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Brücken zwischen Hochschulerfindern und Unternehmen

Auch in Krisenzeiten erwartet der Kunde von seinen Lieferanten neue Produkte und neue Dienstleistungen. Die erfolgreichsten Unternehmen sind diejenigen mit der stärksten Innovationskraft. Vermehrt greifen auch Firmen aus den Life-Sciences-Bereichen auf ihrer Suche nach neuen Ideen auf Erfindungen aus Universitäten und Hochschulen zurück. Das Technologie-Lizenz-Büro (TLB) in Karlsruhe ist für Patente aus den baden-württembergischen Hochschulen seit 20 Jahren dafür die erste Adresse und gemessen an den Verwertungserfolgen auch Deutschlands erfolgreichste Patentverwertungsagentur für Hochschulerfindungen. Im Interview erklärt Thomas Schurr, freier Mitarbeiter bei TLB in den Bereichen Businessdevelopment, Verwertung und Start-up-Unterstützung, warum es in Sachen Erfindungsverwertung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft häufig noch Berührungsängste gibt.

Thomas Schurr, freier Mitarbeiter für TLB in den Bereichen Businessdevelopment, Verwertung und Start-up-Unterstützung. © Kratt

Bei TLB gehen jährlich 120 bis 150 Erfindungsmeldungen von Universitäten und Hochschulen ein: Welche Rolle spielt dabei das Gebiet Life Sciences?

Die Anzahl an Erfindungsmeldungen aus den Bereichen Life Sciences und Physical Sciences steht in etwa im Verhältnis. Auch bei den insgesamt zirka 40 Erfindungen, die jährlich nach eingehender Prüfung dann zum Patent angemeldet werden, ist das Verhältnis ähnlich. Bei der Verwertung muss man unterscheiden: Erfindungen aus dem Bereich der Ingenieurwissenschaften erzielen häufig bereits kurzfristig Erlöse, im Bereich Life Sciences dagegen sind die Zeiträume bis zur Marktfähigkeit sehr lang, allerdings sind in Einzelfällen die Erlöse wesentlich höher. Pharmazeutische Erfindungen sind hier am interessantesten, weil sie den größten wirtschaftlichen Wert besitzen. So haben wir auch im Bereich Pharma/Medizin auch die meisten Verwertungsfälle, gefolgt von den Bereichen Medizintechnik/Medicalprodukte und Chemie/Biotechnik.

Welche sind generell die größten Herausforderungen bei der Verwertung von Hochschulerfindungen?

Die größte Herausforderung ist, in einer Erfindung das Innovationspotenzial zu sehen und dafür den richtigen Lizenznehmer zu finden. Im Bereich von Physical-Sciences-Erfindungen besteht die Herausforderung in der Ansprache einer zersplitterten Unternehmenslandschaft, insbesondere bei Zulieferbetrieben. Im Life-Sciences-Bereich wird die Verwertung durch das schwankende Innovationsverhalten der unter großem wirtschaftlichem Druck stehenden Unternehmen komplizierter, was von uns immer wieder neue flexible Verwertungsstrategien verlangt. Hinzu kommen die hohen Patentkosten. Damit beispielsweise Wirkstoffe für potenzielle Lizenznehmer interessant sind, müssen wir sie für viel Geld patentrechtlich in möglichst vielen Ländern schützen lassen. Das rechtfertigt sich nur, wenn wir die Nachfrage auch entsprechend positiv einschätzen. Große Pharma-Unternehmen suchen zwar dringend nach Innovationen, verlangen allerdings auch präklinische Daten, die Universitäten oder Universitätskliniken meistens nicht bereitstellen können. Für TLB kommen deshalb zunehmend auch mit genügend Risikokapital ausgestattete Start-ups oder KMU in Betracht, welche die Weiterentwicklungen vorantreiben bis sie für Big Pharma interessant sind.

Ist die Erfindungsverwertung in den vergangenen Jahren komplizierter geworden, da es immer mehr Patentschutzgesetze und einen zunehmend größeren Pool an Erfindungen im Allgemeinen gibt?

