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Einseitige Diabetes-Debatte: sozialer Bezug bleibt ausgespart

Übertreibungen meidet der Pädiater und Epidemiologe Reinhard Holl. Er kennt die Zahlen. Er weiß, wie die Diabetes-Zahlen bei Kindern und Jugendlichen in der Öffentlichkeit „verkauft“ werden. Holl ist Leiter der Arbeitsgruppe Computergestütztes Qualitätsmanagement in der Medizin im epidemiologischen Institut der Universität Ulm und hat seit 1995 einen Datenschatz gehortet, der ihn zum unverzichtbaren Partner für die Diabetes-Forschung macht. Holl verfügt über eines der größten Diabetes-Register Deutschlands.

Der Ulmer Pädiater und Epidemiologe Prof. Dr. Reinhard Holl © Uni Ulm

Begonnen hat der Ulmer Wissenschaftler mit einem Vorhaben des Bundesgesundheitsministeriums zur Verbesserung der Versorgung von chronisch Kranken. Im Lauf der Jahre wuchs sein Register, die Fördermittel flossen, wie in der Forschung üblich, aus unterschiedlichen Quellen. Mittlerweile deckt sein Diabetes-Register 92 Prozent aller geschätzten Patienten, Kinder, Jugendliche wie Erwachsene ab. Es umfasst 180.000 Patienten, 1,2 Mio. Daten und ist damit eine der größten Datenbanken zur Versorgung. Integriert sind 305 Behandlungs-Zentren, Kliniken, Praxen, deren Daten in das Register einfließen. Auch aus Österreich gibt es Holls Worten zufolge eine rege Beteiligung.

Zusammenfügen und aufbereiten

Im Kompetenznetzwerk Diabetes mellitus, das vom Bundesforschungsministerium seit 2008 gefördert wird, koordiniert Holl den Verbund „Future Pediatric Diabetes“, auch im Adipositas-Netzwerk hat er ein Teilprojekt. Mit einer Laufzeit bis 2020 ist das Ulmer Register so stabil finanziert wie nie zuvor, sagt Holl, hinter dem ein Team von zehn Mitarbeitern steht. Die Ulmer arbeiten in einem Netzwerk von deutschen Forschungsgruppen. In Holls Arbeitgruppe werden die Daten zusammengefügt, biometrisch-epidemiologisch ausgewertet und aufbereitet.

Schwieriger Übergang vom Kinderarzt zum Internisten

In den vier bewilligten Projekten des Kompetenznetzwerkes Diabetes spielt der Kostenfaktor eine zentrale Rolle. Ein Vorhaben sucht nach Auswegen für ein zentrales Problem der pädiatrischen Diabetologie: Junge Diabetiker im schwierigen Alter der Pubertät fallen oft aus der spezialisierten Betreuung durch den Kinderarzt heraus, wenn ein Internist den Erwachsenen übernehmen sollte.

Eine Düsseldorfer Gruppe errechnet die Kosten für Kinder mit Diabetes. Ausgehend von der selbst Fachleute überraschenden Tatsache, dass die Blutzuckerselbstmessung am teuersten ist, könnte sich das Kostenproblem nach Holls Worten verschärfen, denn mittlerweile setzen bis zu 27 Prozent aller pädiatrischen Diabetiker die Insulinpumpe ein, die aber drei Mal teurer sei als die Injektionen-Therapie. In einem weiteren Teilprojekt wird der junge Patient in seinem sozialen Umfeld unter die Lupe genommen.

25.000 Typ-1- zu knapp 1.000 Typ-2-Patienten

Deutlich über 95 Prozent der Diabetiker-Kinder bis 14 Jahren leiden hierzulande am Typ 1 des Diabetes mellitus. Den 25.000 Typ-1-Diabetikern stehen weniger als 1.000 Typ-2-Diabetiker bei Kindern und vor allem Jugendlichen entgegen. Sorge bereitet den Fachleuten wie Holl, dass die Zahlen für den Typ-1-Diabetes zunehmen, ohne dass man die Ursachen dafür kennt. Zwar treffe es zu, dass der Typ-2-Diabetes zu Beginn der 2000er-Jahre häufiger diagnostiziert wurde, allerdings fällt die Abgrenzung der beiden Formen schwer. Auch die Fettleibigkeit sei kein Kriterium, Typ-1- von Typ-2-Diabetes zu unterscheiden. Obendrein gibt es 1.500 bis 2.000 seltene Diabetes-Formen, deren Relevanz oft durch „Orchideen-„Forschung“ unverhältnismäßig publik werden.

