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"Die Nanomedizin wird heute unheilbare Krankheiten bekämpfen können"

Die Nanotechnologie steht an der Schwelle zur Anwendung in der Humanmedizin. Versuche mit Krankheitsmodellen haben viel versprechende Ergebnisse gebracht, und es gibt bereits erste klinische Studien. Die Mediziner hoffen, dass man mit der Nanomedizin Leiden wie Krebs besser diagnostizieren und durch gezielte Abgabe von Medikamenten bei den erkrankten Zellen heilen kann. Um die Anwendung der Nanomedizin zu beschleunigen, haben der Kommunikationswissenschaftler Beat Löffler und der Mediziner PD Dr. Patrick Hunziker vor einem Jahr die Europäische Stiftung für Klinische Nanomedizin CLINAM gegründet. In Kürze findet in Basel die erste große „Europäische Konferenz für Klinische Nanomedizin“ statt. Aus diesem Anlass hat sich die BIOPRO Baden-Württemberg GmbH mit den beiden CLINAM-Gründern über dieses viel versprechende Anwendungsgebiet unterhalten.

Was ist denn so Besonderes an der Nanomedizin?

CLINAM-Gründer Beat Löffler M.A. ist Geschäftsführender Direktor und verantwortlich für die Verwaltung der Stiftung. (Foto: CLINAM)
Nanotechnologie ist die Wissenschaft, die sich mit dem Kleinsten befasst. Dazu gehören Methoden zur Abbildung und Manipulation in sehr kleinem Maßstab sowie die Konstruktion von Objekten und neuen Materialien. Die Nanomedizin versucht, alle diese Methoden, Materialien und Geräte zum Nutzen von Patienten einzusetzen - also die Nanotechnologie in die klinische Medizin umzusetzen und einzubringen. Zum Beispiel Nanomaterialien als Träger von Medikamenten, die ganz gezielt an die gewünschte Stelle im Körper gebracht werden und das Medikament direkt bei der erkrankten Zelle abgeben. Zudem gibt es viele diagnostische Methoden, die in Zukunft bereits am Patientenbett sehr schnell und sicher Auskunft darüber geben können, was dem Patienten fehlt.

Die Nanomedizin ist ein sehr weites und junges Gebiet, das auf den Fortschritten der Nanotechnologie beruht. Viele sprechen davon, dass diese die grundlegende Technologie des 21. Jahrhunderts sein wird. In der Medizin wird man sie für sehr viele Fragestellungen anwenden können, nicht nur bei einzelnen Krankheiten.
CLINAM-Gründer PD Dr. Patrick Hunziker ist Wissenschaftlicher Direktor und leitet auch selbst Forschungsprogramme. (Foto: CLINAM)
Gibt es bereits Beispiele in der Humanmedizin?

Ja, es laufen zum Beispiel Studien in der Krebsbehandlung. Mit der Nanomedizin kann man Krebs viel gezielter bekämpfen als bisher. Dass diese Therapie funktioniert, wurde in Experimenten schon gezeigt, und erste Studien an Patienten werden zur Zeit durchgeführt. Man praktiziert hier das so genannte Targeting: Statt Patienten mit giftigen Medikamenten zu überschwemmen, gehen wir das Problem ganz gezielt an. Medikamente wirken nur dort, wo sie auch wirklich gebraucht werden und haben dann natürlich viel weniger Nebenwirkungen. Dies ist eine der wichtigsten Anwendungen, der gezielte Einsatz der Therapeutika.

Wo steht die Nanomedizin heute?

Vor etwa zehn Jahren befanden sich die medizinischen Anwendungen der Nanotechnologie noch im Science-Fiction-Bereich. In den letzten Jahren hat man aber in der Forschung solche Fortschritte gemacht, dass die Nanotechnologie bei Krankheitsmodellen in vitro und in vivo heute sehr gut funktioniert. Und nun wurden wie gesagt erste klinische Studien gestartet, zum Beispiel in der Kardiologie und Onkologie oder für die Behandlung metabolischer Störungen wie Diabetes und neurodegenerativer Erkrankungen. Diese therapeutische Anwendung der Nanomedizin ist nur noch wenige Jahre entfernt. Im Handel sind derartige Präparate bei uns noch nicht, aber aufgrund der laufenden klinischen Studien ist ein baldiges Erscheinen der Medikamente in der klinischen Praxis wahrscheinlich. Auch Methoden der In-vitro-Diagnostik sind schon sehr weit entwickelt, ebenso wie die molekulare Diagnostik im Körper.