Da wir mit erstklassigen Patentanwälten zusammenarbeiten, die verständlicherweise immer auf dem neuesten Stand sind, und wir zudem zwei Rechtsanwältinnen im Hause haben, sind neue Patentschutzgesetze kein Problem für uns. In der steigenden Zahl von Erfindungen sehen wir die positive Seite, schließlich erweitert sich auch das TLB-Portfolio ständig. Damit wächst die Möglichkeit, Patentfamilien zu bilden, die Unternehmen ganz neue Lösungen bieten können. Ich meine damit die Bündelung von Patenten aus ganz unterschiedlichen technischen Bereichen mit dem Ziel gemeinsamer Problemlösungen. Hier spielen vor allem auch technologiebezogene Softwarepatente eine Rolle, deren Zahl auch in Zukunft weiter steigen wird. Software ist als Querschnittsthema, das alle Branchen und Geschäftsbereiche durchzieht, für unsere Verwertungsarbeit hochinteressant.

Bei der Bewertung von Erfindungen spielen Patentierbarkeit und wirtschaftliches Potenzial die zentrale Rolle. © DauthKaun

TLB prüft Erfindungen nicht nur auf die gesetzlichen Vorgaben für Patentfähigkeit, sondern auch auf deren wirtschaftliche Verwertbarkeit. Welche Kriterien müssen hier erfüllt werden?

Neben der technischen Umsetzbarkeit prüfen wir den Mehrwert und den Marktvorteil aus der Sicht potenzieller Lizenznehmer. Dabei verlassen wir eingefahrene Wege und suchen nach neuen Chancen und Märkten, auf die Unternehmen von sich aus nicht immer ohne Weiteres kommen. Auch muss der Schutzbereich, der in den Patentansprüchen und der Auswahl der Länder formuliert ist, groß genug sein. Ist der Schutzbereich zu klein oder ist das Patent technisch einfach zu umgehen, so schmälert das den wirtschaftlichen Wert der Erfindung erheblich. Nachteilig wirkt auch, wenn eine etwaige Patentverletzung nur schwer nachgewiesen werden könnte. Die Kosten für die Produktentwicklung und Markteinführung müssen sich in einem akzeptablen Zeitrahmen amortisieren lassen. Nach der Erfahrung von TLB dauert die Entwicklungszeit bis zur Markteinführung in Bereichen wie Maschinenbau und Verfahrenstechnik etwa drei bis fünf Jahre. Im Vergleich dazu ist für Pharma- oder Medizintechnik-Erfindungen, die klinische Studien erfordern, eine Entwicklungszeit von bis zu zehn Jahren realistisch. Bei einer maximalen Laufzeit eines Patentes von 20 Jahren wird klar, warum der Zeitfaktor bei der Bewertung wichtig ist. Schließlich müssen die Kosten für die Patentierung in einem annehmbaren Verhältnis zu den erzielbaren Gewinnen sein. Je fortgeschrittener das Entwicklungsstadium der Erfindung und je größer der Markt, desto besser ist auch das zu erwartende Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Welche Rolle spielt der Erfinder bei der Verwertung seines Patents?

Die kontinuierliche und aktive Mitarbeit des Erfinders ist eine Grundbedingung für die erfolgreiche Verwertbarkeit eines angemeldeten Schutzrechtes. Der Erfinder muss als Know-how-Träger bereit sein, die Entwicklung innerhalb des ersten Jahres nach der Patentanmeldung anwendungsorientiert auch weiterzuentwickeln. Der Proof of Concept, also der Machbarkeitsnachweis, ist die Mindestanforderung, die Unternehmen stellen, da sich dadurch das Kosten-Nutzen-Verhältnis besser abschätzen lässt. Oft ist die Präsentation eines Prototyps die Voraussetzung für ein weiteres Engagement eines Unternehmens.

Welche Gründe sprechen dafür, dass Innovationen mit KMU meist schneller realisierbar sind als mit Großunternehmen?

