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Ausstattung der Hochschule Biberach sucht ihresgleichen

In den Ranglisten fehlt der Biberacher Bachelor-Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie noch. Unter Chemieingenieurwesen hätte ihn niemand gesucht. Deshalb lehnte Jürgen Hannemann den Vorschlag des Ranking-Veranstalters CHE ab. Einzigartig unter den rund 50 Biotech-Studiengängen ist der oberschwäbische dennoch, sagt ihr Gründungsdekan Hannemann.

Trümpfe, die seiner Überzeugung nach stechen, sind eine umfassende Lehre, die Theorie in exzellent ausgestatteten Labors erprobt und Absolventen glänzende Berufsaussichten verspricht. Seit diesem Semester bietet die Hochschule mit der benachbarten Ulmer Uni einen konsekutiven Master-Studiengang an.

Biberach schöpft aus mischfinanziertem Füllhorn

Biberacher Studierende profitieren von bestens ausgestatteten Laboren. © Hochschule Biberach

Das mischfinanzierte, von der Industrie gewollte und reichlich unterstützte Biberacher Modell schöpft aus dem Vollen, anders als viele staatlich finanzierte Anbieter. Kaum einen Wunsch offen lässt die Ausstattung der Labore. Acht Chromatographie-Anlagen à 60.000 Euro stehen den Studierenden in Biberach zur Verfügung. „Das bietet keine andere Universität und Hochschule in Deutschland“, sagt der Biologe Hannemann, der selbst aus der Wirtschaft kam, ehe er den Studiengang aufbaute. Die Biberacher Labore sind mit mehr als einem Dutzend kleineren und drei größeren Fermentern bestückt. „Das muss man erst einmal in Deutschland finden“, sagt ein selbstbewusster Gründungsdekan, der noch weitere Geräte auflistet: Geräte zur Tangential-Filtration, bis zu 20.000 Euro teure Schlauch-Schweißgeräte oder Filtertestgeräte.

„Wir haben solche Geräte angeschafft um den Studenten zu zeigen: Das ist Standard in der pharmazeutischen Industrie“. Deshalb arbeiten in Biberach die Studierenden mit einer Vielzahl von Geräten, die es an keiner Universität oder Hochschule gibt, die aber nach Überzeugung von Hannemann wichtig sind, um auf eine Tätigkeit in der Industrie vorzubereiten.

Zuschnitt auf pharmazeutische Belange

Gründungsdekan Prof. Jürgen Hannemann. © Hochschule Biberach

Weit greift auch der thematische Ansatz des Biberacher Studiengangs. Die angehenden Bachelors kultivieren und fermentieren nicht nur Bakterien und tierische Zellen, sondern lernen auch, wie ein Protein aufgereinigt wird. Natürlich eignen sich die Studierenden die gleichen naturwissenschaftlichen Grundlagen in Mathematik, Physik und Statistik oder Chemie an wie andernorts.

Aber 20 bis 30 Prozent der Studieninhalte, schätzt Hannemann, sind Biberach-spezifisch, sind pharmazeutische Grundlagen. Im Oberschwäbischen lernt man, dass und wie man Statistik einsetzt für Wachstumskurven von Zellen oder für Zulassungsverfahren oder genetische Mutationen. Auch in der Anorganischen Chemie werden die Bezüge zur Pharmazie geknüpft: Hannemann nennt als Beispiel den Endotoxin-Nachweis per LAL (Limulus-Amöbozyten-Lysat-Test), eine ganz spezifisch pharmazeutische Fragestellung.

Verfahrenstechnik kommt nicht zu kurz

Anders als an vielen anderen Universitäten und Hochschulen werkeln die PBT-Studierenden von Anfang an in den Laboren. Bereits in der ersten Woche üben sie die Handhabung einfacher Laborgeräte, lernen den pH-Wert zu messen oder zu wiegen. Danach üben sie, wie man Bakterien kultiviert und Nährböden ansetzt. Im zweiten Semester erlernen die Studierenden den Umgang mit der Erbsubstanz, um Bakterien verändern zu können, die letzten Endes nötig sind, um Produzentenzellen zu erzeugen.

Die Verfahrenstechnik beansprucht etwa ein Drittel des Studiengangs. In Vorlesungen und Praktika werden Studierende vertraut gemacht mit mechanischer, thermischer Verfahrenstechnik, Bioverfahrenstechnik, Anlagen-Apparatebau, Mess- und Regeltechnik. Dort werden ihnen Grundkenntnisse vermittelt, wie Fermenter funktionieren, welche Mess- und Stellgrößen sie besitzen.

Wie modifizierte Bakterien in Fermenter gelangen und dort kultiviert werden, lernen und üben die Studierenden im dritten Semester. Parallel beziehungsweise darauf aufbauend folgen Praktika in Physik, Bioverfahrenstechnik und Zellkultur. Im vierten Semester wird der Umgang mit tierischen und menschlichen Zellen erlernt. Der Lehrplan sieht darüber hinaus Protein-Analytik und Protein-Aufreinigung vor.

