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Eine spezielle Biobank für die neurologische Forschung

Am Tübinger Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) wurde in den letzten Jahren eine umfassende Biobank für die Neuro-Forschung aufgebaut. Sie steht Wissenschaftlern aus Forschungsinstituten und Unternehmen zur Verfügung, die neurologische Erkrankungen wie Parkinson und Alzheimer erforschen, um neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zu finden.

In diesen Tiefkühlgeräten lagern die Proben der Biobank des Hertie-Instituts. © Mätzler, HIH

PD Dr. Walter Mätzler ist Koordinator und wissenschaftlicher Leiter der Biobank und hat ihren Aufbau von 2003 an begleitet: „Wir hatten erkannt, wie wichtig es für die Hirnforschung ist, einen Pool hochwertiger Proben zur Verfügung zu haben. Im Laufe der Jahre haben wir die Sammlung immer mehr professionalisiert. Seit rund fünf Jahren verfügen wir über eine qualitativ hochwertige, strukturierte Biobank“. Die hohen Qualitätsstandards zu erhalten und zu sichern, erfordert einen hohen Arbeitsaufwand, der mit entsprechenden Personal- und Sachkosten verbunden ist. Diese stemmt das Hertie-Institut durch eine Kofinanzierung, an der sich auch die Neurologische Universitätsklinik Tübingen und das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) beteiligen. Gemeinsam gewährleisten die Partner so die Fortführung und den weiteren Ausbau der Biobank.

Die Proben stammen vorwiegend, aber nicht ausschließlich von Patienten der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen. „Im Rahmen von Kooperationen und multizentrischen Studien erhalten wir auch Proben von anderen Zentren Deutschlands und anderer Länder, die wir mit aufnehmen und – je nach Vertrag – nutzen dürfen“, sagt Mätzler. Auch werden zum Beispiel Proben aus Kohortenstudie wie der TREND-Studie in dieser Biobank verwaltet. Im Rahmen der TREND-Studie werden Daten sowie DNA, Serum und Plasma aus Blutproben von 50- bis 80-Jährigen, bei der Erstuntersuchung neurologisch gesunden Männern und Frauen gesammelt (Leitung: Prof. Dr. Daniela Berg). Mit Hilfe dieser Longitudinalstudie wollen die Forscher Risikofaktoren für neurodegenerative Erkrankungen ausfindig machen. An der Studie nehmen 1.200 Personen teil, die regelmäßig alle zwei Jahre untersucht werden. Gerade solche langfristigen Studien liefern einen wertvollen Materialschatz, mit dem Krankheitsentwicklungen nachverfolgt werden können. Darüber hinaus besteht ein großes Interesse am Verständnis des Einflusses von Erbanlagen auf neurodegenerative Erkrankungen, so dass auch viel Biomaterial von Patienten mit genetischen Formen solcher Erkrankungen gesammelt und verwaltet wird.

In der Tübinger Biobank werden überwiegend Körperflüssigkeiten wie Blut, Urin und Nervenwasser gelagert, aber auch Zellen, die aus Hautstanzen gewonnen werden. Zurzeit umfasst die Sammlung rund 100.000 Probenröhrchen, wie Mätzler erklärt: „Darunter sind alleine rund 20.000 DNA-Proben und 4.000 Blutproben. Die etwa 150 Hautstanzen machen den geringsten Teil aus.“ Auch Mätzler selbst, von Haus aus Facharzt für Neurologie, nutzt die Biobank, um Forschungsprojekte durchzuführen. So untersucht er im Rahmen von Querschnitts- und Longitudinalstudien Schnittstellen zwischen der Alzheimer- und der Parkinsonerkrankung. Dabei interessiert er sich vor allem für pathophysiologische Aspekte. Für solche anspruchsvollen Projekte ist es enorm wichtig, qualitativ hochwertige Proben von gut charakterisierten Spendern nutzen zu können.

Kurzschluss direkt vom Spender zur Wissenschaft

Mit einer speziellen Software werden die Daten zu den jeweiligen Proben verwaltet - nach den Regeln des Datenschutzkonzeptes. © Mätzler, HIH

Den hohen Qualitätsstandard sieht er durchaus als Alleinstellungsmerkmal der Tübinger Biobank: „Bei vielen Sammlungen dauert es relativ lange, bis die Probe vom Spender zur Biobank kommt. Das geht ebenso zulasten der Qualität wie die Verwendung von falschen Proberöhrchen. Wir haben in unserem Bereich die Vorgänge so optimiert, dass eine Probe in der Regel innerhalb von einer Stunde nach der Entnahme im Freezer ist. Bei multizentrischen Studien beraten wir unsere Partner entsprechend.“ Dass Mätzler und sein Team viel Zeit und Mühe in qualitätsoptimierte Abläufe investieren, zahlt sich letztendlich in hochwertigen Forschungsergebnissen aus.

Nicht immer profitieren die Spender selbst von Forschungsergebnissen die durch eine derartige Sammlung gewonnen werden können. Jedoch hat Mätzler die Erfahrung gemacht, dass sie trotzdem sehr interessiert sind an den Fortschritten, die dank ihrer Mitwirkung erzielt werden können. „Wir bemühen uns, die Spender mit einzubeziehen. Sie sind Teilhaber der Forschung und zwar auf verschiedenen Ebenen. Für die Zukunft entwickeln wir Konzepte, bei denen wir moderne Internet-Werkzeuge nutzen, um die Spender über Forschungsergebnisse auf dem Laufenden zu halten, aber auch, um sie für den Gewinn von bis dato noch nicht erhobenen Daten einbinden zu können.“

Dabei steht wie auch bisher die Daten- und Patientensicherheit an oberster Stelle. So wurde ein Datenschutzkonzept entwickelt. Auch sind die Biobankbetreiber der Ethikkommission verpflichtet. Sie wird über alle Vorgänge unterrichtet und genehmigt die jeweilige Nutzung von Proben. Bisher hatten Mätzler und sein Team noch nie ein Problem mit Sicherheitsfragen, weder intern noch vonseiten der Spender. Auch „Rückzieher“ der Spender hat es bisher noch nicht gegeben, obwohl das prinzipiell natürlich möglich ist. In dem Fall würden sämtliche gelagerte Proben dieser Person vernichtet.

Auch Forschern aus Unternehmen kann Zugriff gewährt werden

Neben den Neuroforschern vor Ort in Tübingen hat prinzipiell jeder interessierte Wissenschaftler, der entsprechenden Bedarf nachweisen kann, Zugang zu Biobankproben. Dabei kommt es auf das Votum der institutseigenen Bewilligungskommission an, die die Qualität der Forschungsprojekte beurteilt. „Wenn das Projekt qualitativ gut ist, lehnen wir es nur im kompetitiven Fall ab, wenn wir in dem beantragten Projekt große Überschneidungen mit eigenen Projekten sehen“, betont Mätzler. Im Rahmen von Kooperationen kann Material zum Selbstkostenpreis ausgehändigt werden, bei Auftragsforschung handelt es sich um eine bezahlte Nutzung.

Da die Materialmenge pro Probe naturgemäß begrenzt ist, kann es theoretisch zu Engpässen kommen, wenn zu viele Anfragen vorliegen. Das sieht Mätzler jedoch relativ entspannt: „Wir speisen derzeit deutlich mehr Proben in die Biobank ein als wir entnehmen. Häufig besteht auch die Möglichkeit, einer Person mehrmals Proben zu entnehmen. Außerdem rekrutieren wir stetig weitere Personen nach, mit deren Proben wir die Biobank zügig erweitern“, so der Forscher.

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