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Ein einhelliges Urteil gibt es nicht

Die Zeit ist günstig für eine Zwischenbilanz. Anfang kommenden Jahres werden die ersten Abgänger der neustrukturierten Bachelor-Studiengängen die Hochschule Furtwangen verlassen. Zu diesen gehören auch Absolventen der Bio- und Prozess-Technologie (BPT) und der Medizintechnik (MEB). Wie erlebt diese erste Bachelor-Generation ihr "Life Sciences" Studium? Karin Bundschuh von BioRegio Freiburg hat bei Professor Anton Karle, dem Prorektor für Lehre, und bei Studierenden nachgefragt.

An der Hochschule Furtwangen hat man die Herausforderung früh angenommen und zeitig mit der Umwandlung von Diplom- in Bachelor und- Masterstudiengänge begonnen. (Foto: Hochschule Furtwangen) © Hochschule Furtwangen

Mit dem Willen der Politik das deutsche Hochschulsystem drastisch zu verändern, waren die Verantwortlichen an der Hochschule Furtwangen bereits früh konfrontiert. Schon der Studiengang Biotechnologie, der gerade ausläuft, endete mit einem Bachelor-Abschluss. Und bereits im Jahr 2000 wurde auf dem Campus Villingen-Schwenningen der Masterstudiengang Biomedical Engineering (BME) aufgebaut. „Auf Grund unserer Kompetenzen wurden wir damals in Kooperation mit der Fachhochschule Albstadt-Sigmaringen beauftragt, im Modellversuch einen Masterstudiengang an einer Fachhochschule einzurichten“, erinnert sich Karle.

Neue Namen sind bei weitem nicht alles 

Das damals völlig neue Konzept ist heute etabliert. Doch weitere Masterstudiengänge in den Life Sciences hat man bisher nicht geschaffen. Erst wenn die Bachelor-Abgänger herangereift sind, wird man sehen, wir groß der Bedarf an Masterstudienplätzen ist. Derzeit stehen die meisten Studierenden, die zum Wintersemester 2005 /2006 ihre Ausbildung in den damals neu strukturierten Bachelorstudiengängen begonnen haben, kurz vor der Anfertigung ihrer Thesis, wie die Abschlussarbeit heute heißt.

Namen und Benennungen sind allerdings bei weitem nicht alles, was sich durch die Umsetzung der 1999 in Bologna gefassten Beschlüsse an der Hochschule Furtwangen verändert hat. So wurden die einführenden Praxissemester, die die Studierenden außerhalb der Hochschule, beispielsweise in einem Unternehmen, zu absolvieren hatten, gestrichen. Schließlich galt es die Studienzeiten zu verkürzen. „Damit der Praxisbezug der Studiengänge dennoch nicht verloren geht, haben wir versucht mehr Praxisanteile in die Lehrveranstaltungen an der Hochschule zu integrieren“, berichtet Karle. Ob das tatsächlich ausreicht, bezweifeln aber manche.

Vielfach vermisst – das erste Praxissemester

Zwar ist der Prorektor überzeugt, dass im 5. Semester, das auch heute noch ein Praxissemester ist, für einen fundierten Bezug zur Praxis gesorgt wird. Einigen Studierenden scheint das aber nicht zu reichen. „Die Praktika verdeutlichen zwar die Theorie, auf den Berufsalltag bereiten sie aber weniger vor“, urteilt eine Studentin. Eine Kommilitonin beklagt explizit den Verlust des ersten Praxissemesters. Dadurch fehle eine wichtige Orientierungshilfe. „Für uns ist es damit noch schwieriger geworden, uns gezielt für eine Fachrichtung zu entscheiden, in der wir später einmal tätig sein wollen.“

Anstatt wie früher vier studiert man heute dreieinhalb Jahre. Da – wie schon gesagt – das erste Praxissemester geopfert wurde, mussten die Lerninhalte nicht wesentlich gekürzt werden. Geändert hat sich die Art und Weise wie der Stoff vermittelt wird und wie die Studierenden die Lernziele erreichen sollen. „Sie müssen jedes Semester bestimmte Arbeitsleistungen erbringen und deutlich aktiver mitarbeiten als früher“, erklärt Karle. Die Vor- und Nachbereitung der Veranstaltungen sowie die Teilnahme an Tutorien ist vielfach festgeschriebene Pflicht. „Wir wollen die Studierenden begleiten und unterstützen, sie mehr fördern und gleichzeitig fordern“, sagt der Prorektor. Die verschiedenen Fächer eines Studiengangs sind außerdem deutlich stärker aufeinander abgestimmt als früher. Man versucht viele Themen fächerübergreifend zu vermitteln.

