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Biologische Geheimrezepte für ein langes Leben

Gesund alt werden – das erhoffen sich wahrscheinlich viele Menschen. Wie es gelingt, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, untersuchen jetzt 130 Wissenschaftler im Rahmen des europäischen Forschungsnetzwerkes „LifeSpan“. Zu ihnen gehört Professor Dr. Graham Pawelec vom Universitätsklinikum Tübingen (UKT), der sich vor allem mit immunologischen Alterungsprozessen beschäftigt.

Es ist noch gar nicht lange her, da betrug die mittlere Lebenserwartung eines Menschen gerade einmal 40 bis 45 Jahre. Heute ist sie – zumindest in den westlichen Industrienationen – in etwa doppelt so hoch. Dieser Anstieg ist in erster Linie der inzwischen dramatisch verbesserten medizinischen Versorgung zu verdanken. Und trotzdem erleben auch heute bei weitem nicht alle Menschen den Eintritt ins Rentenalter. Die Gründe sind vielfältig, aber neben Umweltfaktoren dürften es vor allem die individuellen genetischen Unterschiede sein, die die Lebenserwartung des Einzelnen beeinflussen.

LifeSpan, ein von der Europäischen Union mit 12 Millionen Euro finanziertes Forschungsnetzwerk, hat jetzt zum Ziel, die mit dem Altern assoziierten biologischen Prozesse zu entschlüsseln und geeignete therapeutische Maßnahmen zu definieren. Beteiligt an diesem europaweiten Verbundprojekt ist auch Professor Dr. Graham Pawelec vom Zentrum für Medizinische Forschung am Universitätsklinikum Tübingen. Der Naturwissenschaftler will vor allem klären, welche Rolle das Immunsystem im Alterungsprozess spielt.
Prof. Dr. Graham Pawelec erforscht die Rolle des Immunsystems im Alterungsprozess. (Foto: Pawelec / UKT)
„Ein starkes Immunsystem stellte im Laufe der Evolution schon immer einen deutlichen Überlebensvorteil dar“, weiß Pawelec. Denn Infektionskrankheiten gehören seit jeher zu den großen Bedrohungen der Menscheit – auch heute noch, trotz der Verfügbarkeit von Antibiotika. Doch das Immunsystem ist nicht nur für die Bekämpfung von Mikroorganismen verantwortlich. Auch bei der Eliminierung von Tumorzellen scheint die körpereigene Abwehr eine wichtige Rolle zu spielen. Dass immunsupprimierte Menschen ein deutlich höheres Risiko für bestimmte Krebserkrankungen haben, untermauert diese Vermutung. „Zwischen der im Alter abnehmenden Leistungsfähigkeit des Immunsystems – der sogenannten 'Immunoseneszenz' – und dem gehäuften Auftreten von Infektionen und Tumoren gibt es offensichtlich eine enge Verbindung“, so Pawelec.

Doch warum unterliegt das Immunsystem überhaupt einem Alterungsprozess, und gibt es Faktoren, die diesen Prozess möglicherweise beeinflussen? Das LifeSpan-Netzwerk, an dem 130 Wissenschaftler in zehn Ländern beteiligt sind, möchte darauf in den nächsten fünf Jahren erste Antworten geben.

Erschöpftes Immunsystem altert schneller

Aus früheren Untersuchungen weiß man, dass die für die Immunabwehr wichtigen T-Zellen im Alter nicht nur zahlenmäßig abnehmen, sondern auch in ihrer Funktion beeinträchtigt sind. Die T-Zellen werden normalerweise im Knochenmark gebildet und reifen anschließend im Thymus heran. In der Pubertät treten im Thymus aber bereits die ersten altersbedingten Umbauprozesse auf. Das immunologisch wirksame Gewebe wird zunehmend durch Fett ersetzt, so dass mit steigendem Lebensalter immer weniger T-Zellen in dem Organ ausreifen können. Dass dieser Kapazitätsverlust für die gestörte T-Zell-Funktion mitverantwortlich ist, ist zwar naheliegend, aber noch nicht endgültig bewiesen.
Gesichert ist hingegen, dass Infektionen mit dem Cytomegalie-Virus (CMV) maßgeblich zur Alterung des Immunsystems beitragen. Das CMV gehört zur Familie der Herpesviren, deren Erbgut sich in den infizierten Zellen lebenslang einnistet. Die daraus resultierende permanente Antigen-Belastung führt zu einer Dauerstimulation des Immunsystems und folglich zu einer allmählichen Entleerung der körpereigenen T-Zell-Vorräte – mit der Konsequenz, dass der Organismus nur noch sehr eingeschränkt auf neue Krankheitserreger reagieren kann. „Es gibt sogar die Hypothese, dass sämtliche chronische Infektionen – also nicht nur die CMV-bedingten – eine beschleunigte Immunoseneszenz verursachen“, so Pawelec. Im Umkehrschluss heißt das aber, dass das Immunsystem jener Menschen, die nur mit wenigen Antigenen in Berührung kommen, oder die aufgrund ihrer genetischen Veranlagung Infektionen effektiver bekämpfen können, bis ins hohe Lebensalter leistungsfähig bleiben kann.

Hygienische Verhältnisse korrelieren mit Lebenserwartung

Es ist also durchaus denkbar, dass die höhere Lebenserwartung der Menschen mit den verbesserten hygienischen Verhältnissen zusammenhängt: Je weniger Krankheitserreger dem Immunsystem im Laufe des Lebens zu Schaffen machen, desto kleiner ist die Gefahr, dass die körpereigenen T-Zell-Reserven vorzeitig aufgebraucht werden. Pawelec sieht darin die Chance für einen neuen Therapieansatz: „Vielleicht lässt sich das Auftreten einer vorzeitigen Immunoseneszenz ja vermeiden, wenn man CMV-Infektionen rechtzeitig therapiert oder durch eine Impfung verhindert.“

Aber es gibt auch noch andere vielversprechende Ideen. Eine davon sieht vor, die Umbauprozesse des Thymus zu verlangsamen oder teilweise wieder umzukehren. „Das könnte die Leistungsfähigkeit des Immunsystems von alten Menschen enorm verbessern“, glaubt Pawelec. Doch bis ein derartiges Verfahren beim Menschen zum Einsatz kommen kann, wird sicher noch einige Zeit vergehen. Wer seinem Immunsystem bereits jetzt etwas Gutes tun will, kann auch einfach seinen Lebensstil ein wenig ändern. Zumindest bei Tieren nämlich verbessern eine kalorienreduzierte Diät und etwas Sport die Funktion der T-Zellen nachweislich.

sb – 25.11.08
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
Weitere Informationen:
Universitätsklinikum Tübingen
Zentrum für Medizinische Forschung
Sektion Transplantationsimmunologie / Immunhämatologie
Prof. Dr. Graham Pawelec
Waldhörnle Straße 22
72072 Tübingen
Tel.: 07071-29 82805
Fax.: 07071-29 4677
E-Mail: graham.pawelec@uni-tuebingen.de
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/biologische-geheimrezepte-fuer-ein-langes-leben