Die bedeutendsten Innovationen passieren nicht mehr in den großen Unternehmen, sondern vorwiegend in den KMU. Wenn wir mit KMU zusammenarbeiten, müssen wir nicht über fünf Abteilungen gehen, sondern wir sind von Anfang an näher an den Entscheidungsträgern. Diese sitzen schon relativ früh mit am Tisch. KMU sind durch die gute Vernetzung zwischen Marketing, Vertrieb, Produktentwicklung und Kundendienst sehr viel näher am Kunden. So lassen sich schneller Trends, Kundenwünsche und Marktpotenziale erkennen und dadurch das wirtschaftliche Potenzial einer Erfindung besser einschätzen. Unternehmerpersönlichkeiten von KMU sind flexibler und risikobereiter. Es sind Entrepreneure und keine Business Administrators. TLB ist deshalb ein attraktiver Partner für KMU, die in der Regel auch einen Nachholbedarf haben, was das eigene Patentportfolio anbelangt. Für international agierende KMU sind patentrechtlich abgesicherte Erfindungen daher besonders wichtig.

Gibt es immer noch eine gewisse Kluft zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, wenn es um die Erfindungsverwertung geht?

In unserer Gesellschaft fehlt es noch an der Durchlässigkeit zwischen den Wissenschafts- und Wirtschaftswelten, die in anderen Ländern bereits selbstverständlich ist. Karrieren finden bei uns nur jeweils innerhalb eines Systems statt. Das verfestigt das vorherrschende Denken. Grundsätzlich ist die Zielsetzung der meisten Wissenschaftler nach wie vor nicht ein Produkt, sondern eine neue Erkenntnis. Der Blickwinkel des Unternehmers, Lösungen für einen potenziellen Markt zu bieten, ist dem Wissenschaftler und Forscher zunächst immer noch fremd.
Unternehmen erwarten von der Zusammenarbeit mit einer Universität oder Hochschule kurzfristig Ergebnisse für ihre Fragestellungen. Ein Institutsleiter will die besten Wissenschaftler sprich Doktoranden, Postdocs für sein Institut gewinnen. Dies gelingt nur durch Kooperationen, die auch eine Stellenfinanzierung für einen längeren Zeitraum sichern. Dabei bestehen häufig gegenläufige Interessen. Berührungsängste gibt es besonders zwischen Wissenschaft und KMU. KMU gehen häufig davon aus, dass sich die Großunternehmen den Löwenanteil der Hochschulerfindungen sichern und sie selbst deshalb schwerlich Zugang zu diesen Ideenquellen erhalten. Es ist eine unserer Hauptaufgaben, Erfinder und Unternehmensvertreter zusammen zu bringen und beiden zu vermitteln, wie jeder vom anderen profitieren kann.

Ausgründungen aus Hochschulen sind ein aktuelles Thema: Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf die Gründungslust von Absolventen aus?

Ein Professor hat es einmal so formuliert: „Wenn die Wirtschaft boomt, will keiner ausgründen.“ Wissenschaftler bevorzugen, wenn sie sich für eine Karriere in der Wirtschaft entscheiden, die vermeintliche Sicherheit einer festen Anstellung. Wenn sich dort krisenbedingt die Karrieremöglichkeiten aber verschlechtern, rückt das Thema Ausgründungen verstärkt in das Blickfeld der Absolventen. TLB hat bereits in der Vergangenheit Patente über Ausgründungen verwertet und unterstützt auch derzeit Erfinder bei der Gründung eigener Unternehmen. Rückenwind bekommt diese Entwicklung durch die Förderpolitik, die mit der Hoffnung einhergeht, mit mehr Gründungen das Schwungrad der Wirtschaft wieder anzukurbeln. Für die Finanzierung arbeiten wir mit dem High-Tech Gründerfonds und LBBW Venture zusammen. Um die Zahlen der Gründungen zu erhöhen, müssen wir aber generell zu einer mehr amerikanischen Denkweise kommen, bei der Gründen nicht mehr als Notlösung, sondern als attraktive Form der Lebens- und Karriereplanung verstanden wird. Einer unserer Geschäftspartner aus Kalifornien hat es so formuliert: „Be innovative enough to get founded“.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/bruecken-zwischen-hochschulerfindern-und-unternehmen