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Biotech-Forum 2011 in Biberach unterstreicht Potenzial der roten Biotechnologie

Für die Gesundheitsversorgung werden Biopharmazeutika immer wichtiger. Darüber waren sich die 100 Teilnehmer des Biotech-Forums am 30. Mai in Biberach weitgehend einig. Ob aber der Innovationsmotor der Gesundheitsforschung stottert, weil die Politik zu wenig oder das Falsche tut, oder ob er doch wie geschmiert läuft, darüber diskutierten Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft kontrovers beim Podiumsgespräch, das vom Wirtschaftsjournalisten Sebastian Balzter (FAZ) moderiert wurde.

Ausrichter der Veranstaltung an Boehringer Ingelheims oberschwäbischem Standort waren die Cluster-Initiative BioPharMaXX der BioRegionUlm und vfa bio, die Interessengruppe Biotechnologie im Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Die Diskussionsgrundlage lieferte der aktuelle Biotech-Report „Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2011“, Zahlen zur Region trug Uwe Bücheler, Vorsitzender der BioRegionUlm bei. Deutlich wurde bei Vorträgen und Diskussion, die oft in eine Standortdebatte mündeten, dass regionale und bundesweite Aspekte mit einer forciert globalen Sichtweise biopharmazeutischer Unternehmen ringen.

Ulmer Region zentraler Produkionsstandort in Europa

Prof. Uwe Bücheler, Vorstandsvorsitzender der BioRegionUlm. © Boehringer Ingelheim

Die BioRegionUlm ist zentraler Standort für die biotechnologische Prozessentwicklung und Produktion in Europa. In Deutschland zählt die Region zwischen Ostalb und Bodensee zu den drei Topstandorten (neben Frankfurt/Main und Penzberg/Oberbayern) der Herstellung von Biopharmazeutika. Nirgendwo in Europa werden mehr Biopharmazeutika in Säugetierzellen für den globalen Markt produziert. Die Aussage konkretisierte Uwe Bücheler, Vorsitzender der BioRegion Ulm und Senior Vice President Biopharmaceuticals Operations bei Boehringer Ingelheim, mit Zahlen aus der Region. Die Stärke des biopharmazeutischen Standorts lässt sich nicht nur mit schierer Größe, dem Fassungsvermögen von Bioreaktoren, belegen, wozu Unternehmen wie Boehringer Ingelheim, Rentschler oder Merckle Biotec beitragen.

20 von 84 Biopharmazeutika, die in Säugerzellkultur weltweit hergestellt wurden und auf dem Markt vertrieben werden, sind in dieser Region gefertigt worden. Als weiteren Beleg für die biopharmazeutische Exzellenz des Standortes führte Bücheler diese Zahlen an: Von den 460 Biopharmazeutika, die mit Hilfe der Säugerzellen hergestellt werden und sich in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung befinden, vor der Zulassung stehen oder sich bereits auf dem Markt befinden, wurden 60 für die präklinische und klinische Pipeline in den vergangenen fünf Jahren in der BioRegionUlm gefertigt. Diese Zahlen beziehen sich auf den globalen Markt und ausschließlich für die in Säugerzellen produzierten Biopharmazeutika.

Report 2010: Der Bedarf an Biopharmazeutika wächst

„Damit ist die Region zu einem wesentlichen Mitgestalter eines
wichtigen Trends in der Gesundheitsversorgung geworden“, bestätigte Frank Mathias, Vorsitzender von vfa bio und Vorstandsvorsitzender von Medigene in Martinsried. Auch 2010 sei der Bedarf an Biopharmazeutika in Deutschland weiter gewachsen. Das lasse sich am Umsatzwachstum dieses Marktsegments um rund acht Prozent auf knapp 4,9 Milliarden Euro ablesen. Biopharmazeutika steigerten damit ihren Anteil am Gesamtpharmamarkt (2010: 30 Milliarden Euro) auf 17 Prozent. „Die neuen Biopharmazeutika der letzten Jahre haben beeindruckend bewiesen, wie gut sie Patienten helfen können“, so Mathias. „Deshalb erhielten mehr Patienten diese Medikamente als in den Jahren zuvor. Die Preise blieben stabil, aber der gestiegene medizinische Bedarf sorgte für das Plus“.

