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Die selbst verschuldete Epidemie

Kein anderer Faktor ist für so viele vermeidbare Krebstote verantwortlich wie das Rauchen. Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat mit der Stabsstelle Krebsprävention und dem WHO-Zentrum für Tabakkontrolle Institutionen etabliert, die sich der Erforschung der Schadstoffe im Tabak, der Aufklärung der Öffentlichkeit über die Gesundheitsgefährdung und Suchtgefahren durch das Rauchen und dem Kampf gegen die Tabaklobby verschrieben haben.

„Durch eine einzige Maßnahme ließe sich die Zahl der Krebstoten in Deutschland um ein Drittel senken; das wären 60.000 Tote weniger im Jahr “, erklärte Prof. Harald zur Hausen, der langjährige Vorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und jetzige Nobelpreisträger, schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert: „Hört auf mit dem Rauchen!“ Er stand damit in einer Reihe mit so gut wie allen namhaften Krebsforschern der Welt. Schon in den 1960er Jahren hatten amerikanische Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen der Inhalation von Zigarettenrauch und dem Auftreten von Lungenkrebs in sorgfältigen, umfangreichen Studien nachgewiesen. Es dauerte fast dreißig Jahre, bis sich in den USA wirksame Rauchverbote allmählich und schrittweise gegen die mächtige Tabaklobby durchsetzen konnten, die mit gekauften Gegengutachten, skandalöser Werbung und massiver Beeinflussung der Politiker dagegenhielt.

Überreste des Suchtkonsums © DKFZ

Und Deutschland? Obwohl die Faktenlage ebenso eindeutig und ebenso lange bekannt war, wurden Maßnahmen gegen die Tabakwerbung, zum Nichtraucherschutz und vor allem zum Schutz der Minderjährigen erst mit langer Verzögerung getroffen. Man hinkte nicht nur weit hinter den USA her, sondern auch hinter europäischen Ländern. In Italien, Frankreich, Irland, die man bei uns früher eher als notorische Raucher- und Wirtshausnationen eingestuft hatte, wurden klare und eindeutige Nichtraucherschutzgesetze erlassen und durchgesetzt. In Deutschland dagegen wurden halbherzige Rauchverbote, kaum waren sie verkündet, durch Ausnahmeregelungen Bundesland für Bundesland wieder durchlöchert - für Eckkneipen, Festzelte, Nebenräume von Restaurants und Diskotheken, durch Kennzeichnung als Rauchergaststätte oder Raucherclub. „Es fehlt in Deutschland schlicht und ergreifend am politischen Willen; daran zeigt sich deutlich, wie stark die Tabaklobby in Deutschland ist", erklärte Dr. Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im DKFZ, im Juli 2010 anlässlich des Volksentscheids zum Nichtraucherschutz in Bayern.

Etappensieg für Verantwortlichkeit

Dr. med. Martina Pötschke-Langer © DKFZ

Dass der Volksentscheid ein Triumph der Nichtraucher wurde und Bayern das schärfste Rauchverbot in Deutschland bescherte, darf man als Hinweis deuten, dass der Bewusstseinswandel der Öffentlichkeit den Entscheidungen der Politiker vorausgeht. Man kann hoffen, dass andere Bundesländer folgen werden. Erfreulicherweise kann in den letzten Jahren ein sogar schon statistisch nachweisbarer Rückgang der Raucherquote beobachtet werden. Rauchen hat in vielen Kreisen nicht mehr die soziale Akzeptanz wie früher und gilt nicht mehr als chic. Hatten 2001 noch 28 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit dem Rauchen angefangen, so waren es 2009 nur noch 15 Prozent, berichtete Pötschke-Langer. Sie hat an diesem Rückgang wesentlichen Anteil. Ihr großes Engagement besonders bei der Aufklärung von Schulkindern und Jugendlichen und ihr unermüdliches Streiten um gesetzlich verankerten Schutz von Nichtrauchern wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt, das Dr. Martina Pötschke-Langer nach Nominierung durch das Bundesgesundheitsministerium vom baden-württembergischen Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr. Peter Frankenberg, überreicht wurde. Das DKFZ in Heidelberg, an dem Pötschke-Langer auch das 2002 etablierte WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle leitet, war im Jahr davor bereits von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für seine Beiträge zur Entwicklung gesetzlicher Regelungen zum Schutz vor Passivrauchen und für seine wissenschaftlich fundierten Publikationen über die Gesundheitsgefährdung durch Rauchen mit dem „World No Tobacco Day Award" für exzellente Leistungen auf dem Gebiet der Tabakkontrolle ausgezeichnet worden.

