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Biopharma bleibt stabil in der Krise

Die deutsche Biopharmabranche hat das Jahr 2009 trotz Wirtschaftskrise ohne Einbrüche überstanden. Das stürmische Wachstum früherer Jahre ist einer moderaten Entwicklung gewichen. Dies geht aus den wirtschaftlichen Kennzahlen des Branchenreports „Medizinische Biotechnologie 2010“ hervor, den die Boston Consulting Group für die Biotech-Interessengruppe im Verband der forschenden Arzneimittelunternehmen (vfa bio) zum vierten Mal erstellt hat.

Die am 28. April in Berlin auszugsweise vorgestellte Studie gibt einen Überblick über die deutsche Biopharmabranche. Sie untersucht die roten Biotech-Aktivitäten der kleinen und mittelständischen Unternehmen wie auch der großen Konzerne.

Ärzte verschreiben vorsichtiger Biopharmazeutika

Biopharma in Deutschland ist ein respektabler Wirtschafts- und Stabilitätsfaktor, sagte Dr. Frank Mathias. © vfa bio

Stabilität verhießen die präsentierten Kennzahlen: Die Zahl der Unternehmen in Deutschland stieg um ein Prozent auf 380, ebenso die Zahl der Beschäftigten, sie betrug 2009 rund 35.000. Ein moderates Umsatzwachstum von sieben Prozent (5,658 Mrd. Euro) verzeichneten die Unternehmen laut Studie im abgelaufenen Jahr. Um rund fünf Prozent auf 4,7 Milliarden Euro stiegen in Deutschland die Umsätze mit Biopharmazeutika. Das relativ geringe Wachstum führten die Branchenvertreter auf eine zurückhaltende Verschreibungspraxis der Ärzte bei Biopharmazeutika zurück.

Zufrieden resümierte Frank Mathias, Vorsitzender von vfa bio und Geschäftsführer der Martinsrieder MediGene: „Die medizinische Biotechnologie leistet einen wichtigen Beitrag zum Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland.“ Deutliche Kritik äußerten die Branchenvertreter an den Plänen der Bundesregierung, neue Medikamente höher zu rabattieren.

Biopharmazeutika, die vor allem für schwere, lebensbedrohende Krankheiten entwickelt werden, erzielten 2009 rund 16 Prozent des gesamten Arzneimittel-Umsatzes. In einigen Gebieten ist ihre Bedeutung besonders groß, etwa bei der Therapie von Immunkrankheiten wie rheumatoider Arthritis, Morbus Becherew oder Morbus Crohn: Hier sind zwei von drei Medikamenten Biopharmazeutika. "Dank des Einsatzes der Biopharmazeutika konnte der Anteil der krankheitsbedingten Fehltage halbiert werden", sagte Mathias und nannte dies einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen.

Starkes Umsatzwachstum bei Immunkrankheiten

Bei der Behandlung von Krebs sowie Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes liegt ihr Anteil am Umsatz bei rund einem Drittel. Gegenüber dem Vorjahr legten vor allem die Umsätze in den Anwendungsgebieten Immunkrankheiten und Onkologie zu (+ 26 Prozent beziehungsweise + 17 Prozent). Stark rückläufig waren hingegen die Umsätze mit Impfstoffen.

Anders als 2008, als nur ein Biotech-Präparat zugelassen wurde, waren es 2009 in Deutschland gleich ein Dutzend neue Biopharmazeutika. Ihr Anteil an allen neu zugelassenen Arzneimitteln beträgt 27 Prozent. „Wir sind weiterhin sehr innovativ“, betonte Mathias. Unter den neuen Biopharmazeutika befanden sich vorwiegend solche aus den Bereichen Autoimmunerkrankungen und sogenannte Orphan Drugs. Blickt man auf die Zulassungszahlen des vergangenen Jahrzehnts, fallen die 2009er Zahlen nicht aus dem Rahmen.

Die Pipeline ist weiter gut gefüllt

Auch die Zahl neuer Medikamente in klinischer Entwicklung (Phasen I bis III) wuchs um zwölf Prozent. Bis Ende 2009 befanden sich rund 470 Medikamente in klinischen Studien oder im Zulassungsverfahren. Besonders stark (+29 Prozent) vertreten sind wiederum monoklonale Antikörper. Tatsächlich aber erreiche nur jeder hundertste Kandidat den Markt, schätzte Mathias.

