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Cannabidiol gegen schizophrene Psychosen

Eine Substanz aus der Hanfpflanze verstärkt die Wirkung des körpereigenen Cannabinoids Anandamid im Gehirn und kann dadurch Wahnvorstellungen bei psychotischen Krankheiten lindern, wie Professor Markus Leweke vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim bei Patienten im akuten Schub einer Schizophrenie zeigen konnte. Der pflanzliche Wirkstoff ist besser verträglich als zugelassene Antipsychotika.

Prof. Dr. med. F. Markus Leweke, Leiter des Exzellenzzentrums für Klinische Studien am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim. © ZI

Keinesfalls lassen sich Wahnvorstellungen mit einem Marihuana-Trip bekämpfen. Vor einer Selbstbehandlung von Personen, die unter Schizophrenie leiden, mit Cannabis kann Professor Dr. Markus Leweke nur warnen. Der Leitende Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, der seit Langem die Wirkungen von endogenen und exogenen Cannabinoiden bei schizophrenen Psychosen erforscht, berichtet in der renommierten Fachzeitschrift „Translational Psychiatry", dass Cannabidiol, eine Komponente von Marihuana, den Abbau des körpereigenen Botenstoffs Anandamid im Gehirn inhibiert.

Zuvor hatten er und seine Mitarbeiter gezeigt, dass ein erhöhter Spiegel dieser Substanz in der Flüssigkeit von Gehirn und Rückenmark (Liquor cerebrospinalis) mit einer Linderung der psychotischen Symptome bei Schizophrenie korreliert ist. Wenn viel Anandamid, ein Signalmolekül des endogenen Cannabinoid-Systems, an die entsprechenden Rezeptoren im Gehirn gebunden wird, wird auch der Übergang von den Frühstadien der Schizophrenie zum akuten Ausbruch der Psychose bei den Patienten verzögert oder unterdrückt. Die Gabe von Cannabidiol aus der Hanfpflanze hält den Anandamid-Spiegel im Liquor hoch und bewirkt dadurch eine Linderung der Psychose.

Chemische Struktur von Cannabidiol © Efferth, Molekulare Pharmakologie und Toxikologie

Das aus der Hanfpflanze gewonnene Cannabidiol hat selbst keine berauschende Wirkung. In den Blättern der Pflanze und den verschiedenen Cannabis-Verarbeitungen (Marihuana, Haschisch usw.) überwiegt aber die Rauschwirkung von Tetrahydrocannabinol (THC). Schizophrenie-Patienten, die versuchen würden, ihre Krankheit mit Cannabis zu behandeln, könnten ihre Wahnvorstellungen nur verschlimmern.

Das gereinigte Cannabidiol könnte als Medikament aber einen wesentlichen Behandlungsfortschritt darstellen. Es ist nach Darstellung von Professor Leweke besser verträglich als zur Schizophrenie-Behandlung zugelassene Psychopharmaka wie etwa Amisulprid, das Bewegungsstörungen und Gewichtszunahme bewirken kann und zu einem deutlich erhöhten Diabetesrisiko führt. In einer kontrollierten, doppelt-blinden Untersuchung an 42 Patienten mit akuten schizophrenen Psychosen, bei der die eine Hälfte Amisulprid und die andere Cannabidiol erhielt, zeigte das pflanzliche Cannabinoid bei verbesserter Verträglichkeit eine ebenso gute antipsychotische Wirkung wie das bereits erprobte Psychopharmakon.

Das endogene Cannabinoidsystem

Der Nachweis von Rezeptoren für den rauschauslösenden Hauptwirkstoff von Cannabis, THC, führte zur Entdeckung eines endogenen Cannabinoid-Systems, das außer den Rezeptoren CB1 und CB2 auch körpereigene sogenannte Endocannabinoide als Liganden, wie beispielsweise das Anandamid (Arachidonylethanolamid) sowie die synthetisierenden und abbauenden Enzyme umfasst. CB1-Rezeptoren kommen in großer Dichte im Zentralen Nervensystem vor und gehören zu den häufigsten G-Protein-gekoppelten Rezeptoren überhaupt. CB2-Rezeptoren, die zur selben Proteinfamilie gehören, werden vor allem von Immunzellen exprimiert, sind aber in geringer Konzentration in vielen Geweben nachweisbar. Die hauptsächliche Funktion des endogenen Cannabinoid-Systems scheint in der Aufrechterhaltung und Wiederherstellung des körpereigenen Gleichgewichtszustandes zu liegen.