Es geht nicht darum, die Luft, die wir einatmen, etwas zu verbessern, auch nicht darum, die Eigenverantwortung von Menschen durch Mehrheitsvoten zu beschneiden. Es geht vor allem um unsägliches vermeidbares Leiden und unzählige vermeidbare Todesfälle. „Tabakrauchen führt zu der größten und schlimmsten selbst verschuldeten Epidemie“, erklärte Prof. Dr. Peter Drings, viele Jahre lang Ärztlicher Direktor der Thoraxklinik Heidelberg-Rohrbach, einer der renommiertesten Lungenfachkliniken Europas. Von den 40.000 Lungenkrebstoten in Deutschland (2004) könnten 85 Prozent noch leben, wenn sie nicht geraucht hätten. Aber Rauchen verursacht nicht nur Lungenkrebs; auch an der Entstehung vieler anderer Krebsformen ist es beteiligt: an Karzinomen des Magens, der Bauchspeicheldrüse, der Niere und Harnblase sowie, vor allem in der Kombination mit Alkohol, an Krebs der Mundhöhle, Speiseröhre und des Kehlkopfes. Schätzungsweise ein Drittel aller Krebstodesfälle werden durch Tabakrauch verursacht oder gefördert. Noch höher als für Krebskrankheiten ist bei Rauchern das Risiko für chronische Atemwegerkrankungen und Krankheiten der Blutgefäße wie Herzinfarkt. Etwa 50 Prozent aller regelmäßigen Raucher werden an den Folgen ihrer Sucht vorzeitig sterben. Und es sind nicht nur die aktiv Rauchenden. Nach epidemiologischen Studien des DKFZ sind in Deutschland über 400 Lungenkrebs-Todesfälle jährlich auf Passivrauchen zurückzuführen. Betroffen sind vor allem Personen, die schon in der frühen Kindheit passiv dem Zigarettenrauch ausgesetzt waren.

Ein unübersehbares Schadstoffgemisch

Tabakrauch ist ein komplexes Gemisch aus weit über 4.000 chemischen Substanzen; hinzu kommen noch die Zusatzstoffe, die von den Produzenten beigemischt werden, um den Verbrauch zu fördern. Etwa 90 Verbindungen, die bei der Verbrennung (Pyrolyse) des Tabaks und der Zusatzstoffe entstehen, sind krebserzeugend oder werden als möglicherweise krebserzeugend eingestuft. Dazu gehören: polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, N-Nitrosamine, Aldehyde wie Formaldehyd, Acetaldehyd und Acrolein, flüchtige organische Stoffe wie Benzol, Butadien und Vinylchlorid, aber auch Phenol, Hydrochinon und Kresole, Nitroverbindungen, aromatische Amine, Acrylamid, Styrol, aliphatische Epoxide und Cumarin. Die Reihe lässt sich durch zahlreiche weitere Schadstoffe wie Blausäure, Acetonitril, Polonium 210 usw. fortsetzen. Hinzu kommt, dass die im Tabakrauch enthaltenen Stoffe miteinander in Wechselwirkung treten können.

Nikotin, Strukturformel

Im Band 16 der Roten Reihe „Tabakprävention und Tabakkontrolle", die vom Deutschen Krebsforschungszentrum herausgegeben wird, heißt es: „Die verwendeten Zusatzstoffe machen den Tabakrauch zu einem unüberschaubaren chemischen  Gemisch, dessen ohnehin schon krebserzeugendes und gesundheitsschädliches Potenzial erheblich verstärkt wird." Anlässlich der 8. Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle, die am 08./09. Dezember 2010 vom DKFZ in Zusammenarbeit mit dem Aktionsbündnis Nichtrauchen in Heidelberg durchgeführt wurde, stellten Dr. Martina Pötschke-Langer und ihre Mitarbeiter/innen von der Stabsstelle Krebsprävention und WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle am DKFZ die neue Publikation vor: „Verbesserung des Jugend- und Verbraucherschutzes durch die Überarbeitung der europäischen Tabakprodukt-Richtlinie 2001/37/EG." Erstellt wurde sie in Zusammenarbeit mit dem Toxikologen Prof. Dr. Dr. Heinz Walter Thielmann, der lange am DKFZ geforscht hat und jetzt Mitglied der Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe ist.

