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DFG stärkt Ulmer Alternsforschung mit neuem Graduiertenkolleg

Mit dem jüngst von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) genehmigten Graduiertenkolleg „Zelluläre und molekulare Mechanismen der Alterung“ hat dieser am Ulmer Campus stark verankerte Forschungszweig eine neuerliche Bestätigung erhalten. Die Förderzusage von drei Millionen Euro über viereinhalb Jahre ist für die kleine württembergische Hochschule ein wichtiges Signal. Denn nicht wenige fürchteten nach dem angekündigten Weggang des Alternsforschers und Leibnizpreisträgers Lenhard Rudolph einen größeren Aderlass.

Hartmut Geiger, reputierter Stammzellforscher und Sprecher des Graduiertenkollegs, weist auf entsprechende Nachfrage darauf hin, dass die Gutachter der DFG bereits im Sommer grünes Licht für den Ulmer Antrag signalisiert hätten. Zu diesem Zeitpunkt war Rudolphs Weggang bereits publik. Stellt man die Bonner Förderzusage in einen größeren forschungspolitischen Zusammenhang, lässt sich daraus für die Ulmer eine ermutigende Botschaft herauslesen: Ulms anwendungsorientierter und translationaler Ansatz der Alterungsforschung ist richtig.

Ganz vorne in der ersten Reihe

Prof. Hartmut Geiger, Sprecher des Graduiertenkollegs. © Uni Ulm

Die Fördermillionen erweitern und verstetigen den Kreis der Alternsforscher am Ulmer Campus. Ulm bleibt - neben Köln und Jena - eine der ersten Adressen in der deutschen Alternsforschung. Das zunächst für elf Promovierende geförderte Kolleg ist interdisziplinär und international ausgerichtet. Es will, so Geiger, „Alterungsforschungsschwerpunkte innerhalb von Vorlesungen, Kolloquien oder Laborpraktika setzen und den Horizont der dann Promovierten weit über ihre eigene Arbeit hinaus vergrößern." Das Ziel des neuen Graduiertenkollegs ist es, international wettbewerbsfähige Alternsforscher auszubilden.

Das Ulmer Graduiertenkolleg zur Alternsforschung wird von keiner thematischen Klammer eingeengt. „Hier kann man nicht auf Standardausbildungsprogramme zurückgreifen. Das erfordert vielmehr eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit", dazu sei das relativ neue  Forschungsthema Alterung zu komplex. In den jeweiligen Fachbereichen werden unterschiedliche Aspekte untersucht. Und wo Gleiches sich abzeichnet, werde dieses herausgearbeitet - wie beispielsweise bei Alterungsprozessen im Immun- und Stammzellsystem oder der Haut. Genauso werden aber auch Unterschiede deutlich herausgestellt, erklärt Geiger den interdisziplinären Austausch mit den elf Alternsforschungs-Gruppen. Diese Herangehensweise im Ausbildungsprogramm macht die Kollegiaten flexibel, ermöglicht ihnen schnell auf aktuelle Erkenntnisse wie neue molekulare Interaktionen zu reagieren.

Ulmer Trumpf: Nähe zur klinischen Anwendung

Das Pfund, mit dem Ulmer Alternsforscher wuchern können, ist ihre Nähe zur klinischen Anwendung, zur Translation. Eine klinische Forschergruppe (www.KFO142.de), ebenfalls unter Leitung von Hartmut Geiger, erforscht in zehn Projekten Alterungsprozesse und deren Wirkmechanismen bis zur klinischen Perspektive. Hinzu kommt ein seit 2011 mit rund 7,5 Mio. Euro vom BMBF gefördertes Projekt namens SyStaR, das bis 2016 läuft. Das Forscherkonsortium vereint Kliniker, Grundlagenforscher, Bioinformatiker und Mathematiker. Es versucht mit einem systembiologischen Ansatz, den zellulären und molekularen Abläufen der Alterung auf die Spur zu kommen. Langfristiges Ziel ist es, durch das Verständnis der molekularen Ursachen der altersabhängigen Verminderung der Funktion somatischer Zellen und Stammzellen molekulare Therapien zu entwickeln, die den Organerhalt verbessern und im weiteren Sinne die Phase des gesunden Alterns verlängern.