Das größte Wachstum der in Entwicklung befindlichen Präparate verspricht das Therapiegebiet der Immunologie. Immer noch führend bei der Anzahl der Arzneimittelkandidaten sind Onkologie und Infektiologie. Bemerkenswert seien nach Mathias’ Worten die Bemühungen der Firmen um neue Impfstoffe. Die Zeiten, als Impfpräparate ein ökonomisches Nischendasein führten, sind den Zahlen zufolge vorüber.

Stark an Bedeutung zunehmen wird die sogenannte personalisierte Medizin. Das werde schon daran deutlich, dass bei Zulassungen immer mehr Biomarker an Therapeutika gekoppelt werden. Auf lange Sicht könnte dies für nahezu alle Biopharmazeutika gefordert werden. Dem Patienten nutze der sicherere und effizientere Einsatz von Medikamenten.

Zwei Drittel der Biopharmazeutika auch für Kinder

Eine Vorreiter-Rolle nehme die medizinische Biotechnologie von jeher bei den Medikamenten für Kinder ein, berichtete Mathias: „Rund zwei Drittel aller Biopharmazeutika sind auch oder sogar ausschließlich für Kinder zugelassen.“ Oft hätten die Unternehmen ihre Biopharmazeutika schon von Anfang an mit Blick auf die Anwendung bei Kindern entwickelt – etwa im Fall der Wachstumshormone, Insuline oder der Enzymersatztherapie bei Morbus Pompe.

Mittlerweile sind die Pharmahersteller seit 2008 verpflichtet, Arzneimittel für Minderjährige mitzuentwickeln, wenn es der zuständige Ausschuss der europäischen Zulassungsbehörde EMEA wünscht. Als finanziellen Ausgleich erhält der Hersteller einen verlängerten Patentschutz. Wenn ein Hersteller ein neues Indikationsgebiet angeht, ist er nach Mathias’ Worten zu einem Prüfplan für Kinder verpflichtet. Eine zehnjährige Marktexklusivität erhalten auch Hersteller von Generika, die sich für eine pädiatrische Studie entscheiden. Den prozentualen Anteil von Kinderpräparaten am Gesamtumsatz bezifferten die Branchenvertreter auf unter fünf Prozent.

Als Appell verkleidete Kritik an Regierungsplänen

„Ob wir eine ähnlich optimistische Bilanz allerdings auch im nächsten Jahr werden ziehen können, ist fraglich“, gab Mathias zu bedenken. Die aktuelle Gesundheitspolitik gefährde die für kleine und mittlere Unternehmen wichtige Planungssicherheit. „Wir können Vertragslösungen und Rabattverträge akzeptieren, weniger aber Zwangsrabatte und Festbeträge.“ Der Vfa-bio-Geschäftsführer Siegfried Throm lehnte Verhandlungen mit dem Monopolisten, dem Spitzenverband der Krankenkassen, kategorisch ab, erklärte sich aber zu Verhandlungen mit Kassenverbünden bereit.

Eine innovative Branche wie die Biopharmazie stelle sich nach Mathias' Worten einer fairen Nutzenbewertung nach internationalem Standard, die auch die gesamtgesellschaftliche Perspektive im Auge behalten müsse. „Einfach nur Preise von Medikamenten zu vergleichen, ist nicht hilfreich“.

Deutschland ist bereits biopharmazeutischer Produktionseuropameister. Unser Bild zeigt die aseptische Abfüllung von Biopharmazeutika. © Boehringer Ingelheim

Mathias wünschte sich Politik aus einem Guss, wo Forschung, Gesundheit und Wirtschaft eng zusammenarbeiten, damit Deutschland die Nummer Eins in Europa werde. Bei der biopharmazeutischen Produktion sei dies schon der Fall. Mathias verwies auf das globale Geschäft der biopharmazeutischen Branche, die sich den besten Standort aussuche.

Damit Deutschland weiterhin ein wichtiger Biotechstandort bleibt, seien verlässliche Rahmenbedingungen, ein neu geordnetes Gesundheitssystem und eine Deregulierung notwendig. Um innovativ zu sein, brauche es gute Forschung. „Wir müssen uns an einen Tisch setzen und klären, was uns Gesundheit und Wachstum wert sind“, formulierte der Branchenvertreter seinen Aufruf an die Politik.

Die gedruckte Fassung des BCG-Reports Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2010 erscheint im Juni 2010.

Quelle: PK des Vfa bio, 28.04.2010, Berlin

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/biopharma-bleibt-stabil-in-der-krise