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Christoph Schächtele – Auf der Suche nach Krebshemmern

„Man muss den Prozess mögen“, sagt Dr. Christoph Schächtele, Leiter der Freiburger ProQinase GmbH. Bis ein Wirkstoff gegen Krebs markttauglich ist, vergehen viele Jahre. Und eine Garantie, dass die mühsame Forschungsarbeit am Ende überhaupt Erfolg hat, besteht nie. Der Biologe Schächtele fühlt sich heute an der Schnittstelle zwischen Management und onkologischer Forschung perfekt aufgehoben – die Liebe zum Beruf lässt ihn solche Durststrecken durchhalten. Zurzeit hat er aber auch Grund zu vorsichtigem Optimismus. Die ProQinase GmbH hat mit Partnern eine Substanz entwickelt, die für das Tumorwachstum wichtige Enzyme hemmt. Und die Chancen für eine Karriere als Medikament stehen nicht schlecht.

Dr. Christoph Schächtele © privat

Eigentlich wollte der 1954 in Wolfenweiler bei Freiburg geborene Dr. Christoph Schächtele Lehrer werden. Dass er einmal Leiter der Firma ProQinase GmbH in der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg werden würde, hat er in seiner Jugend nicht geahnt. Weil er komplizierte naturwissenschaftliche Sachverhalte auch Laien gut verständlich vermitteln wollte, absolvierte er zwischen 1974 und 1980 ein Lehramtsstudium für Biologie und Chemie in Münster und unterrichtete sogar schon als Student zwei Jahre lang an einem Gymnasium. „Mein damaliger Idealismus wurde allerdings schnell durch Klassen von 35-40 Schülern und eine schlechte Unterstützung von Seiten der anderen Lehrer abgedämpft“, erinnert sich Schächtele. Er schwenkte in Richtung Forschung um, in der Staatsexamensarbeit untersuchte er die Biochemie der Enzyme, die im Spinat den Stoffwechsel regulieren. In seiner Doktorarbeit führte er die biochemische Forschung fort und lernte, Enzyme zu isolieren, zu charakterisieren und in verschiedenen Pflanzengeweben nachzuweisen. „Im Prinzip alles Techniken, mit denen ich auch heute noch zu tun habe“, sagt Schächtele.

Ein schlummerndes Talent

Eine Proteinkinase, die in ihrem Zentrum einen Hemmstoff trägt. © Dr. Christoph Schächtele

Nach der Doktorarbeit wechselte Schächtele in die Wirtschaft. In der Freiburger Firma Gödecke AG setzte er seine Kenntnisse der Enzymbiochemie zunächst im Bereich der Herz-Kreislauf-Krankheiten ein. Die Tochter des amerikanischen Konzerns Parke-Davis entwickelte damals noch Medikamente, die auf die Blockade von krankheitsrelevanten Enzymen abzielen sollten. Im Rahmen einer Erweiterung kam dann das Thema Onkologie dazu, und da begann das, was Schächtele heute noch fortführt: die Untersuchung von Proteinkinasen und die Suche nach Molekülen, die diese Enzyme hemmen. Proteinkinasen kommen in allen Zellen vor und übertragen Phosphatgruppen auf Proteine. Auf diese Weise manipulieren sie Signalkaskaden und genetische Programme. „Insgesamt kennen wir heute rund 520 dieser Enzyme, und viele von ihnen spielen eine Rolle bei der Entstehung von Krebs, beim Krebswachstum und bei der Bildung von Metastasen“, sagt Schächtele. Die Zeit in der Gödecke AG war prägend für den Biologen. Zum einen merkte er, was es heißt, auf der Jagd nach einem wirklich funktionierenden Medikament zu sein. Zum anderen entdeckte er bei sich ein bis dahin schlummerndes Talent.

„Im Grunde war ich neben der wissenschaftlichen Seite auch die Ansprechperson, wenn es darum ging, die Kosten und Risiken eines Projekts zu kalkulieren“, sagt Schächtele. Dieses betriebswirtschaftliche Feingefühl half ihm dann auch, als die Gödecke AG ihre Medikamentenentwicklung einstellte. Zusammen mit seinem Forschungschef Prof. Dr. Dieter Marmé wechselte Schächtele 1994 in die gerade eröffnete Klinik für Tumorbiologie und führte dort die Forschung fort. Das in der Gödecke AG gesammelte Know-how und die von der Firma überlassenen Gerätschaften kamen vollständig der Forschung in der Klinik für Tumorbiologie zugute. Ein laufendes Projekt im Bereich der Tumorangiogenese mit dem Unternehmen Ciba-Geigy aus Basel (heute Norvatis) sicherte eine Finanzierung. 2001 initiierte Schächtele dann die Gründung der ProQinase GmbH als Tochter der Klinik.

Einem großen Traum nahe

Zu sehen ist eine Apparatur, in deren Zentrum eine Platte mit Dutzenden kleinen Plastikröhrchen montiert ist. © Dr. Christoph Schächtele

Das Konzept der ProQinase GmbH war zunächst, Dienstleistungen im Bereich der Proteinkinaseforschung anzubieten. In diesem Rahmen stellen die Freiburger noch heute Proteinkinasen her und bieten sie auf dem Pharma- und Biotech-Markt an. Sie führen darüber hinaus Tests durch, die im hohen Durchsatz die Wirksamkeit potenzieller Proteinkinase-Hemmstoffe prüfen. Und sie testen, ob diese Substanzen bei Tumorzellen oder in Mäusen mit implantierten Tumoren die gewünschte Wirkung auf zelluläre Prozesse wie Apoptose, Wachstum oder Wanderverhalten haben. Eigene Medikamentenentwicklung war wegen der Krise auf dem Risikokapitalmarkt um das Jahr 2000 zunächst kaum möglich. „Über die erwirtschafteten Einnahmen förderten wir jedoch immer auch die eigene Forschung“, sagt Schächtele. 2003 ging das Unternehmen eine strategische Partnerschaft mit dem Chemiefirma 4SC aus Martinsried ein. Heute ist Schächtele auch seinem Traum wieder näher gekommen.

Im Rahmen ihrer Forschung entdeckten Schächtele und seine Mitarbeiter einen Inhibitor für die Proteinkinase Flt3, die bei einer bestimmten Form der Leukämie eine wichtige Rolle spielt. Dieser Hemmstoff erwies sich in den bisherigen Tests so wirksam, dass er schon in diesem Jahr in die erste klinische Testphase eintreten könnte. „Es ist vermutlich der Traum jedes Wissenschaftlers in der Arzneimittelforschung, zumindest eine Substanz bis zur Marktzulassung durchzukriegen“, sagt Schächtele. „Ich habe jetzt noch zehn Jahre, ich habe also noch die Chance.“ Aber Schächtele weiß auch, dass es daneben gehen kann. „Gerade in diesem Bereich braucht man eine hohe Frustrationstoleranz“, sagt er und lacht. „Nur wenn man den Arbeitsprozess an sich mag, hält man das durch.“ Heute glaubt Schächtele, dass er genau den richtigen Beruf hat. Die Mischung aus Management und Wissenschaft entspricht genau seinen Talenten. Auf keines von beiden möchte er verzichten. Und in der Klinik für Tumorbiologie begegnet er heute immer wieder auch einer alten Herzensangelegenheit. Der enge Kontakt zu den krebskranken Menschen liefert ihm nicht nur Tag für Tag die Motivation, weiter nach Medikamenten zu suchen. In Vorträgen oder bei Führungen durch die Forschungsabteilung bringt er auch sein didaktisches Talent zum Einsatz.

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