zum Inhalt springen
Powered by

„Ein runder Tisch im Kampf gegen resistente Erreger“ - Interview mit Dr. Hannes Winterer

Von Krankenhäusern über Pflegeeinrichtungen, von mikrobiologischen Laboren bis hin zu Krankenkassen - in den regionalen "Netzwerken multiresistente bzw. mehrfach resistente Erreger" (MRE-Netzwerke) organisieren sich die Akteure des Gesundheitssystems zur Bekämpfung der gefährlichen Bakterien. Im Interview für die BIOPRO Baden-Württemberg schildert Dr. Hannes Winterer, Koordinator des MRE-Netzwerks im Landkreis Konstanz, Aufgaben und Ziele der Netzwerke. Denn auch wenn die strengen Überwachungsmaßnahmen der letzten Jahre erste Erfolge zeigen, sieht er keinen Anlass zur Entwarnung.

Worum handelt es sich bei den MRE-Netzwerken?

Dr. Hannes Winterer koordiniert als Vertreter des Gesundheitsamts Konstanz das MRE-Netzwerk im Landkreis. © H. Winterer

Das landesweite Netzwerk setzt sich aus dezentralen, regionalen Netzwerken zusammen und wird von einer speziellen Arbeitsgruppe am Landesgesundheitsamt unterstützt. Diese besteht unter anderem aus Vertretern der Hygieneinstitute der vier Universitäten im Land, der AOK Baden-Württemberg als Vertreter der gesetzlichen Krankenversicherungen, der Wohlfahrtsverbände, der Kassenärztlichen Vereinigung und der Landesärztekammer sowie des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD). In den einzelnen Netzwerken sind praktisch alle Akteure des Gesundheitssystems beteiligt, die mit multiresistenten Erregern zu tun haben. Das sind Krankenhäuser, Rehakliniken, niedergelassene Ärzte, stationäre Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste, mikrobiologische Laboratorien, Rettungs- und Krankentransportdienste und Krankenkassen.

Seit wann gibt es diese Netzwerke?

Die ersten regionalen MRE-Netzwerke in Baden-Württemberg haben sich 2009 im Rahmen einer Pilotphase in fünf Landkreisen gebildet. Nachdem diese Pilotphase erfolgreich abgeschlossen war, wurde die flächendeckende Umsetzung unter Beteiligung weiterer Landkreise gestartet. Das Netzwerk im Landkreis Konstanz wurde formal im Jahre 2013 gegründet. Allerdings finden schon seit 2011 verschiedene Aktivitäten statt.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit all dieser Mitglieder im Netzwerk vorstellen?

Im Zentrum der Arbeit steht das Zusammenbringen der beteiligten Einrichtungen in Form eines runden Tisches. Diese Treffen können sowohl interdisziplinär als auch zielgruppenspezifisch sein und dienen in erster Linie dem Erfahrungsaustausch und einem besseren Verständnis füreinander. Für Ärzte besteht hier auch die Möglichkeit, komplizierte Fälle in Fallkonferenzen besprechen zu können. In speziellen Situationen kann durch die Vernetzung und die Herstellung verschiedener Kontakte eine Problemlösung herbeigeführt werden. So können beispielsweise die Aufgaben an den Schnittstellen der Patientenversorgung aufeinander abgestimmt werden, denn vor allem am Übergang zwischen stationärer und ambulanter Behandlung sind gezielte Präventionsmaßnahmen nötig. Das ist nicht nur Aufgabe der Kliniken, sondern betrifft alle Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie Alten- und Pflegeheime. Darum ist es wichtig, eine gemeinsame Strategie zur Prävention der Weiterverbreitung zu entwickeln. So wird ein wesentlicher Beitrag zur Patientensicherheit und der öffentlichen Gesundheit geleistet.

Mit welchen konkreten Maßnahmen geht das MRE-Netzwerk gegen die Ausbreitung multiresistenter Erreger vor?

Eine der Hauptaufgaben des Netzwerks ist sicherlich die Information und Beratung aller Beteiligten, von Institutionen über das medizinische Personal bis zu den betroffenen Patienten. Dies findet auf vielen Ebenen statt. Beispielsweise sorgen wir für die Bereitstellung und Verteilung von Merkblättern und Handlungsempfehlungen. Außerdem ist eine lückenlose Weitergabe relevanter Informationen zwischen verschiedenen Einrichtungen nötig, wenn bei einem Patienten eine Besiedlung oder Infektion mit multiresistenten Erregern vorliegt. Dazu soll ein einheitlicher Überleitbogen etabliert werden, der bei Verlegung bzw. Entlassung zum Einsatz kommt. Um gezielt beim medizinischen Personal für die nötige Sensibilisierung für die Problematik multiresistenter Erreger zu sorgen, organisiert das Netzwerk auch fachgruppenspezifische Fortbildungen. Außerdem wird derzeit auch ein regionaler Austausch mit benachbarten Netzwerken im Bereich Südbaden diskutiert. Gemeinsam wäre eine Bewertung regionaler Resistenz- und Antibiotika-Verbrauchsdaten möglich, da hierzu auf Landkreisebene eine zu geringe und statistisch nicht verwertbare Datenlage besteht.

Kolonien des Eitererregers Staphylococcus aureus auf einem Nährboden. Staphylococcus aureus (der „Goldglänzende“) ist ein häufiger Auslöser von Entzündungen und ein gefürchteter Krankenhauskeim. © O. Nolte, Labor Brunner

Können Sie bereits Erfolge der Netzwerke erkennen?

Erfolge der Netzwerke lassen sich nicht konkret ablesen. Das Ziel unserer Arbeit ist natürlich die Bekämpfung des Auftretens und der Weiterverbreitung von MRE. Doch dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, sodass einzelne Maßnahmen nicht unbedingt die Gesamtsituation bemerkbar verändern können. Allgemein lässt sich eine Stagnation bzw. auch ein leichter Rückgang der Befallsraten mit methicillinresistenten Staphylococcus-aureus(MRSA)-Stämmen in den letzten Jahren feststellen. Dies ist allerdings als Erfolg verschiedenster Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen anzusehen.

Gibt diese Tendenz Anlass zu einer positiven Prognose für die Entwicklung der Resistenz-Situation?

Nein, sicherlich nicht. Obwohl verschiedene Surveillance-Systeme bundesweit einen rückläufigen Trend bei MRSA aufweisen, bleiben sie der häufigste multiresistente Erreger in deutschen Krankenhäusern. Sie stellen also durchaus noch eine sehr reale Infektionsgefahr dar. Außerdem bereiten die zunehmenden Resistenzen bei den multiresistenten gramnegativen Bakterien Anlass zur Besorgnis. Diese sogenannten Extended-Spectrum-β-Lactamasen-Bildner (ESBL) mit Resistenzen gegen zwei und die multiresistenten gramnegativen Erreger (MRGN) mit Resistenzen gegen drei oder gar vier Antibiotika-Gruppen werden wegen ihrer zunehmenden Verbreitung und der eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten das Geschehen im stationären und im ambulanten Bereich beeinflussen und erfordern verstärkte Maßnahmen.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/ein-runder-tisch-im-kampf-gegen-resistente-erreger-interview-mit-dr-hannes-winterer