Die zukünftigen Teilnehmer des Graduiertenkollegs erwartet in Ulm ein breit gefächertes Forschungsspektrum zur Alterung. Es reicht von  mesenchymalen Stammzellen (Karin Scharffetter-Kochanek), der DNA-Reparatur an Stammzellen (Hartmut Geiger / Dermatologie; Elisabeth Wiesmüller / Gynäkologie) bis hin zur Immunologie (Frank Kirchhoff / Molekulare Virologie; Reinhold Schirmbeck / Klinik für Innere Medizin I), deckt auch neuronale Aspekte des Alterns (Albert Ludolph, Thomas Wirth, Birgit Liss und Christian Kubisch) oder Fragen des Energiestoffwechsels (Sebastian Iben / Dermatologie) und der Leukämie (Christian Buske / Experimentelle Tumorforschung) ab.

Das Graduiertenkolleg profitiert von vorhandenen Strukturen, übernimmt den Rekrutierungsmodus der Internationalen Graduiertenschule für Molekulare Medizin, die im Rahmen der Exzellenzinitiative vom Bund gefördert wird. Auch die Strukturen der klinischen Forschergruppe mit internationalen Vortragsreihen werden im Rahmen des Graduiertenkollegs weitergeführt. Mit Gerald de Haan vom Medical Center im niederländischen Groningen steht die Gastprofessur für das erste Jahr schon fest. Haan ist einer der federführenden Wissenschaftler am dortigen Forschungszentrum für die Biologie des Alterns. Auch ein Austausch für Graduierte in diese Forschungsstätte im Norden der Niederlande ist nach Geigers Worten möglich.

Integration in bestehende Strukturen

Das neue Graduiertenkolleg zur Alternsforschung kommt Forschern wie Hartmut Geiger wie gerufen. Auf mittlere Sicht setzt er auf ein „Aging Research Center" in Ulm. Ein Schritt dorthin ist mit dem neuen Graduiertenkolleg getan, das die Option auf einmalige Verlängerung beeinhaltet. Wenn die schon bestehenden Forschungsstrukturen noch besser aufeinander abgestimmt werden, erwächst darauf möglicherweise ein Konzept, das die Einrichtung eines Sonderforschungsbereiches ermöglicht. Denn der Stammzellforscher Hartmut Geiger weiß: „Eine so enge Vernetzung von Grundlagenforschung mit Klinik und Informatik bekommen Sie sonst nirgends in Deutschland."

Mit der unabwendbar eintretenden Alterung der Gesellschaft ist auch der exponentielle Anstieg altersassoziierter Erkrankungen wie Demenz, Muskelschwund, geschwächte Immunabwehr oder Blutarmut vorprogrammiert. „Nur verbesserte und vertiefte medizinische wie biologische Kenntnisse der Alterungs-Mechanismen ermöglichen neue Therapie-Ansätze bei alterungsbedingten Erkrankungen und deren Prävention“, sagt der Biochemiker Geiger, der Alternsforschung als gesellschaftlich hochrelevant versteht.

Thema wird absehbar noch wichtiger

Links: In jungen hämatopoetischen Stammzellen finden sich Proteinkomponenten (grün/rot) geordnet und polar. Rechts: Unordnung bei den Protein-Komponenten (grün/rot) in gealterten Stammzellen. Es wird angenommen, dass diese Unordnung ursächlich für die verminderte Funktion gealterter Stammzellen ist, da eine Wiederherstellung der Ordnung in gealterten Stammzellen mit einer Verjüngung einhergeht. © Geiger

In seinem Fachgebiet hat Geiger inzwischen kausale Zusammenhänge gefunden, die ihn zu der begründeten Annahme veranlassen, dass bestimmte Alternsvorgänge reversibel sind. In einer seiner jüngsten Arbeiten zeigte er, dass sich möglicherweise die Alterung adulter Stammzellen in Geweben beeinflussen lässt, die in hohem Maße auf Stammzellen zur Gewebeerhaltung zurückgreifen - wie Blut, Dünndarm und Haut.

Auf lange Sicht will Geiger Alterungsforschung in Ulm „dauerhaft gut, also nachhaltig etablieren“. Anders als beim medizinisch ausgerichteten Graduiertenkolleg müsste aber nach Geigers Vorstellungen das Thema breiter, also auch jenseits der Medizin aufgestellt werden. Die regionale Anbindung sei heute schon gut mit dem altersmedizinischen Zentrum, der Ulmer Bethesda-Klinik und einer stark interessierten Epidemiologie. Der Zugang zu den Älteren, ihren Problemen und Bedürfnissen muss nach seinen Worten aber noch geschaffen werden.

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