Ausgefeilte, abgefeimte Werbekampagnen

Das Suchtpotenzial des Tabakrauchens beruht im Wesentlichen auf dem Alkaloid Nikotin. Um ihren Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen und zu suggerieren, dass keine Gefahr für die Gesundheit bestünde, führte die Tabakindustrie Zigaretten mit vermindertem Nikotingehalt auf dem Markt ein („light", „ultralight"). Gleichzeitig verfolgte sie mit diversen Strategien das Ziel, die abhängigkeitserzeugende Wirkung des Nikotins zu erhöhen. Zum Beispiel wird durch Erhöhung des pH-Wertes das Nikotin besser verfügbar, das heißt, es wird leichter durch die Zellmembranen hindurch von den Zellen aufgenommen. Zusatzstoffe im Tabak wie Menthol, Lakritze, Theobromin, Koffein und viele andere Aromastoffe erleichtern das Rauchen, vor allem den Einstieg ins Rauchen und führen dazu, den Rauch tief zu inhalieren.

Mit ausgefeilten Werbekampagnen zielt man auf neue Konsumentengruppen, und das sind vor allem Kinder und Jugendliche. Denn nach dem Alter von etwa 20 Jahren sind kaum noch Raucher neu zu gewinnen, die nicht vorher wenigstens ab und zu Zigaretten geraucht hatten. Noch immer ist Tabakwerbung in Deutschland an den wichtigsten Orten erlaubt: an Tankstellen und Kiosken als „Point-of-Sale", im Kino, mit Leuchtreklame und Plakatflächen in der Außenwerbung, mit Merchandising-Produkten in der Gastronomie, und nicht zuletzt über das Design der Zigarettenverpackung und durch „Social Marketing" über öffentlichkeitswirksame Medienpreise bis hin zu renommierten Wissenschaftspreisen. Im Vorfeld des bayerischen Volksentscheides hatte das Aktionsbündnis für Freiheit & Toleranz („Bayern sagt NEIN!") 1,7 Millionen Feuerzeuge im weißblauen Freistaat verteilt - ein Feuerzeug auf jeden siebten Einwohner.

In jüngster Zeit vermarktet die Tabakindustrie neue rauchlose Tabakprodukte, die allen Rauchverboten zum Trotz überall konsumiert werden können. Hierher gehört das aus Schweden stammende „Snus“, ein feingemahlener Tabak mit zahlreichen Aromen und anderen Zusatzstoffen, der gelutscht wird. Die Geschmacksrichtungen sind besonders für Jugendliche attraktiv, und Snus bietet sich als Einstiegsprodukt in den Tabakkonsum geradezu an. Wie Studien gezeigt haben, macht Snus genauso abhängig wie Zigaretten; wie diese enthält er neben Nikotin auch krebserzeugende Nitrosamine und andere gesundheitsschädliche Stoffe. Wie Dr. Katrin Schaller von der Stabsstelle Krebsprävention anlässlich der 8. Deutschen Konferenz für Tabakkontrolle am 8. Dezember 2010 ausführte: „Snus kann den Einstieg in den Tabakkonsum fördern, er macht abhängig und verursacht Krebs. Es gibt keinen Grund, den Verkauf eines gesundheitsschädlichen Produkts in der EU zu erlauben. Daher setzt sich das Deutsche Krebsforschungszentrum dafür ein, dass das Verbot, rauchlose Tabakprodukte in der Europäischen Union zu vermarkten und zu verkaufen, aufrecht erhalten bleibt.“

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/die-selbst-verschuldete-epidemie