Ein gutes Beispiel für eine heute schon praktikable Anwendung ist das so genannte „Bedside Monitoring“, um biochemische Vitalzeichen des Körpers zu verfolgen. Hiermit kann man mit wenigen Tropfen Blut direkt am Patientenbett eine verlässliche und schnelle Diagnose stellen. So weiß der behandelnde Arzt sehr rasch, was dem Patienten eigentlich fehlt und kann sofort handeln. Das verkürzt wiederum die Verweildauer im Krankenhaus und führt zu einem enormen Nutzen für den Menschen, ganz zu schweigen von der möglichen Kostenersparnis durch frühere und genauere Diagnostik.

Darüber hinaus wird es in den nächsten Jahren auch Methoden geben, die der Patient zuhause selbst anwenden kann, ähnlich der Blutzuckermessung bei Diabetikern, die heute schon gang und gäbe ist. Die nanomedizinische Anwendung wird aber viel breiter und effizienter sein als bisherige Methoden.

Ist die Nanomedizin für alle Krankheiten geeignet? Und auch für alle Patienten?

Für „alle“ ist ein großes Wort. Aber wir sind heute schon sicher, dass wir damit sehr viele schwere und unheilbare Krankheiten bekämpfen werden, darunter Krebs, Infektionen, Entzündungen, Arteriosklerose und Stoffwechselerkrankungen. Zudem können durch die neuen nanobasierten Materialien medizinische Implantate besser und verträglicher werden. Das Interessante daran ist, dass die Nanomedizin so enorm vielfältig ist. Zum Beispiel kann man Nanoträger für Medikamente auch gezielt und maßgeschneidert für jeden Patienten herstellen. Das hat eine große Bedeutung für Allergiker. Man kann hier den Wirkstoff beibehalten und nur das Trägermaterial individuell verändern. So kann man Nebenwirkungen perfekt umschiffen.
Animation eines Nanocontainers, der Wirkstoffe gezielt zu den Zellen bringt und dort freisetzt (Abbildung.: CLINAM)

Werden nanomedizinische Anwendungen von den Krankenkassen übernommen werden?

Bei jeder neuen Therapie muss man zunächst einmal beweisen, dass sie wirkt, nebenwirkungsarm und kosteneffizient ist, dann werden sich auch die Krankenkassen hierfür aussprechen. Wir sind da für die Nanomedizin sehr zuversichtlich.

Was motiviert Sie, sich in der Europäischen Stiftung für Klinische Nanomedizin (CLINAM) persönlich so stark zu engagieren?

Wir haben seit den späten 1990er Jahren Einblick in diese Technologie bekommen, und diese hat uns mehr und mehr fasziniert. Jetzt ist die Zeit reif für die klinische Anwendung, die Vorteile zeichnen sich ab. Die Nanotechnologie wird für uns alle sehr wichtig werden. Deshalb haben wir uns gesagt: „Wir möchten dies mit einer Stiftung besonders fördern – und zwar konkret die klinische Anwendung für den Patienten.“ Außerdem ist die Nanomedizin ein breites Feld von großer Interdisziplinarität, und deshalb wollen wir diese interdisziplinäre Zusammenarbeit mit unserer Unterstützung besonders fördern und vorantreiben.

Was brachte Sie auf die Idee, eine solche Stiftung zu gründen?

Vor einigen Jahren hat sich beim Aufbau der Biovalley-Initiative gezeigt, dass Kommunikation zwischen verschiedenen Wissensgebieten nicht immer einfach ist - aber unerlässlich. Wenn diese funktioniert, dann entwickeln sich nämlich Ideen für Innovationen. Und die richtige Kommunikation - das wollen wir für die Nanomedizin sicherstellen. Diese ist von Natur aus extrem interdisziplinär, die Zusammenarbeit verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen ist an der Tagesordnung. Deshalb ist es uns wichtig, eine „gemeinsame Sprache“ zu finden, um diese innovative Forschung zu fördern und nicht zu behindern. Wir wollen erreichen, dass Europa bei der klinischen Anwendung der Nanotechnologie ganz vorne dabei ist.

