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„Big Pharma“ oder kleines Biotech-Unternehmen: Karrierechancen und Risiken in der Biotech-Branche

Absolventen und Quereinsteiger, die in der Biotech-Branche Fuß fassen wollen, müssen sich bei der Wahl des Arbeitsplatzes gut überlegen, wo sie mit ihren Fähigkeiten am besten aufgehoben sind. Andrea Stephinger, Verantwortliche für Human Resources bei der LifeCodexx AG, erklärt im Interview, welche Vorteile die Arbeit in einer kleinen Biotech-Firma gegenüber der Anstellung in einem großen Pharmakonzern mit sich bringt. Das Gespräch führte Eva Botzenhart-Eggstein für die BIOPRO.

Frau Stephinger, Sie sind Prokuristin bei der Biotech-Firma LifeCodexx in Konstanz, die derzeit 30 Mitarbeiter beschäftigt. Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie bereits für große Pharmakonzerne und kleine Biotech-Firmen gearbeitet. Wie unterscheiden sich beide strukturell und wie wirkt sich das auf den Arbeitsalltag aus?

Kleine Biotech-Unternehmen entstehen meist durch Ausgründungen aus den Universitäten oder aus Konzernen. Sie dienen oft als Ideenschmieden, in denen Entscheidungen, nicht zuletzt aufgrund der flacheren Hierarchien, freier und innovativer gestaltet werden können.
Das bedeutet für den Mitarbeiter, dass in einer kleineren Arbeitsgruppe die Stimme des Einzelnen eher Gehör findet, wodurch neue Ideen, die in einem großen Unternehmen mit strengen Hierarchien leicht verloren gehen, besser gewürdigt werden können.

Wie machen sich diese flachen Hierarchien nach Ihrer Beobachtung in der täglichen Entscheidungsfindung bemerkbar?

Andrea Stephinger, Verantwortliche für Human Resources bei der LifeCodexx AG, schätzt die Vorteile in einem kleinen Biotech-Unternehmen. © LifeCodexx AG

In kleinen Unternehmen fallen Firmenbeschlüsse nachvollziehbarer aus, weil die Entscheidungswege kurz sind. Dies gewährleistet eine hohe Transparenz, wodurch die Sinnhaftigkeit einzelner Entscheidungen verständlich wird. Große Konzerne verfügen hingegen in aller Regel über engere Unternehmensstrukturen, die sich aus vielen Hierarchiestufen zusammensetzen. Dadurch geht die Transparenz schnell verloren und die Sinnhaftigkeit konzernpolitischer Entscheidungen ist für den Einzelnen dann nicht so leicht nachzuvollziehen.

Welche Chancen ergeben sich durch verkürzte Entscheidungswege für den Mitarbeiter?

In einem innovativen Kleinbetrieb hat er die Möglichkeit, wichtige Unternehmensentscheidungen aktiv mitzugestalten und eigene Verbesserungsvorschläge einzubinden. Das ist in einem Großkonzern hingegen oft nicht der Fall. Statt dessen werden die Mitarbeiter dort viel mehr durch anonyme Vorgaben von oben geprägt, als dass sie selbst an Konzernentscheidungen partizipieren könnten.

Haben die von Ihnen beschriebenen Unternehmensstrukturen darüber hinaus Auswirkungen auf die Zusammenarbeit?

Große Pharmakonzerne fördern meiner Meinung nach das Konkurrenzdenken innerhalb der Belegschaft, um die vermeintliche Effizienz der Arbeit zu steigern. Dieses Verhalten wäre in einem kleinen Betrieb wie unserem eher kontraproduktiv. Stattdessen wird hier auf abteilungsübergreifendes Teambuilding, Vernetzung der Mitarbeiter untereinander und eine Einbindung der Kollegen in alle Bereiche gesetzt. Dadurch findet eine starke Identifikation mit dem gesamten Betrieb statt und es stellt sich ein hoher Lerneffekt ein, wodurch sich wiederum Arbeitsabläufe effektiver gestalten lassen.

