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Gastbeitrag

Erfahrungsbericht: Sechs Monate Forschung in Shanghai

Das Forschungsstipendium „Forschungsaufenthalt für anwendungsorientierte Biowissenschaftler(innen) und Biotechnolog(inn)en in Shanghai und Jiangsu/China”, welches durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg finanziert wird, ermöglichte es Sonja Blasche, sechs Monate am Minhang Campus der Jiao Tong Universität in Shanghai zu verbringen. In dieser Zeit arbeitete sie im Labor von Professor Zhao Liping, einem international bekannten Experten für mikrobielle Gemeinschaften und das Mikrobiom des menschlichen Darms. Hier schreibt sie über ihre Erfahrungen in China.

Nach der Fertigstellung meiner Doktorarbeit am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und einer Verlängerung von einigen Monaten, die dazu diente, die Ergebnisse meiner Bemühungen zu publizieren, war ich auf der Suche nach einer Postdoc-Stelle, vorzugsweise im Ausland. Beim Durchsuchen des Internets nach interessanten Projekten entdeckte ich dieses Forschungsstipendium. Obwohl es nicht genau das war, wonach ich ursprünglich suchte, war ich fasziniert, da ich schon oft mit dem Gedanken gespielt hatte, für einige Zeit nach China zu gehen; hauptsächlich um einen Eindruck vom chinesischen Lebensstil und der chinesischen Denkweise, die sehr verschieden zur „westlichen Art“ sein soll, zu bekommen. Dies war meine Möglichkeit, nicht nur Einblicke in die chinesische Kultur, sondern auch einen Eindruck vom alltäglichen Arbeiten in den Lebenswissenschaften an einer hochrangigen Universität in Shanghai, einer der größten Städte der Welt, zu gewinnen.

Farbenprächtige Kois in einem Buddhistentempel nahe der Dalian Road Station © Sonja Blasche

Da mich das Thema mikrobielle Gemeinschaften sehr interessiert, schloss ich mich der Arbeitsgruppe von Professor Zhao Liping an. Liping ist ein international bekannter Experte auf diesem Gebiet und arbeitet am Zusammenhang zwischen Adipositas, Ernährung und der mikrobiotischen Zusammensetzung des Darms; ein Thema, das ich sehr interessant fand. Als ich dort begann, war ich erstaunt, wie gut ausgestattet das Labor war. Außerdem erinnerte mich die Organisation des Campus an das amerikanische System. Anders als an deutschen Universitäten verbrachten die Studenten der Shanghai Jiao Tong Universität ihre meiste Zeit am Campus. Sie leben in Wohnheimen, essen im Campus-Restaurant und verbringen den ganzen Tag im Labor, viele auch samstags und sonntags. Es ist jedoch nicht so, dass sie den ganzen Tag arbeiten. Sie kombinieren Arbeits- und Freizeit. Genau das Gegenteil von dem, was Europäer durch die Optimierung ihrer Work-Life-Balance erreichen wollen. Für sie funktioniert das. Ich jedoch habe es vorgezogen, meine Wochenenden mit Sightseeing in Shanghai zu verbringen, da der Minhang Campus zu weit entfernt vom Stadtzentrum ist, um spontan nach einem normalen Arbeitstag hinzugehen.

Chinesische Mauer bei Badaling. © Sonja Blasche

Shanghai ist eine erstaunliche Stadt. Ich bin mir sicher, selbst wenn ich dort für mehrere Jahre geblieben wäre, wäre ich noch weit davon entfernt, alles gesehen zu haben, das es wert ist. Abgesehen von den Touristen-Attraktionen wie „dem Bund“(lange Uferpromenade am Huangpu Fluss, Anm. d. Red.), Nanjing Lu, dem Yu-Garten und Tianzifang gibt es viele versteckte Orte. Zum Beispiel im Französischen Viertel, entlang des Huangpu-Flusses und in Teilen der Stadt in denen man sie nie vermutet hätte. Ich liebte die chinesischen Einkaufszentren mit all ihren kleinen Läden und die Gemüsemärkte, wo Bauern und Händler frisches Gemüse, Eier, Nudeln, Fisch, Fleisch, Sprossen und auch Seegras und Algen verkaufen.

Doch am meisten mochte ich die Straßenküchen in den Seitenstraßen nahe Nanjing Lu. Ich aß dort, wann immer ich es schaffte dort vorbeizukommen, und jedes Gericht, das ich probierte, schmeckte fantastisch. Die Geschmacksrichtungen der chinesischen Küche unterscheiden sich sehr von denen, die man in Europa finden kann. Obwohl ich Vegetarierin bin, fand ich immer etwas Leckeres, das weder Fleisch noch Fisch enthielt. Besonders interessant ist die Vielfalt an verschiedenen Tofu-Produkten. In Deutschland hielt ich Tofu für geschmacklosen Fleischersatz, was für den meisten Tofu, den ich zuhause probierte, auch stimmte. Aber chinesischer Tofu ist so anders, dass man ihn manchmal nicht mal als solchen erkennt. Tofu ist der Käse Chinas und das spiegelt sich in der Vielfalt der erhältlichen Tofu-Varianten wider.

Qibao bei Nacht. © Sonja Blasche

Obwohl ich während meines Aufenthalts in Shanghai sehr beschäftigt war, machte ich einen Ausflug nach Peking und hatte ziemlich Glück mit dem Wetter. Die vier Tage, die ich dort in einem rustikalem Hostel verbrachte, waren sonnig und smogfrei (letzteres gilt als eine Rarität in Peking). Peking und Shanghai sind sehr unterschiedlich. Das Pekinger Stadtzentrum um Qianmen ist sehr grün und es gibt wenige hohe Gebäude. Das Leben dort scheint chinesischer zu sein und die Einkaufszentren sind nicht so schick wie in Shanghai. Shanghai ist neu und schick; Peking ist alt, historisch, traditionell - und so aufregend. Es ist einen Besuch wert; besonders die Große Mauer und die Verbotene Stadt (Gugong) sind beeindruckend und das Reisen per Zug kann in China sehr abenteuerlich sein.

Zusammengefasst würde ich sagen, dass dieses halbe Jahr in Shanghai eine außergewöhnliche und wertvolle Erfahrung für mich war. China unterscheidet sich in vielen Dingen sehr von Europa und den USA: im Essen, wie das System funktioniert, wie die Leute leben und wie sie denken. Die Atmosphäre ist anders und in den Straßen herrscht meist dichtes Gedränge. Shanghai ist riesig - es leben dort sehr viele Menschen. Aber sobald man daran gewöhnt ist, wird man es vermissen, nachdem man nach Deutschland zurückgekehrt ist. 

Eines weiß ich sicher: Das war nicht meine letzte Reise nach China.

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