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Bioökonomie: Plädoyer für eine nachhaltige, biobasierte Wirtschaft

Erklärtes Ziel der beim „Global Forum for Food and Agriculture 2015“ versammelten Agrarminister aus der ganzen Welt ist es, in der Landwirtschaft biobasierte, nachhaltige Wertschöpfungsketten zu bedienen. Dabei soll die steigende Nachfrage nach Nahrung und nachwachsenden Rohstoffen für eine wachsende Weltbevölkerung befriedigt werden, ohne die Ernährungssicherheit zu gefährden. Wie aber sind die kommenden Herausforderungen zu meistern?

Berliner Agrarministergipfel auf dem GFFA 2015. In der Mitte der ersten Reihe der deutsche Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt. © BMEL
Die Bundesregierung hat 2013 eine umfassende „Nationale Politikstrategie Bioökonomie“ beschlossen, die aufbaut auf der "Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030". Mit dieser wurden die Grundlagen für bioökonomische Innovationen durch Forschung und Entwicklung geschaffen. Federführend für die neue, auf viele Fachbereiche ausstrahlende Politikstrategie ist das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), das im Januar 2015 das „Global Forum for Food and Agriculture“ (GFFA 2015) ausrichtete. Dort wurde diskutiert, wie ein nachhaltiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung und eines steigenden Bedarfs an Nahrung, Rohstoffen und Energie erzielt werden kann. Höhepunkt des Forums war der 7. Berliner Agrarministergipfel. Auf diesem stimmten die Landwirtschaftsministerinnen und -minister aus 62 Ländern aller Kontinente darin überein, dass das Ziel nur erreicht werden kann, wenn das Potenzial der Bioökonomie voll genutzt und die Nachhaltigkeit der Produktion und Nutzung gewährleistet wird. Die Politiker waren sich auch einig, dass ein weiterer Ausbau der Bioökonomie nur verantwortbar ist, wenn die Ernährung der Menschen Priorität genießt. In Workshops und Expertenrunden wurden im Rahmen des GFFA 2015 die bioökonomischen Rahmenbedingungen und Konzepte behandelt, die in verschiedenen Regionen der Welt entwickelt und durchgesetzt werden können.

Bioökonomische Kaskadennutzung

Unter Leitung der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) wurde in einem Fachpodium über Standards und Zertifizierungen diskutiert, die sicherstellen sollen, dass nicht nur die Produktion an Biomasse für den Bedarf an Nahrung, Rohstoffen und Energie gesteigert werden muss, sondern diese Produktion auch nachhaltig erfolgt. Die FNR ist von der Bundesregierung als Projektträger mit der Koordinierung und Betreuung von Forschungsprojekten zur Nutzung nachwachsender Rohstoffe beauftragt. Für die Erzeugung von Biokraftstoffen sind in Europa die Vorgaben durch die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (2009/28/EG) verbindlich, wie Dr. Achim Boenke von der Europäischen Kommission (GD Unternehmen und Industrie) ausführte.

Für die stoffliche Biomassenutzung – für Nahrungs- oder Futtermittel oder als Rohstoffe für die chemische Industrie – sind Nachhaltigkeitskriterien von der „Initiative Nachhaltige Rohstoffbereitstellung für die stoffliche Biomassenutzung“ (INRO) festgesetzt worden. Sie sind aber freiwillig, und ihre Umsetzung mithilfe von Zertifizierungssystemen (wie zum Beispiel der „International Sustainability & Carbon Certification“, ISCC und ISCC+) befindet sich noch in der Anfangsphase. Außerdem handelt es sich oft um sehr komplexe Wertschöpfungsketten, die schwerlich in all ihren Teilen nachhaltig sein können.

Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim von Braun, Vorsitzender des Bioökonomierates. © GFFA

Wie mehrere Referenten betonten, muss für die Sicherung unserer Zukunft auch die Flächennutzung in die Nachhaltigkeitsberechnungen einbezogen werden – gleichgültig, ob für Nahrung, Energie oder Rohmaterialien. Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt, wo trotz stagnierender Bevölkerungszahlen täglich (!) 80 Hektar landwirtschaftlich oder natürlich geprägter Fläche in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt werden.

Wie der Agrarökonom Joachim von Braun, Vorsitzender des Bioökonomierates (ein unabhängiges Beratungsgremium für die Bundesregierung), bei der Eröffnung des GFFA 2015 erklärte, unterstützt die Bioökonomie den Vorrang für die Ernährung in der Bioökonomie durch Kaskaden- und Koppelnutzung – ein zentrales Element der Nationalen Politikstrategie Bioökonomie. Alles, was in der Pflanze steckt, wird verwendet. An erster Stelle steht die Verwendung für menschliche Nahrung und/oder als Tierfutter; dann folgt die Nutzung der Biomasse für die Chemie, und erst am Schluss werden die Reste und Abfälle energetisch verwendet. Zur Erreichung dieses Zieles braucht es viel Überzeugungsarbeit und Ausdauer, um die Argumente für die Bioökonomie wissenschaftlich zu begründen.