Vielseitige Aufgaben und flache Hierarchien statt hohen Gehältern: Berufseinsteiger müssen genau abwägen, ob sie in kleinen Firmen oder in großen Konzernen besser aufgehoben sind. © LifeCodexx AG

Gibt es neben den genannten Vorteilen auch Nachteile, mit denen die Mitarbeiter kleinerer Biotech-Firmen rechnen müssen?

Zugegebenermaßen sind die Möglichkeiten bei den Gehältern in kleineren Firmen begrenzt. Gerade die Einstiegsvergütungen liegen in großen Konzernen oft 10 bis 15 Prozent höher, was für Uniabsolventen und Berufseinsteiger natürlich attraktiv ist. Weiter sind Auslandsaufenthalte sowie Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen in wesentlich geringerem Umfang möglich.
Hier kann nur finanziert werden, was im Unternehmen beziehungsweise für die eigene Stelle direkt Sinn macht. Während also in einem globalen Konzern ein Sprachkurs durchaus gerechtfertigt ist, muss in einem kleinen Unternehmen genau geprüft werden, ob die jeweilige Sprache generell für die Aufgabe des Mitarbeiters eine Rolle spielt. Das schränkt die Möglichkeiten durchaus ein.

Sind die Mitarbeiter kleinerer Biotech-Firmen außerdem auch in besonderem Maße von den marktspezifischen Anforderungen der Branche betroffen?

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass kleine Unternehmen unter höherem Erfolgsdruck stehen als die großen Pharmakonzerne. Gerade im Biotech-Bereich ist die Konkurrenz durch Billigprodukte aus China und den USA massiv, weshalb die Profitabilität das oberste Ziel ist, um als Unternehmen zu überleben. Die Mitarbeiter müssen darum auch bereit sein, diesen Erfolgsdruck mitzutragen.

Würden Sie Berufseinsteigern trotz diesem Druck empfehlen, sich bei kleinen Unternehmen zu bewerben?

Auf jeden Fall, denn ein kleines innovatives Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern bietet dem Einzelnen viel bessere Möglichkeiten, seine Potenziale zu entfalten. Hier ist jeder ein Teil der Erfolgsstory und nicht nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Gerade Einsteigern wird durch die individuelle Betreuung und die persönliche Atmosphäre der Start ins Berufsleben einfacher gemacht.

Welche Karrierechancen ergeben sich in einem Kleinbetrieb, die ein großer Konzern nicht bieten kann?

Auch wenn bei uns die Aufstiegsmöglichkeiten begrenzter sind, gibt es in einem kleinen Unternehmen dennoch die Möglichkeit, das eigene berufliche Vorankommen bewusst zu gestalten. So bietet sich hier viel leichter die Chance, an verschiedenen spannenden Projekten mitzuarbeiten und diese selbst zu gestalten.

Aber egal ob in einem großen Pharmakonzern oder in einem kleinen Biotech-Unternehmen - die Bereitschaft zu proaktivem Handeln und Flexibilität sollte stets vorhanden sein. Weiter muss sich ein erfolgreicher Mitarbeiter mit dem Unternehmen identifizieren und in Eigenverantwortung Aufgaben übernehmen.

Frau Stephinger, vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führte Eva Botzenhart-Eggstein für die BIOPRO Baden-Württemberg GmbH.

Die LifeCodexx AG ist ein Tochterunternehmen der GATC Biotech AG, Europas führendem Anbieter von DNA-Sequenzierdienstleistungen. Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Entwicklung klinisch validierter molekularer Diagnostiktests basierend auf dem Einsatz von Next-Generation-Sequenziertechnologien. Bekannt ist die LifeCodexx AG vor allem durch den von ihr entwickelten PraenaTest®, dem ersten nichtinvasiven Pränataltest zur Bestimmung der häufigsten Chromosomenstörungen beim ungeborenen Kind.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/big-pharma-oder-kleines-biotech-unternehmen-karrierechancen-und-risiken-in-der-biotech-branche