2011 schwächeres Wachstum

Dr. Frank Mathias stellte für vfa bio den Report vor. © Boehringer Ingelheim

Mathias bezog sich dabei auf den neuen Branchenreport „Medizinische Biotechnologie 2011", den die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) für vfa bio erstellt hat. Er gibt einen Überblick über die aktuellen Wirtschaftsdaten der Biopharmabranche und analysiert die Aktivitäten der kleinen und mittelständischen Unternehmen wie auch der großen Konzerne. Danach gibt es in Deutschland 383 Unternehmen, die der roten Biotechnologie zuzurechnen sind, 114 davon sind mit Produkten auf dem Markt oder in der Wirkstoff-Entwicklung tätig, 269 unterstützen die Medikamentenentwicklung dadurch, dass sie Herstellern Technologieplattformen zur Verfügung stellen.

2011 wird das Wachstum nach Mathias' Worten deutlich abflachen. Trotz dieser gedämpften Perspektive habe die Branche ihre Mitarbeiterzahl sogar mit mehr als 35.000 noch leicht (um zwei Prozent) erhöht. In den nächsten Jahren erwartet der Branchenverband viel Neues: Immer mehr Forschungsansätze zielen auf eine Personalisierte Medizin ab, bei der mit einem Vortest geklärt wird, ob das Medikament voraussichtlich wirksam ist. Dies sei zum Nutzen für den Patienten und verbessere die Kosteneffizienz des Gesundheitssystems.

In 20 Prozent von 30.000 klinischen Studien sei bereits ein biomarkerbasierter Vortest durchgeführt worden, zitierte Mathias ein Ergebnis des Reports. Aktuell seien nach BCG-Angaben in Deutschland 20 Medikamente nur in Verbindung mit verpflichtenden oder empfohlenen Biomarker-Tests zugelassen und zwar besonders in der Onkologie. Die Verhandlungen mit Krankenkassen gestalten sich nach Mathias' Worten schwierig, das Therapeutikum werde erstattet, nicht aber das Diagnostikum.

100 Wirkstoffe in später Entwicklung

Rund 100 neue Biopharmazeutika haben mittlerweile das letzte Stadium der klinischen Erprobung erreicht. Einige davon könnten künftig für den internationalen Bedarf in der Region Ulm produziert werden, wenn sie alle klinischen Prüfungen bestanden und die Zulassung erhalten haben. „Und wenn sie danach auch die Hürden für ihre Erstattung nehmen“, wie Mathias betonte, denn Innovationen bräuchten eine faire Erstattung.

Mit der Innovationspolitik unzufrieden zeigte sich bei der Podiumsdiskussion Wolfram Carius, Mitglied der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim. In der europaweiten Forschungsförderung stehe Deutschland „erstaunlich isoliert in Europa“ da. Die Branche brauche mehr denn je Unterstützung, da es keinen Wagniskapitalmarkt mehr gebe, forderte Carius. Diese mahnte implizit auch Simon Moroney, Vorstandsvorsitzender von Morphosys, an. Er verwies auf steuerliche Vorteile patentierter Umsätze in Großbritannien („patent box“), die für deutsche Unternehmen ein Standortnachteil seien. Geduld und Bescheidenheit, diese auch selbstkritisch gemeinten Worte zogen sich durch die Statements der Branchenvertreter. Alternative Geschäftsmodelle wie die von Morphosys und Evotec wurden immer wieder genannt.

Academia und Wirtschaft nicht als Gegensatz

Thomas Rachel, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium mahnte angesichts der Stagnation in (bio)pharmzeutischen Pipelines trotz hoher Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen: „Wir dürfen Academia und Wirtschaft nicht als Gegensatz auffassen.“ Der Politiker plädierte für anwendungsnähere Forschung, lobte neue Ausbildungsformate wie sie in der Region von Hochschule Biberach und Universität Ulm (Studiengang Pharmazeutische Biotechnologie, gemeinsames Promotionskolleg) auf Betreiben von Wirtschaft und öffentlicher Hand praktiziert werden. Rachels Bilanz: „Gesundheitsforschung und Gesundheitswirtschaft gehören zusammen, denn der Übergang von der Grundlagen- in die angewandte Forschung läuft nicht immer so reibungslos, wie wir uns das wünschen. Es gilt, alle Kräfte effizient zu bündeln und neue Kooperationsformen zu etablieren.“

