderten.

Dr. Timo Wittenberger auf dem Firmengelände.
Mit Genedata ist Dr. Timo Wittenberger auf dem Nycomed-Gelände ansässig. © privat

Für die ehemaligen Nycomed-Mitarbeiter hat diese neue Konstellation ebenfalls den Vorteil, sich ganz auf ihre fachliche Arbeit konzentrieren zu können, da administrative Aufgaben weitgehend von Genedatas Hauptgeschäftsstelle in Basel erledigt werden. Und nicht zuletzt sei Dr. Timo Wittenberger zufolge ein wichtiger persönlicher Grund für die Mitarbeiter der Aspekt gewesen, den Lebensmittelpunkt in Konstanz zu erhalten und parallel in einer sehr gut etablierten, innovativen Firma mit einem breiten Kundenstamm zu arbeiten. „Dadurch ist unser Geschäft nicht, wie oft in der Anfangsphase eines Spin-Offs, von einem einzigen Kunden abhängig, sondern wir hatten von Beginn an die Möglichkeit, auf eine existierende Vermarktungs- und Vertriebsorganisation zurückzugreifen, die unsere Expertise auch anderen Kunden vermittelt“, so der Biochemiker.

Doppelter Rollenwechsel als Herausforderung

Mit der Ausgliederung und dem Neubeginn bei Genedata, das Softwarelösungen in Anwendungsfeldern wie z.B. Antibiotika- und Krebsforschung, Agrochemie, Toxikologie und Diagnostik bietet, sahen sich Dr. Timo Wittenberger und seine Kollegen nun in einer völlig ungewohnten Situation wieder mit einem zweifachen Rollenwechsel: „Zum einen waren wir ab sofort Mitarbeiter in einem neuen, viel kleineren Unternehmen, auf der anderen Seite hatten wir gleichzeitig auch noch eine ganz neue Rolle gegenüber unseren ehemaligen Nycomed-Kollegen“, sagt der Bioinformatiker. Aus Kollegen wurden Kunden und man selbst Dienstleister für die ehemaligen Mitarbeiter. „Als Dienstleister spricht man mit dem Kunden über Projekte in einer anderen Art und Weise, als dies noch als interner Kollege bei ALTANA der Fall war. Beispielsweise ist immer klar, wo die Entscheidungskompetenz liegt“, bemerkt der Biochemiker. Eine weitere Herausforderung bestand für das neue Konstanzer Genedata-Team darin, parallel die formalen und organisatorischen Hürden für die Etablierung der Zweigstelle auf dem Nycomed-Gelände zu nehmen, aber genauso die fachlichen Aufgaben unter den sich ändernden Rahmenbedingungen mindestens genauso effizient und qualitativ hochwertig zu erfüllen wie zu ALTANA-Zeiten.

Im Nachhinein betrachtet schweißte die Ausgliederung und der gemeinsame Wechsel das ehemalige Nycomed-Kompetenzteam kontinuierlich zusammen, und so manche anfänglichen Ängste lösten sich nach und nach auf. „Wie alle ALTANA-Mitarbeiter mussten auch wir eine Zeit lang mit der Unsicherheit darüber leben, wie unsere berufliche Zukunft aussehen würde“, so Dr. Timo Wittenberger. Jedoch setzte der gesamte Prozess auch einiges an Kreativität zur Gestaltung der eigenen beruflichen Zukunft frei. In der Ausgliederung der Forschungs-IT sahen er und einige seiner Kollegen schließlich auch eine attraktive Option für die eigene Zukunft. So habe man sich mit der „neuen Lage und der neuen Aufgabe stark identifiziert, ganz ähnlich, wie man es oft bei Neugründungen beobachtet“. Insbesondere schätze man durch den Wechsel zu Genedata nun die Tatsache, dass Prozesse und Entscheidungswege „in einem kleineren Unternehmen „weniger formalisiert“ seien und es aufgrund der überschaubaren Größe viel einfacher sei, alle Betroffenen im Boot zu haben und gemeinsam auf dem neuesten Stand zu sein.

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