Wer steckt hinter CLINAM, wie finanziert sie sich?

Wir beide haben CLINAM zunächst mit unseren eigenen Mitteln gegründet. Heute wird die Stiftung getragen von einem Stiftungsrat – also Medizinern, Wissenschaftlern, Bankenvertretern, Juristen, die unsere Visionen teilen. Wir alle möchten die Medizin in einem ganz neuen Bereich fördern und sind auch im Gespräch mit der Industrie, die sehr interessiert ist.

Die Stiftung wurde vor knapp einem Jahr ins Leben gerufen. Welche Erfolge gibt es schon?

Bereits im Oktober 2006 hatten wir das Konzept zur Gründung von CLINAM erstellt und die Stiftung dann 2007 gegründet. Seither haben wir aber noch mehr erreicht: Wir haben die „Europäische Gesellschaft für Nanomedizin“ (ESNAM) gegründet. Sie ist die größte Gesellschaft ihrer Art in Europa und hat bereits 150 Mitglieder, von denen die meisten auch klinisch arbeiten. Wir haben zudem ein Konferenzprogramm gestartet, das große Impulse geben wird. Schon im Mai wird unsere erste Europäische Konferenz in Basel stattfinden und dann jährlich weltweit die besten Experten des Gebietes der klinischen Nanomedizin vereinigen. Außerdem haben wir das „European Journal of Clinical Nanomedicine“ ins Leben gerufen. Die erste Nummer wird im Mai anlässlich der Konferenz erscheinen.

Welche Vorhaben plant CLINAM für die Zukunft?

Wir haben große Visionen. Zuerst einmal ist unser Ziel, zu wachsen. Und dann wollen wir irgendwann einmal ein großes europäisches Gemeinschaftsforschungszentrum aufbauen, das in Basel seine Arbeit aufnehmen soll, aber das wird einige Jahre dauern. Wir werden jedoch dieses Ziel währenddessen nicht aus den Augen verlieren.

Wann erwarten Sie, dass sich nanomedizinische Anwendungen in der Klinik durchsetzen werden?

In wenigen Jahren in der Diagnostik, und auch für therapeutische Anwendungen ist der Weg nicht mehr weit. Es laufen ja bereits die klinischen Studien. Dies setzt natürlich Kooperationen zwischen Klinik, Forschung und Industrie voraus, beispielsweise was die Herstellung der Therapeutika angeht.

Es gibt also bereits Kooperationen mit Pharmafirmen?

Ja, die gibt es. Zum Beispiel im Europäischen Forschungsprogramm werden alle Nanotechnologieprojekte mit industriellen Partnern durchgeführt. Die Industrie ist da bereits sehr stark sensibilisiert und auch interessiert daran, früh einzusteigen, um nichts zu verpassen. Alle großen Plattformen werden erstrangig von der Industrie mit getragen.

Warum haben sich Mediziner nicht schon viel früher mit der Nanotechnologie befasst?

Ärzte interessieren sich erst in letzter Zeit zunehmend für das Thema, weil jetzt die Zeit gekommen ist, da wir kurz vor der klinischen Anwendung stehen. Sie müssen sich also jetzt damit auseinandersetzen. Während die Europäischen Technologieplattformen die Ziele von Industrie, Akademie und Politik miteinander verlinken, haben klinisch tätige Ärzte eine etwas andere Perspektive und andere Prioritäten. Deshalb haben wir auch die Stiftung gegründet: Sie verfolgt einen anderen Ansatz und möchte die klinische Anwendung mit der Forschung verlinken. Beide Ansätze sind nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu sehen, die für alle Seiten profitabel ist.

Welche anderen fachlichen Gruppen arbeiten außer Medizinern in der Nanomedizin?

Die Gruppe der „Klinischen Nanomediziner“ ist von Beruf und Interesse her sehr interdisziplinär. Hier arbeiten Ärzte, Naturwissenschaftler, Pharmakologen, Ingenieure und Techniker zusammen. Bisher wurde das Arbeitsgebiet hauptsächlich von Pharmakologen und Industrievertretern repräsentiert, Mediziner waren weniger vertreten, weil die klinische Anwendung noch weit entfernt war. Heute sieht das anders aus. Und genau das wird auch das Bestechende an der Konferenz im Mai sein, dass über die Hälfte der Referenten Ärzte sind – das ist ein absolutes Novum.

