zum Inhalt springen
Powered by
Gastbeitrag

Erfahrungsbericht aus Nanjing

Marcel Loewert verbrachte durch das China-Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg fünf Monate am College of Biotechnology and Pharmaceutical Engineering in Nanjing, Hauptstadt und Metropole der Provinz Jiangsu, in China. Welche Erfahrungen und Eindrücke der Master-Student des Studiengangs Bioingenieurwesen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) während seines fünfmonatigen Aufenthalts in China sammelte, berichtet er in folgendem Rückblick.

China - Die Innenstadt Nanjings, Hunan Road. © Marcel Loewert

Bis zu meiner Abreise nach fünf Monaten Aufenthalt lernte ich fast täglich viel über Kultur, Mensch und Arbeitsmoral. Jede Konfrontation mit einem Problem und jedes Gespräch mit meinen Mitmenschen brachten mich einen Schritt weiter, das doch sehr exotische Land und dessen komplexe Strukturen zu verstehen.

Ein mehrmonatiger Aufenthalt in China ist gerade mal genug Zeit, um die Oberfläche anzukratzen und langsam zu verstehen, wie Mensch und Staat im Einklang miteinander funktionieren. Man merkt zuallererst, dass beides auf die jeweils spezielle Art und Dynamik nur in China funktionieren kann.

Die Arbeit im biotechnologischen Bereich ist überraschenderweise ungewohnt. Trotz hoher Erfahrungslevels muss man sich viele Arbeitsmethoden erneut auf anderem, oft niedrigerem Standard neu erarbeiten. Das bedeutet, oft auch länger an Versuchen zu sitzen als gewohnt. Die Arbeit meiner Kollegen am College of Biotechnology and Pharmaceutical Engineering in der wirtschaftsorientierten Arbeitsgruppe um Professor Jiang Min war jedoch inspirierend. Man arbeitet hochqualitativ bei vergleichsweise geringen Mitteln und steht mit hoher Arbeitsmoral hinter seinen Versuchen. Viele neue Ideen werden generiert, vor allem durch effektiven Druck der wirtschaftlichen Auftraggeber.

Die Arbeit ist vielseitig und interessant. Man erhält die Chance, sein gelerntes Wissen zu präsentieren. Mein Aufgabenfeld beschränkte sich in doch sehr kurzer Zeit auf die Arbeit mit Clostridium beijerinckii und die Steigerung extrazellulärer Produktkonzentrationen von „bulk chemicals“ mittels Fermentationstechniken.

Der unbekannte Riese

Leider lernt man in westlichen, europäischen bzw. deutschen Medien nicht viel über das Land, das unendlich viel Potenzial und Charme besitzt. Die Folgen sind Unsicherheit und Schüchternheit auf beiden Seiten. Zweck dieses Aufenthaltes sollte sein, diese doch sehr bedauernswerte Tatsache mittels Kommunikation und gemeinsamer Arbeit zu überwinden und China in einem anderen, wahrheitsgetreuen Licht zu präsentieren.

Chinesen sind auf eine Art und Weise hilfsbereit, die man in Europa nicht gewohnt ist. Sie glauben an Werte und handeln mit guten Absichten - und wünschen sich natürlich auch, dies von ihren Gästen bestätigt zu bekommen. Dies sollte man immer im Hinterkopf haben, wenn man sich in einer Situation unsicher fühlt. Vor allem für mich waren „outside the box“-Denken und Geduld entscheidende, charakterprägende Aspekte meiner Reise.

Gewisse Dinge in China kann und sollte man jedoch nicht schönreden. Dies ist Teil der Gesamterfahrung und damit wichtig für das Verständnis der Situation, in der sich das Land aktuell befindet.

Wer ist für das Abenteuer geeignet?

Ich würde jemandem den Aufenthalt ans Herz legen, der vor teils harter und ungewohnter Arbeit nicht zurückschreckt. Dafür wird man aber auch belohnt.
Es besteht die Möglichkeit, sehr viel von einem der größten und gleichzeitig unbekanntesten Länder der Welt zu lernen. Dies war für mich die wertvollste Erfahrung. China ist unfassbar interessant - weniger ausdrucksstark möchte ich es nicht beschreiben. Ich habe Dinge gesehen, die ich zu den schönsten Eindrücken meines Lebens zählen darf. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Gelegenheit zum Austausch erhielt. Mein Entschluss, Deutschland kurzzeitig zu entfliehen, war eine der besten Entscheidungen in meinem Studium.

Extrem hilfreich sind Hintergrundliteratur zur chinesischen Kultur und ein Sprachkurs Chinesisch. Dahinter steht der Gedanke, den viele Chinesen gerne so formulieren: Wieso sollten 1,3 Milliarden Menschen flüssiges Englisch lernen, wenn ein einzelner Besucher Chinesisch lernen kann.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/erfahrungsbericht-aus-nanjing