Praktikum übt Qualitätssicherung der Herstellung

Mit den pharmazeutischen Standards vertraut macht im fünften Semester ein umfangreiches Praktikum. Es vermittelt Kenntnisse zu dem, was in der Industrie am ehesten mit Qualitätssicherung in der Herstellung vergleichbar sei, sagt Hannemann. Das Praktikum kombiniert verschiedene Kenntnisse: Das beginnt beim Auftauen tierischer Zellen unter Pseudo-GMP-Regeln, wo Studenten lernen, Arbeitsanweisungen selbst zu erstellen. Diese Zellen werden in Zellkulturflaschen kultiviert, gelangen in den Fermenter, wo die Zellen vom Überstand getrennt werden. Danach wird das Protein aufgereinigt und analysiert.

Solchermaßen vorbereitet, leisten die Biberacher Studierenden in einem Industrieunternehmen oder Forschungsinstitut ihr Praxissemester ab, ehe sie im siebten Semester mit einer Bachelor-Arbeit, die in der Regel eine Laborarbeit in der Industrie ist, das Studium abschließen. Die Reaktionen aus der Industrie bestärken die Biberacher Hochschule, denn die Fähigkeiten der Studierenden passten genau zum industriellen Bedarf. Gelobt werden vor allem die Grundkenntnisse des pharmazeutischen Qualitätssicherheitsstandards.

Nach dreieinhalb harten Jahren hat der Biberacher Absolvent sehr gute Aussichten auf einen Job in der Industrie. Oder er bewirbt sich um den konsekutiven gleichnamigen Master-Studiengang, den die Hochschule zusammen der nahen Universität Ulm seit diesem Sommersemester anbietet. In Biberach setzt der Master den Bachelor fort, legt den Schwerpunkt auf die Zulassung und Qualitätssicherung, auf eine wissenschaftliche Laborarbeit und schließlich das Up- und Downstream-Processing. Die ersten zwölf Studierenden haben ihr Master-Studium inzwischen aufgenommen.

Praxisnah und laborerfahren

Die Biberacher Bachelor-Ausbildung ist sehr praxis- und industrienah. Sie geht aber nach Hannemanns Überzeugung nicht auf Kosten der theoretischen Ausbildung. „Praxis und Theorie zusammen führen zu einem besseren Ergebnis“ als theorielastige Universitäten. Labor-Erfahrung sei auch für die Forschung überaus hilfreich. Wer in diesem Bereich promoviert, arbeite drei, vier Jahre viel im Labor. Da sieht der Gründungsdekan die Biberacher Absolventen gegenüber vielen Uni-Absolventen ohne viel labortechnische Erfahrung im Vorteil.

Die Sprache der biopharmazeutischen Branche ist Englisch. Auch die Biberacher stellen sich immer mehr auf Internationalisierung um. Bereits im ersten Semester laufen einige Vorlesungen auf Englisch, dieser Anteil steigert sich kontinuierlich. Das vierte Semester wird vollständig auf Englisch abgehalten. Mittlerweile leisten zehn Prozent der Biberacher Studierenden Praxissemester und Bachelor-Arbeit im Ausland ab. In nächster Zukunft sollen auch Studenten aus dem Ausland auf den oberschwäbischen Campus kommen, kündigt Hannemann an. Eine Kopenhagener Universität wird Master-Studenten zum Bachelor-Studium nach Biberach schicken; das werde dort für den Master gewertet, sagt Hannemann.

Mittlerweile ist auch das Lehrpersonal mit neun (plus einer für den Master-Studiengang) Professuren komplett. Im April konnten die Biberacher die zweite Professur für Verfahrenstechnik (Fermentation, tierische Zellen) nach langer Suche erfolgreich abschließen mit der Berufung des Chemikers Friedemann Hesse, der zuvor Koordinator am Austrian Center of Biopharmaceutical Technology war.

Kommt ein neuer Studiengang?

Ein Studiengang macht noch keinen Sommer. Das wissen auch die Entscheider der Biberacher Hochschule. Zur mittelfristigen Stärkung des Standortes soll zum jüngst akkreditierten Bachelor-Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie ein neuer Studiengang „Bioprozesstechnik“ (Regenerative Energie und Werkstoffe, Rest-, Abfallstoffverwertung) kommen und unter dem Dach der Fakultät PBT seinen Platz finden. Beantragt ist er schon beim Wissenschaftsministerium, Ende 2012 soll er starten. Allerdings steht er wie so vieles in diesen Tagen unter einem Finanzierungsvorbehalt.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/ausstattung-der-hochschule-biberach-sucht-ihresgleichen