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Blutstammzellen als Wirkstofftaxi zu Hirntumoren

Das Gehirn ist die zentrale Schaltstelle unseres Körpers. Als Ärztin hat sich Ghazaleh Tabatabai in den Dienst dieses Organs gestellt und sich dem Kampf gegen das unkontrollierte Wuchern von Hirntumoren verschrieben. Seit Mai 2014 ist sie Professorin am neu eingerichteten Lehrstuhl Interdisziplinäre Neuroonkologie an der Universität Tübingen sowie Leiterin der Forschungsgruppe Klinische und Experimentelle Neuroonkologie am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung.

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Ghazaleh Tabatabai © UKT

Eine der häufigsten und aggressivsten Hirntumoren sind Glioblastome. Glioblastomzellen streuen meist in benachbartes gesundes Hirngewebe und bilden dort schwer zu entfernende Tumorinseln. Trotz Standardtherapien wie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie überleben die meisten Patienten im Mittel nur eineinhalb Jahre.

„Wir brauchen dringend neue Therapien, die spezifisch die infiltrierenden Tumorzellen angreifen", sagt Prof. Dr. Dr. Ghazaleh Tabatabai, Leiterin der Interdisziplinären Sektion Neuroonkologie an der Neurologischen Universitätsklinik in Tübingen.

Als Taxi für neue Wirkstoffe könnten zukünftig Blutstammzellen dienen. Bereits während ihrer naturwissenschaftlichen Doktorarbeit beobachtete die Neurologin zusammen mit Prof. Dr. Wolfgang Wick, dem damaligen Ärztlichen Direktor der Neurologischen Klinik in Tübingen, dass humane Blutstammzellen zum Glioblastom im Hirn von Mäusen wandern, wenn sie zuvor in deren Blutbahn injiziert wurden. „Die Tumorzellen schütten ähnliche Lockstoffe wie Knochenmarkzellen aus, sodass die Blutstammzellen meinen, nach Hause zu wandern", erklärt Tabatabai.

Trojanisches Pferd gegen Hirntumoren

Darstellung von Gefäßen (rot) in einem experimentellen Hirntumor (grün). © Tabatabai/Hertie-Institut für klinische Hirnforschung Tübingen

Um den Tumorzellen den Todesstoß zu verpassen, hat die 41-Jährige zusammen mit dem Arzt Prof. Dr. Ulrich Lauer vom Universitätsklinikum Tübingen die Blutstammzellen mit abgeschwächten Masern-Impfviren beladen. Sie vermehren sich massenhaft in Tumorzellen, bringen sie zum Platzen und schwärmen aus, um weitere wuchernde Zellen zu infizieren. Daher nennen Fachleute diese Art von Viren auch onkolytische Viren. Gesunde Zellen hingegen haben eine intakte Virusabwehr. In ihnen können sich die Masern-Impfviren so gut wie nicht vermehren.

Die Blutstammzellen dienen quasi als trojanische Pferde, welche die Masern-Impfviren an den Wachen des körpereigenen Immunsystems vorbeischleusen. „Von Zell- und Tierexperimenten wissen wir, dass die Glioblastomzellen dadurch gezielt infiziert und zerstört werden können", erklärt Tabatabai. Um die Wirkung zu steigern, testet ihre Forschergruppe zurzeit, wie sich dieser Ansatz mit den etablierten Therapien Bestrahlung und Chemotherapie kombinieren lässt. Bis zur ersten Studie am Patienten, wird es wohl aber noch ein paar Jahre dauern.

Nutzen für Patienten an oberster Stelle

Magnetresonanz- und Positronenemissions-Tomographie-Aufnahmen eines Glioblastoms im Gehirn © Tabatabai/Hertie-Institut in Koop. mit Abt. Präklinische Bildgebung/UKT

Einen weiteren Ansatz verfolgt Tabatabai gemeinsam mit dem Stammzellforscher Dr. Olivier Raineteau aus Lyon, Frankreich. Die Forscher konnten das Ablesen von tumorfördernden Genen im Zellkern von Glioblastomzellen unterbinden - sowohl in der Kulturschale als auch im Tiermodell. Dafür haben sie sogenannte E-Proteine gentechnisch inaktiviert. Sie weisen normalerweise den Lesestart-Gehilfen, bestimmten DNA-bindenden Transkriptionsfaktoren namens Helix-Loop-Helix-Proteinen, den Weg zum Zellkern. Glioblastomzellen produzieren normalerweise übermäßig viele dieser Transkriptionsfaktoren.

„Für mich als Ärztin steht an erster Stelle, welcher Nutzen sich aus der Grundlagenforschung für die Patienten ergibt", sagt Tabatabai. Ihr Schlüsselerlebnis hatte die gebürtige Bochumerin während ihres Praktischen Jahres als junge Medizinstudentin am Brain Tumor Center der Harvard Medical School in Boston. „Ich habe erstmals erlebt, was die Erkrankung für die Patienten bedeutet und gemerkt, wie viele ungelöste Fragen es gibt", erinnert sich die Neurologin. „Das hat mich gepackt und seitdem nicht mehr losgelassen."

Maßgeschneiderte Krebsimpfung

Der Transfer der Forschung vom Labor in den klinischen Alltag sei in Tübingen sehr gut machbar, so Tabatabai. Ihre Forschergruppe ist sowohl am Hertie-Institut angesiedelt als auch am Universitätsklinikum in der Neurologischen Universitätsklinik, wo Tabatabai als Neuroonkologin tätig ist. Im Bereich der klinischen Forschung ist ihr Team an einer europaweiten klinischen Phase-I-Studie namens GAPVAC-101 (Glioma Actively Personalised Vaccine Consortium) beteiligt, die von dem Tübinger Pharma-Unternehmen immatics biotechnologies GmbH koordiniert wird. Darin verabreichen die Ärzte teilnehmenden Glioblastom-Patienten erstmals maßgeschneiderte Krebsimpfungen. Sie sollen die körpereigene Abwehr gezielt gegen den individuellen Tumor in Stellung bringen, denn jeder Tumor unterscheidet sich von Patient zu Patient.

Trotz ihres vollgestopften Alltags wirkt Tabatabai nicht gestresst. Die nötige Kraft schöpft die passionierte Geigen- und Klavierspielerin aus ihrer Familie und der Musik. Es ist ihre „Seelensprache" und zugleich Balsam für ihr eigenes Gehirn.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/blutstammzellen-als-wirkstofftaxi-zu-hirntumoren