Nachhaltigkeitsstandards in der Wirtschaft: Selbstverpflichtung oder Öko-Dirigismus?

Die freiwillige Selbstverpflichtung zur Nachhaltigkeit in einem Industrieunternehmen schilderte Apu Gosalia, Head of Global Competitive Intelligence der FUCHS PETROLUB AG (s. Artikel vom 06.10.2014: „Biobasierte Schmierstoffe - technische Eigenschaften überzeugen“, Link rechts), der in dem Mannheimer Unternehmen auch die Position des „Chief Sustainability Officer“ einnimmt. Für FUCHS heißt Nachhaltigkeit, „die bestehenden Prozesse und Arbeitsweisen, die Arbeitssicherheit, die Produkte, die hergestellt werden, und das Portfolio so zu optimieren, dass den künftigen Generationen mindestens die gleichen Möglichkeiten erhalten bleiben, wie wir sie heute haben. Wir wollen mit weniger Ressourcen mehr Wert schaffen, und dies entlang des Drei-Säulen-Modells der Nachhaltigkeit, das heißt in ökonomischer, ökologischer und sozialer Verantwortung.“ Diese Selbstverpflichtung hat Vorbildcharakter und kann helfen, in der Wirtschaft den Willen zur Einführung von Nachhaltigkeitsstandards und -zertifizierungen zu stärken. Doch die freiwillige Verpflichtung hat ihre Grenzen: Am Ende entscheiden der Wille des Kunden und die Profitabilität des Unternehmens.

Nachhaltigkeit entsteht aus der Schnittmenge von ökonomischer, ökologischer und sozialer Verantwortung. Darstellung nach einer Vorlage von A. Gosalia, FUCHS PETROLUB (verändert). © E. Jarasch
Nichtregierungsorganisationen, die im Workshop durch Martina Fleckenstein vom WWF (World Wide Fund for Nature) vertreten waren, setzen sich für Nachhaltigkeitszertifizierungen ein. Sie wenden sich aber dagegen, dass Belange von Umwelt- und Naturschutz immer hinter den wirtschaftlichen Interessen zurückstehen müssen. Zwar hat es in der europäischen Bioenergiepolitik Nachbesserungen gegeben, die den Vorrang der Ernährungssicherheit betonen und den Konkurrenzdruck bei der Flächennutzung von Energie- und Nahrungspflanzen abschwächen. Doch die ökologischen Wüsten der Mais- und Raps-Monokulturen, die als Folge der sprunghaft eingeführten Biospritquoten und hohen Subventionen für die Biogasproduktion entstanden sind, werden kaum wieder in biologisch wertvolle Lebensräume zurückverwandelt. Die Erhaltung der Biodiversität und die Sicherung kohlenstoffreicher Flächen, die auch dem Klimaschutz dienen, müssen neben der Ernährungssicherheit Priorität haben. Der Staat muss Schutzmechanismen für die natürlichen Ressourcen Böden, Wasser und Luft durchsetzen. Das heißt, die für ihre Nutzung entstehenden Kosten müssen in die Preisberechnungen einfließen und dürfen nicht unbestimmt der ganzen Gesellschaft und zukünftigen Generationen angelastet werden. Von Verfechtern des „Freien Marktes“ wird gegen die Forderungen der Vorwurf eines überbordenden „Öko-Dirigismus in der Landwirtschaft“ erhoben. Doch ohne gesetzliche Regelungen werden umfassende Nachhaltigkeitskriterien, die bei allen Produktionsschritten auch die Emissionen, den Wasserverbrauch und die Bodenqualität berücksichtigen, nicht umsetzbar sein. Die Einhaltung solcher Kriterien ist heute schon überprüfbar. Wie Dr. Andreas Schütte von der FNR im Résumé des Workshops festhielt, sind Zertifizierungen ein Teil der Problemlösung; sie tragen dazu bei, auf dem Weg zu einer nachhaltigen Bioökonomie voranzukommen.

Publikationen:
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 2014: Nationale Politikstrategie Bioökonomie
Europäische Kommission 2012: Innovating for Sustainable Growth. A Bioeconomy for Europe

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/biooekonomie-plaedoyer-fuer-eine-nachhaltige-biobasierte-wirtschaft