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Gastbeitrag

Erfahrungsbericht: Forschungsaufenthalt in der Inneren Mongolei

Elke Scheibler verbrachte drei Monate in der Alashan-Wüste, um dort ein Kooperationsprojekt zwischen der Universität Stuttgart und der Inner Mongolia Agricultural University in Hohhot zu bearbeiten. Scheibler ist Habilitandin und Margarete-von-Wrangell-Stipendiatin an der Universität Stuttgart. Sie untersucht die Plastizität circadianer Rhythmen unter dem Einfluss sich verändernder Artengemeinschaften. Hier berichtet sie von ihrem Auslandsaufenthalt.

Elke Scheibler während ihrer Forschungsarbeiten in der Alashan-Wüste. © Elke Scheibler

“Durch das Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg konnte ich zu einem längerfristigen Forschungsaufenthalt in die Alashan und damit tief in das Herz Chinas aufbrechen. Gut vorbereitet durch mehrere Sprachkurse reiste ich im April 2012 in die Innere Mongolei. Die Partneruniversität für unser Projekt ist in Hohhot, der Hauptstadt der Inneren Mongolei, und damit mehr als 800 Kilometer von der Forschungsstation in der Wüste entfernt. Kollegen aus Hohhot halfen mir beim Start in der Alashan. Ich denke heute noch gern an die Abende im Feld oder in der Station zurück, wenn wir zusammen kochten, aßen und über kulturelle Unterschiede, politische Entwicklungen und die Kleinigkeiten des Alltags diskutierten.

Nach ein paar Wochen hatten die Kollegen ihre Versuche beendet und kehrten nach Hohhot zurück. Da ich mich im Ort gut eingelebt hatte und nun noch von einer weiteren Studentin aus Stuttgart (Danke Corinna!) unterstützt wurde, konnten wir eine außergewöhnliche Zeit in China erleben. Die Region hat meiner Meinung nach wenig mit Shanghai oder Peking gemein. Hier treffen noch traditionelle, bäuerliche Lebensweisen auf die Errungenschaften der Moderne. Solaranlagen grenzen an Schaf- und Kamelweiden, und selbst in Lehmhütten finden sich Plasmafernseher. Wir wurden im Ort herzlich und freundlich aufgenommen, Englisch half nur selten weiter, Chinesisch muss man schon können, auch Russisch war gerade im Gespräch mit den älteren Chinesen oder Mongolen sehr hilfreich.

Was in China sehr leicht fällt, ist ins Gespräch zu kommen. Deutschland und besonders seine Autos und seine Sauberkeit sind hier sehr bekannt. Nicht verschweigen möchte ich die für mich schwer hinzunehmenden Aspekte Chinas: Die hierarchischen Strukturen habe ich als sehr starr wahrgenommen. Wer nicht das richtige Auto fährt, Bauer ist oder auch Mongole oder Hui (eine muslimische Minderheit), muss schauen, wo er bleibt. Eine soziale Absicherung gerade im Alter gibt es nicht. Die Verwaltung ist fest in chinesischer Hand und damit auch die Entscheidungen für die lokale oder regionale Weiterentwicklung. Die Umweltverschmutzung ist enorm, und ich denke, dass die Müllentsorgung und Einleitung von Schadstoffen in Grundwasser und Atmosphäre eine der großen Herausforderungen im ländlichen China sind und sein werden.

Wenn ich darüber nachdenke, wie mich die Zeit in China verändert hat, kann ich nur sagen: Sie hat meinen Horizont extrem erweitert. Angefangen bei den Distanzen, wenn zum Beispiel der Geldautomat eine halbe Tagesreise entfernt ist oder der Markt in fünf Kilometern. Ich habe wie die Einheimischen auch in einem einfachen Bauernhaus gelebt und auf einer Holzpritsche geschlafen. Man lernt hinzunehmen, dass der Strom auch schon mal für ein paar Tage ausfällt, Wasser oftmals nur für zwei Stunden pro Tag verfügbar ist und Sandstürme den Zeitplan durcheinander bringen.

Der wichtigste Punkt ist vermutlich Gelassenheit und Zuversicht, auch wenn die Dinge etwas länger dauern, die Reparaturen abenteuerlich anmuten und die Argumentationen nicht immer schlüssig sind – so kann es auch funktionieren. In den drei Monaten habe ich viele interessante Menschen aus verschiedenen Schichten kennengelernt: Hirten, Bauern, Händler, Mönche, Künstler, Polizisten und Beamte. Meine Erfahrung mit China ist so vielschichtig wie das Land selbst. Man erlebt jeden Tag Überraschungen.“

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/erfahrungsbericht-forschungsaufenthalt-in-der-inneren-mongolei