Endocannabinoide senken den Blutdruck und die Körpertemperatur, sie stimulieren den Appetit und vermindern die Schmerz- und Angstwahrnehmung. Eine schwäbische Schokoladenmarke wirbt im Internet damit, dass Anandamid, das an den gleichen Rezeptor wie THC bindet, glücklich macht und „zum Glück auch in der Schokolade“ vorkommt. Tatsächlich findet man Anandamid („ananda“ bedeutet im Sanskrit die Glückseligkeit) in geringen Spuren in der Kakaobohne.

Die Endocannabinoide sind stark fettlösliche Substanzen, die in den Zellmembranen durch die entsprechenden Enzyme (Acyltransferasen, Phospholipasen) aus Phospholipiden synthetisiert werden. In den Nervenzellen des Gehirns werden sie aus der postsynaptischen Membran nach Depolarisation der Nervenzelle freigesetzt und aktivieren die CB1-Rezeptoren in der präsynaptischen Membran. Dadurch wird die Freisetzung von Neurotransmittern wie Serotonin, Glutamat, Dopamin oder GABA unterdrückt. Nachdem sie ihren Rezeptor aktiviert haben, werden die Endocannabinoide über spezielle Membran-Transporterproteine in die Zellen aufgenommen und dort degradiert. Diese Degradation wird durch Cannabidiol inhibiert.

Ein weiter Weg zur Zulassung

Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim © ZI

Die molekularen Zusammenhänge zwischen dem Endocannabinoid-System und psychiatrischen Erkrankungen wie der Schizophrenie sind noch wenig verstanden. Professor Leweke und sein Team in der Arbeitsgruppe Translationale Psychoseforschung am ZI untersuchen dazu Ratten, deren Sozialverhalten, Wahrnehmungsvermögen und Bewegungen experimentell auf verschiedene Weise gestört worden ist. Die Verhaltensänderungen werden registriert und ihr Einfluss auf den Stoffwechsel im Gehirn und das endogene Cannabinoid-System untersucht, beispielsweise durch Messung der Cannabinoid-Konzentrationen in Körperflüssigkeiten und durch Positronen-Emissions-Tomografie (PET-CT) der Tiere.

Um Parallelen zwischen den tierexperimentellen Ansätzen und neurobiologischen und psychopathologischen Veränderungen beim Menschen ziehen zu können, setzen die Mannheimer Forscher bei gesunden, freiwilligen Probanden unter kontrollierten Bedingungen exogene Cannabinoide ein. Durch gezielte pharmakologische Beeinflussung des Endocannabinoid-Systems und seiner Wirkung auf die Neurotransmittersysteme im Gehirn können vorübergehend Symptome hervorgerufen werde, die denen einer schizophrenen Psychose ähneln. Die damit einhergehenden neurobiologischen Veränderungen können dann zusammen mit psychopathologischen Auffälligkeiten und Verhaltensänderungen untersucht werden.

Wann Cannabidiol als Medikament zur Behandlung schizophrener Psychosen zugelassen wird, ist noch nicht absehbar. Für weitergehende Untersuchungen seiner Wirksamkeit in verschiedenen Patientenpopulationen sind teure Studien notwendig, für die von den Pharmakonzernen kaum Mittel zu bekommen sind, da Cannabidiol nicht patentierbar ist. Es bleibt die Förderung durch die öffentliche Hand, etwa die Europäische Kommission. Leweke ist optimistisch, dass er auf dem richtigen Wege ist, auch wenn der noch lange dauern kann.

Originalpublikation:
F.M.Leweke, D. Piomelli, F.Pahlisch, D.Muhl, C.W.Gerth, C.Hoyer, J.Klosterkötter, M.Hellmich, D.Koethe: Cannabidiol enhances anandamide signaling and alleviates psychotic symptoms of schizophrenia. Translational Psychiatry, 2012 March 2(3): e94)

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/cannabidiol-gegen-schizophrene-psychosen