Wir wollen aber ganz bewusst keine Ärztegesellschaft sein, sondern wollen Mitglieder aus Klinikern und Wissenschaftlern vereinen. Unser gemeinsames Ziel ist, die Brücke zu bauen zwischen beiden Disziplinen – das liegt uns sehr am Herzen.

Gibt es auch ethische Bedenken bei der Anwendung der Nanomedizin?

Ja, natürlich müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, ob die Nanomedizin dem Menschen nützt, oder ob es auch potenzielle Gefahren gibt. Die Ärzte tragen da eine große Verantwortung, und deshalb muss man sich auch intensiv mit Fragen der Toxizität beschäftigen. CLINAM hat es sich in seinem Ethik-Programm zur Aufgabe gemacht, die Chancen und Risiken zur Diskussion zu stellen und veranstaltet regelmäßig Expertengespräche.

Außerdem tauchen von Seiten der Geisteswissenschaften im Hinblick auf jede neue Technologie Fragen nach der Entwicklung der Gesellschaft und dem menschlichen Denken auf. Die Menschen haben da ja auch sehr hohe Erwartungen an diese neuen Technologien. Manche haben eher Angst davor, und andere gehen davon aus, dass sie mehr nützen als schaden. Damit muss man sich auseinandersetzen.

Was erwarten Sie von Ihrer ersten großen internationalen Konferenz?

Wenn zum allerersten Mal mehr als hundert Leute aus der klinischen Nanomedizin zusammen kommen, dann wird das sicher sehr, sehr spannend. Wir hoffen, dass viel diskutiert werden wird, auch gerade von Seiten der Teilnehmer. Deshalb haben wir den Aufbau der Konferenz sehr straff organisiert: Jeder Referent hat zehn Minuten, um den Kern seiner Aussage prägnant zu äußern. Der Rest der Zeit ist für Fragen und Diskussionen im Plenum reserviert.

Es ist sicher in Europa und wahrscheinlich weltweit der erste Nanomedizin-Kongress, bei dem die Hälfte der Referenten aus der Klinik kommt. Wir erwarten außerdem Naturwissenschaftler, Pharmakologen, Industrielle, Tool-Hersteller, Materialfachkundige und viele andere, die zur Gemeinschaft gehören. Und die ganze Konferenz beschäftigt sich mit der Frage, wie weit die Möglichkeiten und die Entdeckungen in der Nanomedizin heute sind, was heute klinisch ´state of the art´ ist, und wohin die Reise gehen kann. Wir erwarten auf jeden Fall viel konstruktive Auseinandersetzung und aufgeweckte Geister.

Das Interview führte Dr. Petra Neis-Beeckmann für die BIOPRO Baden-Württemberg GmbH.

pbe - 26.03.08
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH

Weitere Informationen zum Beitrag:
Beat Löffler, MA
European Foundation for Clinical Nanomedicine CLINAM
Alemannengasse 12
CH-4016 Basel
Schweiz
Tel.: 0041/ 61-6959395
Fax: 0041/ 61-6959390
E-Mail: loeffler@clinam.org

Nanomedizin

Unter Nanomedizin versteht man die Anwendung der Nanotechnologie in der Medizin. Die Nanotechnologie wird als eine der wichtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts angesehen. Sie ist ein interdisziplinärer Wissenschaftszweig, der sich mit Methoden, Materialien und Werkzeugen im Nanometerbereich beschäftigt – also im Bereich von einem Millionstel Millimeter, auf der Ebene einzelner Moleküle im Körper. Die Anwendung der Nanotechnologie in der Medizin soll zu einer besseren Vorsorge, einer schnelleren Diagnose und einer effizienteren Behandlung der Patienten mit gleichzeitig weniger Nebenwirkungen führen.

Zudem ist die Nanomedizin durch kürzere Klinikaufenthalte, die Möglichkeit der Patienten zum Selbstmanagement und dem Verbrauch von minimalen Mengen an Reagenzien und Materialien wesentlich kosteneffizienter als herkömmliche Methoden. In Pilotstudien werden bereits Therapien mit Hilfe von gezielter Medikamentenverabreichung (Targeting), medizinischen Nanomaterialien, diagnostischer Bildgebung, regenerationsmedizinischen Methoden und Implantaten aus Biomaterialien getestet.
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