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Biberacher Biotechnologie: Erfolgsgeschichte schlägt neues Kapitel auf

Noch vor zehn Jahren blühten dort Blumen, wo seit Herbst 2006 die Hochschule Biberach Studierende der Pharmazeutischen Biotechnologie unterrichtet. Das dreistöckige Gebäude in der Hubertus-Liebrecht-Straße 35 platzt längst aus allen Nähte. Denn in die Schar der Bachelor-Studierenden mischen sich Master-Studierende und Doktoranden und seit Wintersemester 2011/2012 Studierende der Industriellen Biotechnologie. Die Raumnot hat ein absehbares Ende, denn im Juni soll das zweite, nur einen Steinwurf entfernte Gebäude für den zweiten Biotech-Bachelor-Studiengang mit einer Feier eröffnet werden.

Gründungsdekan Prof. Jürgen Hannemann untermauert die Biberacher Erfolgsgeschichte mit Zahlen. © HS Biberach

Keine Überraschung also, dass der Rektor der Hochschule Thomas Vogel eine kurze Lobrede zu Beginn des Neujahresempfanges der Fakultät für Biotechnologie hielt, die in den Worten gipfelte: „Die Hochschule Biberach ist stolz auf diese Fakultät. Sie wirft ein gutes Licht auf diese Hochschule". Ein bisschen Staunen mischte sich dennoch in die Vogel-Rede, denn die Entwicklung der Biotechnologie verlief aus Sicht der Hochschule wie der Region so rasant wie erfolgreich. Es blieb dem Gründungsdekan der Fakultät Jürgen Hannemann vorbehalten, diese Erfolgsgeschichte mit Zahlen zu belegen, ehe einer der Protagonisten der kommerziellen weißen Biotechnologie, der Vorstandsvorsitzende der südhessischen Brain AG Holger Zinke über die volkswirtschaftliche Bedeutung und Notwendigkeit der Bioökonomie und den Weg dorthin sprach.

Das Lehrpersonal des neuen Studiengangs Industrielle Biotechnologie ist mit drei Hochschulprofessoren (Hartmut Grammel, Heike Frühwirth und Carsten Schips) fast vollzählig. Mit der Berufung der vierten Professur rechnet Hannemann in Kürze. Vier weitere Mitarbeiter komplettieren den Bachelor-Studiengang, der seit dem Wintersemester 2011/12 angeboten wird. Auf zehn Studienplätze pro Semester bewerben sich bis zu 120 Studierende; „sehr erfreulich" nannte Hannemann diese Resonanz. 2012 sei es auch gelungen, das zusammen mit der benachbarten Universität Ulm durchgeführte Kooperative Promotionskolleg zu etablieren. Stolz berichtete Jürgen Hannemann, dass die Biberacher Studierenden beim ebenfalls mit der Ulmer Uni angebotenen Masterstudiengang Pharmazeutische Biotechnologie in den Auswahlgesprächen „thematisch wie fachlich einen sehr guten Eindruck" hinterließen.

Fünf Millionen Euro Drittmittel eingeworben

Auch die Forschung, die am mittlerweile umbenannten Institut für Angewandte Biotechnologie (IAB) angesiedelt ist, kann nach Darstellung von Dekan Hannemann bei der Einwerbung von Drittmitteln respektable Erfolge nachweisen. Inzwischen forschen dort zehn Doktoranden, weitere vier Doktoranden beziehungsweise akademische Mitarbeiter sollen folgen. So gelang es für das Projekt „Proteinaggregation bei der Herstellung von Biopharmazeutika“ in Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Institut für Technologie vom Bundesforschungsministerium (BMBF) Mittel in Höhe von 2,1 Millionen Euro einzuwerben. Auch der beim BMBF eingereichte Antrag zur Förderung eines Großgerätes (Massenspektrometer) sei genehmigt worden und werde nach Auskunft der Antragstellerin Christelle Mavoungou demnächst Forschung und Lehre zur Verfügung stehen.

2,8 Millionen Euro Drittmittel vom BMBF erhält das Vorhaben „Analyse und Design bakterieller Enzymkaskaden zur stofflichen Verwertung von CO2.“ Es wird koordiniert von Hartmut Grammel, der im neuen Studiengang Industrielle Biotechnologie für die Industrielle Mikrobiologie zuständig ist. Die Mittel stammen aus dem Förderprogramm „Basistechnologien für eine nächste Generation biotechnologischer Verfahren – Biotechnologie 2020+“. Das Projekt wird zusammen mit dem Magdeburger Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme durchgeführt und hat mit einer Höchstlaufzeit von acht Jahren eine ungewöhnlich lange Dauer. Ebenfalls Fördermittel bekommt ein Teilprojekt von Hartmut Grammel, das sich mit evolutivem Screening nach lösungsmittelresistenten Enzymen und Klonierung solcher beschäftigt. Das Projekt nennt sich EnzCap. Projektpartner sind neben der Hochschule Biberach das NMI sowie die Universität Stuttgart mit dem Biologischen Institut und dem Institut für Systemdynamik. Das Projekt hat eine Laufzeit von drei Jahren und ein Fördervolumen von rund 1,9 Mio. Euro.

