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Bachelor aus Sicht der Unternehmen: Frühstart oder Poleposition?

Der Bachelor-Abschluss wurde zum einen aufgrund der internationalen Vergleichbarkeit eingeführt, zum anderen aber auch auf dringenden Wunsch der Wirtschaft. Deutsche Hochschulabsolventen gelten zwar als kompetent, aber oftmals auch als zu alt und zu wenig praxisnah ausgebildet. Noch ist die Zahl der Bachelor-Absolventen überschaubar und die Unternehmen haben daher noch wenig Erfahrung mit den neuen Abschlüssen. Doch eines zeichnet sich bereits ab: Nicht für alle Bereiche genügt ein Bachelor-Abschluss. Wer in die Forschung möchte, muss länger an der Hochschule bleiben als sechs Semester.

„Wir haben noch kaum Bewerber mit Bachelor-Abschluss, weil die Universitäten, mit denen wir eng zusammenarbeiten, den Bachelor teilweise erst vor kurzer Zeit eingeführt haben,“ sagt etwa Beate Trost, Personalleiterin im Nestlé Product Technology Centre (PTC) in Singen. Daher habe man noch keine ausreichende Erfahrung mit dem neuen Abschluss.

Spezialwissen gefragt

Grundsätzlich ist sie aber eher skeptisch. Sechs Semester seien für die Anforderungen im PTC einfach zu kurz und die Absolventen noch nicht ausreichend ausgebildet. Der Bachelor vermittle nur wissenschaftliches Halbwissen, fürchtet sie. Berufsanfänger müsste man dann innerhalb des Unternehmens gezielt und nach Bedarf weiter ausbilden.
Im PTC in Singen arbeitet ein international gemischtes Team zusammen und viele Studienabgänger kommen aus dem Ausland. Doch Bewerber, die in die Forschung ins PTC möchten, haben mindestens einen Master Degree in der Tasche. Dieser Abschluss ist vergleichbar mit dem deutschen Diplom, beziehungsweise in Zukunft mit dem Master. Im PTC sei besonders wichtig, dass mit dem Master-Studium ein Vertiefungsbereich verbunden sei, die beim Bachelor noch fehlt. „Und wir legen hier eben großen Wert auf Spezialwissen", erklärt Beate Trost.

Konkurrenz mit Laboranten

Im PTC in Singen werden Hochschulabsolventen mit Master-Abschluss bevorzugt. (Foto: Nestlé)

Grundsätzlich sieht sie jedoch auch Vorteile für die Unternehmen. So seien Bachelor-Absolventen nicht ganz so teuer, weil sie in einer etwas niedrigeren Gehaltsstufe einsteigen. Auch das Alter spiele bei der Einstellung eine wichtige Rolle. So hätten jüngere Absolventen, wie sie etwa aus Frankreich kommen, gute Chancen. Auch die internationale Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse sei wichtig, sagt Beate Trost. Allerdings komme es dabei mehr auf die Inhalte und weniger auf den Namen an. Auch beim Pharmakonzern Nycomed in Konstanz sieht man wenig Bedarf für Bachelor-Absolventen in der Forschung. Sie konkurrieren mit ihrer dreijährigen Ausbildung mit den Biologielaboranten. Dabei sind die Hochschulabsolventen aber klar im Nachteil gegenüber den Laboranten, die eine dreieinhalbjährige Ausbildung absolviert haben, die genau auf die Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnitten ist. Im Gegensatz zu den Laboranten fehlt den Bachelor-Absolventen jedoch die praktische Erfahrung, sagt Michael Amtor, der bei Nycomed die Berufsanfänger betreut.

Praktikanten steht das Pharmaunternehmen dagegen offen gegenüber, auch für die in manchen Studiengängen geforderten Kurzeinsätze. In acht Wochen sei allerdings nur ein kurzer Einblick möglich. Sei der Praktikant dagegen sechs Monate im Unternehmen, könne er schon richtig mitarbeiten. „Sechs Monate lohnt sich für beide Seiten," fasst Michael Amtor seine Erfahrungen zusammen.

Karriere im Unternehmen

Der Bachelor ermöglicht einen frühen Karrierestart im Unternehmen, findet Dr. Ute Stölzle, Geschäftsführerin von Genzyme Konstanz. © Genzyme Konstanz

In Unternehmensbereichen abseits der Forschung sehen die Berufsaussichten für Bachelor-Absolventen dagegen wesentlich besser aus, sei es etwa im Bereich der Logistik, wo auch bei Nestlé bereits einige Bachelor beschäftigt sind oder sei es im Bereich Vertrieb und Marketing, wie etwa bei der Genzyme CEE GmbH aus. Genzyme Konstanz ist das Zentralbüro für Osteuropa/Asien und beschäftigt bereits etliche Mitarbeitende mit einem Bachelor-Abschluss, die meisten davon aus dem Ausland. Darunter sind auch einige Praktikanten, zurzeit gerade eine junge Chinesin, wie Geschäftsführerin Dr. Ute Stölzle berichtet. Die Teilung des Studiums in Bachelor und Master findet sie im Prinzip eine gute Sache, wenn man eine klare Zielsetzung habe. Der Bachelor eröffne früh die Chance, Erfahrung in der Wirtschaft zu sammeln. „Um Erfolg zu haben, muss man nicht promoviert sein sondern kreativ,“ findet Dr. Ute Stölzle. Für ein Unternehmen wie Genzyme passen die neuen Abschlüsse gut ins Unternehmenskonzept.

Hier setzt man schon immer stark auf „In-House-Education“, also auf Trainingsprogramme, die genau auf die Bedürfnisse des Unternehmens und seine Mitarbeitenden zugeschnitten sind. Dazu gehören etwa logisches Denken oder Verkaufstraining, erklärt die Geschäftsführerin. Der Bachelor-Abschluss ermögliche es, früher eine Karriere innerhalb eines Unternehmens zu starten.

Nicht nur der Titel zählt

Für die Einstellung sei das vergleichsweise niedrige Alter der Bachelor-Absolventen kein relevantes Kriterium. „Wir nehmen nicht nur die Jungen. Die letzten Mitarbeitenden, die wir eingestellt haben, waren alle über 40,“ sagt Dr. Ute Stölzle. Der Lebenslauf, die Erfahrung und die Persönlichkeit sei das, was zählt. „Selbstverständlich ist auch die Ausbildung wichtig,“ erklärt sie. Doch diese spiegle sich eben nicht nur in Abschluss und Titel, diese seien eher zweitrangig. Soziale Intelligenz, die Bereitschaft Verantwortung zu tragen und die Fähigkeit zum Teamwork seien wichtiger. Ob jemand andere Mitarbeitende motivieren kann, ob jemand Führungsqualitäten hat, sehe man nicht am Studienabschluss, gibt die Genzyme-Geschäftsführerin zu bedenken. Und im Zweifelsfall würde sie lieber einen Bachelor mit Berufserfahrung einstellen als einen Master frisch von der Hochschule.
Auch beim Gehalt muss der Bachelor bei Genzyme keine Abstriche machen. Ein Bachelor mit sehr guten Englischkenntnissen bekommt nicht weniger Geld als ein Berufsanfänger mit Diplom. Wichtig seien neben guten Sprachkenntnissen auch Praktika während des Studiums, damit man Kontakt ins Berufsleben knüpfen könne, so Dr. Ute Stölzle.

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