Großes Engagement und prima Betreuung

Für Karle ist das in der Sache auch der richtige Weg. Ganz glücklich ist er damit dennoch nicht, denn die Politik hat vergessen, weiteres Personal und zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen, die eigentlich nötig wären, um den gestiegenen Arbeitsaufwand bewältigen zu können. Erst seit einem Jahr ist diese Situation besser. „Die Studiengebühren helfen uns da sehr“, betont der Prorektor. Viele Professoren und Lehrbeauftragten scheinen sich aber immer schon sehr um die Studierenden und deren Nöte zu kümmern. „Ich habe mich jederzeit gut betreut gefühlt“, erklärt ein Student. Und eine Kommilitonin lobt: „Man kann die Professoren immer ansprechen und sie nehmen sich auch Zeit, zu helfen und die Fragen zu klären.“

Wer an der Hochschule Furtwangen zum Bachelor-Abschluss kommen will, dessen Tage sind ausgefüllt. Zeit um nebenher noch Geld zu verdienen hat auch kaum keiner. „Das sind Vollzeitstudiengänge“, sagt Prorektor Karle. Die Präsenzzeiten sind hoch, hier ein Pflicht-, da ein Blockpraktikum. Viele Veranstaltungen sind vor- und nachzubereiten, dazu kommen Protokolle, Präsentationen, Hausarbeiten und selbstverständlich Klausuren. 900 Arbeitsstunden soll ein Studierenden jedes Semester in sein Fach investieren. „Das verlangt kontinuierliche Arbeit und ein gutes Zeitmanagement“, meint eine Studentin. Bisher wagten auch nur die allerwenigsten überhaupt an Kinder und eine Familie zu denken. „Wir arbeiten aber kontinuierlich und mit viel Engagement daran, die Bedingungen für Studierende in dieser Situation zu verbessern“, erzählt Karle, dem das ein wichtiges Anliegen ist.

Weg ins Ausland ist immer noch nicht einfach

Großes Ziel der Beschlüsse von Bologna war eine Internationalisierung der Ausbildung und zumindest teilweise scheint das an der Hochschule Furtwangen erreicht. Die Studierenden bekunden einhellig, dass die Hochschule ihnen beim Thema Praxissemester im Ausland oder Auslandssemester sehr entgegen komme. Eine Studentin, die selbst im Ausland war, erinnert sich gerne: „Das war eine sehr bereichernde Zeit.“ Doch nur mit großem Glück ist sie, wie sie sagt, bis nach Kanada gekommen. Einer ihrer Professoren habe sie unterstützt. Ohne die Beziehungen der Hochschullehrer geht oftmals wohl nur wenig. Viele Mitstudierende, denen keiner unter die Arme gegriffen hätte, hätten trotz eines immensen Bewerbungsaufwandes keinen Platz an einer ausländischen Hochschule bekommen, erzählt die junge Frau.
Studierende der Medizintechnik im Praktikum. Sie rechnen nach dem Abschluss mit guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. (Foto: Hochschule Furtwangen) © Hochschule Furtwangen
Die Änderung des deutschen Hochschulwesens war der erklärte Wunsch der Wirtschaft. Dennoch weiß heute keiner genau, wie die Berufsaussichten der Bachelor-Abgänger einzuschätzen sind. An der Hochschule Furtwangen fallen die Prognosen sehr unterschiedlich aus. Während die Hochschulleitung selbst davon ausgeht, dass ihre Bachelor sehr gefragt sein werden, hegen die Studierenden selbst je nach Fach sehr unterschiedliche Erwartungen. Wer Medizintechnik studiert hat, glaubt an gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die Studierenden der Bio- und Prozesstechnologie dagegen zeigen sich weniger optimistisch. So mancher hat frustrierende Erfahrungen auf Jobmessen oder bei der Suche nach Stellen für die Bachelor-Thesis gemacht. „Als die hörten, dass wir ‚nur’ einen Bachelor-Abschluss machen, gingen bei fast allen die Rollläden runter“, erzählt eine Studentin und fügt leicht sarkastisch hinzu: „Ich finde aber bestimmt eine Stelle, wenn ich bereit bin, wieder als Biologielaborantin zu arbeiten.“ Diesen Job hatte sie vor ihrem Studium bereits ein paar Jahre ausgeübt.

Zwischen Zufriedenheit und Versuchskaninchen

Manche ihrer Kommilitonen glauben allerdings, dass langsam, aber endlich ein Umdenken stattfindet, weg vom Diplom hin zum Bachelor. Und außerdem gibt es ja noch die Möglichkeit, einen Masterstudiengang auf den Bachelor draufzusetzen. „Da kann man doch durch eine eher geringe Zahl an Semestern einen großen Sprung machen“, sind einige überzeugt.

Ein einhelliges Urteil, ob die Umstellung gelungen ist oder doch noch ein paar Defizite auszuräumen sind, gibt es auch an der Hochschule Furtwangen nicht. Während die einen die neu gestalteten Studiengänge im Großen und Ganzen okay finden, haben sich andere doch oftmals wie Versuchskaninchen gefühlt, die nicht immer glücklich waren mit veränderten Strukturen oder neuen Fächerkombinationen.

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