Steter Run auf Studienplätze in Biberach

Der im Frühjahr bezugsfertige Rohbau für den Studiengang Industrielle Biotechnologie beendet die Raumnot im Gebäude Pharmazeutische Biotechnologie (Vordergrund, links). © Pytlik

Ungebrochen ist nach Hannemanns Worten das Interesse am Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie. Um 38 Studienplätze pro Semester bewerben sich im Sommersemester bis zu 140. Noch größer ist der Run im Wintersemester, wo die Hochschule unter rund 400 Bewerbern auswählen kann. Ähnlich groß ist die Nachfrage auf die je zehn Studienplätze pro Semester für den Master-Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie. Hier hoffen die Biberacher auf das Land Baden-Württemberg, das bereits ein Förderprogramm für neue Master-Studienplätze angekündigt habe. Auf mittlerweile 334 Studierende kommen die Biotech-Studiengänge: 229 im Bachelor-Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie, 41 im Masterstudiengang Pharmazeutische Biotechnologie sowie 64 Bachelor-Studierende in Industrieller Biotechnologie. Hinzu kommen noch insgesamt 42 Mitglieder der Fakultät, davon 13 Professoren.

Der Zug zur Internationalisierung ist losgefahren

Auch auf den Zug der Internationalisierung ist nach Hannemanns Worten der Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie aufgesprungen. Drei Studierende der East China University of Science and Technology in Shanghai werden künftig das englischsprachige vierte Bachelor-Semester im fernen Oberschwaben verbringen, woran sich ein Praxissemester beim benachbarten Unternehmen Boehringer Ingelheim anschließen soll. Auch Biberacher Studenten haben im Gegenzug die Möglichkeit, an der Shanghai University ein internationales Intermezzo einzulegen. Diesen Bemühungen um Internationalisierung sollen weitere folgen, kündigte Dekan Hannemann an: „China ist ein erster Schritt“.

Mit Holger Zinke hatte die Biberacher Hochschule einen der profiliertesten Vertreter der sogenannten Industriellen Biotechnologie als Festredner gewonnen. Der Vorstandsvorsitzende der Brain AG ist Träger des Deutschen Umweltpreises und berät die Bundesregierung im Rat für Bioökonomie. Sein Vortrag geriet zu einem engagierten Plädoyer für die zentrale Bedeutung der Biologie als Leitwissenschaft dieses Jahrhunderts. ‚Bioökonomie’ meint die gezielte Nutzung biogener Rohstoffe und fortschrittlicher biologischer beziehungsweise biotechnologischer Verfahren in zentralen Wirtschaftsbereichen wie Ernährung, Industrieproduktion und Energieversorgung.

Zinke: Wir haben jetzt ein biologisches Zeitalter“

Festredner Dr. Holger Zinke, Streiter für die Bioökonomie © HS Biberach

„Es wird eine biobasierte Wirtschaft geben", diese Entwicklung sei als Antwort auf das zu Ende gehende Zeitalter fossilbasierten Wirtschaftens nur mehr eine Frage der Zeit, sagte Zinke. „Wir sind an der Schwelle zu nachhaltigem Wachstum", sollte diese nicht überschritten werden, „erleiden wir Schiffbruch", mahnte Zinke. „Der Trend ist unstrittig, eindeutig, auch politisch unumstritten". Dass das Bundeskabinett und nicht ein einzelnes Ministerium 2,4 Milliarden Euro für die Förderung der Bioökonomie locker gemacht habe, sei „eine starke Aussage".

In der pharmazeutischen Industrie sei inzwischen eine Entwicklung ohne die Biotechnologie nicht mehr möglich. Zinke zitierte ein von der deutschen Bundesregierung zur Zeit ihrer EU-Präsidentschaft 2007 in Auftrag gegebenes Papier. Das sogenannte Cologne Paper (En Route to the Knowledge Based Bio-Economy) sagte voraus, dass bis 2030 ein Drittel der Industrieproduktion auf biologischen Systemen basiere. Diese Biologisierung der Wirtschaft erstrecke sich auf Lebens- und Futtermittel, Home und Personal Health Care einschließlich Kosmetik, Spezial- und Feinchemie sowie die Energie.

Hoffnung auf die Lokomotive Chemie

Man könne sich über das Datum wohl streiten, unverkennbar sei, dass in der chemischen Industrie die biotechnische Produktion circa dreimal so schnell (13 Prozent) wachse wie die herkömmliche, fossilbasierte (4 Prozent) und mittlerweile zwölf Prozent ausmache. Durch Zinkes Worte schimmerte die Hoffnung, die in Deutschland starke chemische Industrie könnte bei diesem Rohstoffwechsel der Industrieproduktion eine Art Lokomotive spielen.

Zinke verhehlte nicht, dass es für diesen Transformationsprozess von Fossil zu Bio keinen Masterplan gebe. Dass die Politik bei der Förderung der Biotreibstoffe (der ersten Generation) auch Irrwege einschlage, ließ der Unternehmensvertreter nicht unerwähnt. Immer noch unklar sei, wie man von der Biomasse zum Wertprodukt gelange, ob es überhaupt und wenn ja, welche Bioraffinerien gebe. Klar hingegen sei, dass dieser Umbau auf dem Wege der Kooperation stattfinde (wofür die Brain AG ein gutes Beispiel abgibt). Wer diesen erfolgreich beschreiten wolle, müsse sich in Netzwerken bewegen. Den Biberacher Studenten zumindest gab der Festredner das Gefühl, sich für eine wichtige Sache zu engagieren: „Bioökonomie zu etablieren ist eine gesellschaftliche Aufgabe“.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/biberacher-biotechnologie-erfolgsgeschichte-schlaegt-neues-kapitel-auf