Mehr Artikel als Patienten

Immer mehr Altersdiabetes (Typ 2 ) bei Kindern und Jugendlichen! Holl kennt die Schlagzeilen, rät zu Zurückhaltung. Mittlerweile gebe es mehr Artikel und Vorträge dazu als Patienten, bemerkt Holl. Tatsächlich liege die Zahl in Deutschland bei unter 1.000. Falsch sei es auch, von Altersdiabetes bei Kindern zu sprechen. Betroffen seien vor allem Jugendliche, besonders dicke, häufiger weibliche, oft mit Migrationshintergrund und in aller Regel auch mit zuckerkranken Eltern.

Diese Fakten sind wenig bekannt, weil nach Holls Beobachtung der soziale Bezug in der Debatte unter den Tisch fällt. Typ-2-Diabetes sei kein primär medizinisches Problem, wohl aber dessen Folgen und Auswirkungen. Prävention müsse von der gesamten Gesellschaft angegangen werden. Viel mehr müsse gefragt werden: Wie will unsere Gesellschaft mit benachteiligten Gruppen umgehen? Da müssten Lösungen gefunden werden zwischen den beiden Extremen Individualismus versus soziale Wohlfahrt.

Sorgsamer Umgang mit Zahlen

Nahezu alle Diabetes-Behandlungszentren Deutschlands sind im Ulmer Register integriert. © Prof. Holl

An der aufgeregten Art, wie Diabetes bei Kindern und Jugendlichen in der Öffentlichkeit diskutiert wird, missfällt dem Ulmer Wissenschaftler einiges. Denn eine wie in den Medien oft skizzierte dramatische Entwicklung anhand der Zahlen kann er nicht nachvollziehen, verwahrt sich aber gegen den möglichen Vorwurf des Verharmlosens. Vielmehr müsse man „unaufgeregt, seriös und zielgerichtet mit vernünftigen Zahlen umgehen“.

Zu Adipositas liegen verlässliche Zahlen (KIGGS) bei Kindern und Jugendlichen vor, aber deren Interpretation sei schwierig, weil die deutschen Grenzwerte niedriger sind als die internationalen, was zur Folge hat, dass Deutschland im internationalen Vergleich mehr fettleibige Kinder und Jugendliche hat, deutlich weniger aber als die USA. Die vom Robert-Koch-Institut ermittelten Zahlen im Rahmen einer bundesweiten Erhebung (KIGGS) zeigen überdeutlich den sozialen Bezug; in der Unterschicht zählte man dreimal so viele kranke Kinder und Jugendliche. Danach sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen von drei bis 17 Jahren in Deutschland übergewichtig, wovon rund sechs Prozent adipös sind. Der größte Anteil der Adipösen findet sich bei Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 (8,5 Prozent).

Ein störendes Problem wird verschoben

Holl stört, dass das Problem der dicken Erwachsenen auf die Kinder verlagert wird. Unter den Tisch falle zum Beispiel, dass nicht in allen untersuchten Gruppen der Anteil fettleibiger Kinder und Jugendlicher wächst. Holl weist vielmehr auf den Umstand hin, dass Erwachsene die Umwelt prägen. Der moralische Unterton, der bei Debatten über dicke Jugendliche mitschwingt, sei fehl am Platz. Diese Diskussion hält er für „unfair und falsch“.

Von den vielerorts publikumswirksam durchgeführten Präventionsprogrammen hält der Epidemiologe wenig, weil sie falsche Zielgruppen ansprechen, Mittelschichts-Kindergärten statt Aussiedlerheime. Hinzu kommt nach Holls Einschätzung, dass diese Prävention in Familien mit Hartz-IV-Empfängern oder bei türkischen Mädchen, die beispielsweise vom Sportunterricht abgemeldet werden, nicht funktionieren.

Zwar gibt es aus einigen Bundesländern Daten zu diesen Problemgruppen, zu denen Holl auch russlanddeutsche Aussiedler („völlig ausgeblendet“) zählt, aber längst nicht zu allen. Denn der öffentliche Gesundheitsdienst zieht sich zurück, oft gibt es keine Schulabschlussuntersuchungen mehr, stellt Reinhard Holl fest.

Prävention ist keine Sache für Mediziner

Wie viele Kollegen stellt der Ulmer Wissenschaftler Holl fest, dass es in Deutschland kein gemeinsam getragenes Projekt gebe, Maßnahmen punktuell und nicht abgestimmt seien. Dass sich medizinische Fachgesellschaften mit der Prävention beschäftigen, hält Holl für verfehlt. Diese Arbeit könnten Mediziner nicht leisten, wohl aber Pädagogen, Psychologen oder Verhaltensexperten.
Für dauerhaft schwierig hält Holl, der auch in zahlreichen Diabetes-Organisationen tätig ist, die Behandlung von Typ-2-Diabetes bei Jugendlichen. Diese Patienten driften aus der Behandlung heraus, weisen keine Arzttreue auf.

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