Kritik am ministeriellen Kompetenzwirrwarr

Podiumsteilnehmer (v.l.): Dr. Frank Mathias (vfa bio), Prof. Wolfram Carius (Boehringer Ingelheim), Prof. Peter Dürre (Uni Ulm), Prof. Uwe Bücheler (BioRegionUlm), Dr. Nikolaus Rentschler (Rentschler Biotechnologie), Dr. Ralf Schumacher (Roche Diagnostics), Dr. Simon Moroney (Morphosys), Sebastian Balzter (Frankfurter Allgemeine Zeitung). © Boehringer Ingelheim

Kritik entzündete sich an der Zersplitterung und dem Kompetenzwirrwarr der Bundesministerin für Gesundheit, Wirtschaft und Forschung. „Politik aus einem Guss" forderte Interessenvertreter Frank Mathias. Ministerien müssten zusammenarbeiten, das passiere anderswo, beispielsweise in Frankreich. Hierzulande werde Forschung gefördert, um später mit „dem Rasenmäher" wieder gekürzt zu werden. Peter Hassenbach, im BMBF Referatsleiter für Gesundheitswirtschaft, entgegnete, dass im Bereich der Medizintechnik die drei Bundesministerien zusammen mit den wesentlichen Fachverbänden neue Formen der Zusammenarbeit suchten.

Anzeichen selbstkritischer Reflexion und übergreifender Betrachtung entlockte der Moderator das eine oder andere Mal den Vertretern von Pharma und Biotech. So müsse es gelingen zu beantworten, welchen Wert ein Präparat für das gesamte System habe.

Die unter dem Signum Biotechnologie 2020plus vereinbarte strategische Allianz der vier großen Forschungsgemeinschaften (Max Planck, Fraunhofer, Leibniz, Helmholtz) mit BMBF und Universitäten begrüßte Peter Dürre, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Biotechnologie an der Universität Ulm und einer der Sprecher des Promotionskollegs Pharmazeutische Biotechnologie. Das sei ein Signal gegen die große Zersplitterung. Advocatus diaboli spielte der Laupheimer Unternehmer Nikolaus Rentschler, der fragte, ob Cluster nicht effektiver als Forschungsgeld aus Berlin seien.

Ausbildungsstandard sichert Standort

Trotz aller globalen Ausrichtung und der schwindenden Bedeutung des deutschen Marktes (Carius: „Keines dieser Biopharmazeutika ist national refinanzierbar“) strichen Unternehmer wie Wissenschaftler die Exzellenz in klinischer Forschung und Ausbildung als standortsichernd heraus. Der Laupheimer Unternehmer Nikolaus Rentschler nannte wie auch Ralf Schumacher von Roche Diagnostics qualifizierte Mitarbeiter, sozialen Frieden, Investitionssicherheit und eine gute Infrastruktur als Garanten für den europaweit führenden Produktionsstandort, wenngleich administrative Hürden in Universitäten und Ministerien immer wieder genannt wurden.

Das Zeitalter der einfachen Antikörper bei den Biopharmazeutika neigt sich dem Ende zu. Darin waren sich die Branchenvertreter einig. Neue Produktklassen wie single-chain-Antikörper, Antikörper-Fragmente (Carius) oder peptidartige Wirkstoffe für Stoffwechselerkrankungen (Schumacher) würden auf lange Sicht die bisherigen monoklonalen Antikörper ablösen. Frank Mathias vom Branchenverband ging noch einen Schritt weiter, sprach von der Vision, eines Tages biopharmazeutische Impfstoffe zur Bekämpfung der Krankheiten einzusetzen. Einen „riesigen Innovationsbedarf“ sieht Uwe Bücheler bei der Verabreichung. Die überaus empfindlichen Biopharmazeutika müssen den Darmtrakt umgehen und parenteral verabreicht werden. Die klinische Forschung sieht Peter Dürre in Zukunft weniger rosig und stellt politischen Handlungsbedarf fest. An Unikliniken würden Forscher aus Kostengründen immer mehr in die Patientenversorgung eingebunden. Darunter leide die klinische Forschung.

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