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Es klemmt bei der Versorgung der Volkskrankheit Osteoporose

Osteoporose ist beileibe keine Alterserscheinung, der man schicksalhaft ausgeliefert ist, sondern längst eine Volkskrankheit, an der in Deutschland acht Millionen Menschen leiden. Die biomedizinische Forschung hat zwar erhebliche Fortschritte gemacht, der Knochenschwund lässt sich meist vermeiden und mit Ernährung, Bewegung und Medikamenten gut therapieren. Aber noch viel zu selten werden in Deutschland Osteoporose-Patienten wirksam behandelt. Zu diesem alles in allem eher ernüchternden Ergebnis gelangten Vertreter von Forschung, Patienten- und Sozialverbänden und Krankenkassen in Ulm im Vorfeld des 10. Osteoporose-Patientenkongresses.

Knochenschwund kostet das deutsche Gesundheitssystem Jahr für Jahr mehr als fünf Milliarden Euro (Zahlen von 2007). 60 Prozent der Kosten verschlingen die 330.000 Frakturen, den Rest verursachen die Folgekosten. 30.000 ältere Menschen versterben frühzeitig, Osteoporose-Patienten haben eine um acht Jahre kürzere Lebenserwartung. Dennoch sei die Krankheit „meist vermeidbar“, übte sich die aus Film, Funk und TV bekannte Internistin Marianne Koch als Mutmacherin. Vorausgesetzt, die Menschen steuern mit Ernährung, Bewegung und Therapie dagegen. Allerdings erfordere dies auch mündige, gut informierte Patienten.

Osteoporose ist eine stumme Krankheit, die meist zu spät erkannt wird, denn sie beginnt schon vor dem ersten Knochenbruch. Nur durch Früherkennung und Prävention kann ihr entgegengewirkt werden. © Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose

Große Unkenntnis bei Älteren

Carin Hinzinger © Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose

Selbst bei vielen Älteren hat Carin E. Hinsinger eine große Unkenntnis über die Krankheit festgestellt. Die Vizepräsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland und Vorsitzende der VdK-Bundesfrauenkonferenz plädierte für verstärkte Prävention in Betrieben. In Schulen, so die Stuttgarter VdK-Vorsitzende, müsste mehr Sportunterricht angeboten werden. Sie verwies auf eine Studie der Universität Karlsruhe. Vier Stunden Schulsport habe bei den teilnehmenden Schülern die Aggression gesenkt, die schulischen Leistungen deutlich verbessert und die Lust auf Schule gesteigert.

Mittlerweile seien sich Gesundheits- und Forschungspolitik der immensen Problematik muskuloskelettaler Erkrankungen für die Gesellschaft bewusst geworden, sagte Anita Ignatius. Die renommierte Osteoporose-Forscherin leitet das Institut für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik des Ulmer Universitätsklinikums. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat muskuloskelettale Erkrankungen und Verletzungen als wesentliches Gesundheitsproblem der Zukunft definiert und dem durch die Gründung der „Bone & Joint Decade“ (2000-2010) Rechnung getragen.

Problem erkannt, aber noch viel Forschungsbedarf

Osteoporose-Forscherin Prof. Anita Ignatius © UK Ulm

Dass 2007 die muskuloskelettale Forschung erstmals in der Roadmap des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) als eines der Spitzenthemen des Gesundheitsprogramms der Bundesregierung definiert wurde, belegt nach Ignatius’ Worten das gewachsene Problembewusstsein. Die Ulmerin erwartet, dass dies in der Zukunft die muskuloskelettale Forschung stärken wird.

Ein wichtiger Teilbereich sei die Osteoporoseforschung. Sie habe bereits in den letzten Jahren zur Entstehung und Behandlung von Osteoporose eine erfreuliche Entwicklung genommen, konstatierte Ignatius. Wichtige Fortschritte seien in der Entwicklung neuer Medikamente erzielt worden. Die bisherigen Therapien zielen besonders darauf, den bei der Osteoporose gesteigerten Knochenabbau zu verhindern und somit den fortschreitenden Knochenverlust aufzuhalten. Neue Verfahren versuchen hingegen, den Knochenaufbau zu fördern, so dass die Krankheit nicht nur aufgehalten wird, sondern neues Knochengewebe entsteht. Ein solches neues Medikament hat kürzlich bereits den Eingang in die Klinik gefunden, andere sogenannte osteoanabole Medikamente sind in der präklinischen Prüfung.

Prof. Franz Jakob © BfO

Das neue rekombinante Therapeutikum, ein sogenanntes Parathormon, darf aus Sicherheitsgründen allerdings nur maximal zwei Jahre verabreicht werden. Darauf wies Franz Jakob hin.

Der Internist und Endokrinologe leitet das Orthopädische Zentrum für Muskuloskelettale Forschung am Lehrstuhl für Orthopädie der Universität Würzburg und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteologie. Das Parathormon ist mit 5.000 bis 6.000 Euro rund neun Mal so teuer wie die häufig gegen Knochenabbau eingesetzten Bisphosphonate. Dass eine adäquate Behandlung nicht zu einer Kostensteigerung führen muss, darauf verwiesen Mediziner und Kassenvertreter.

Kosten verlagern, nicht steigern

Trotz dieser bedeutsamen Fortschritte sieht Ignatius weiterhin „erheblichen Forschungsbedarf. Es müssen die molekularen und zellulären Ursachen der Entstehung von Osteoporose besser verstanden werden, um Medikamente entwickeln zu können, die möglichst nebenwirkungsfrei einen nachhaltigen Knochenaufbau bewirken.“ Gebrochene osteoporotische Knochen lassen sich chirurgisch schwer stabilisieren und heilen verlangsamt. Daher müssen spezielle Implantate und Verfahren entwickelt werden, die den schlechten mechanischen Eigenschaften des osteoporotischen Knochens Rechnung tragen.

Zudem müssten Strategien gefunden werden, die die Heilungsfähigkeit des osteoporotischen Knochens verbessern. Diese können systemisch, aber auch lokal die Heilungsprozesse unterstützen oder mit chirurgischen Verfahren kombiniert werden.
Der Forschungsbedarf sei sehr groß, die Forschungsansätze komplex. Nur eine interdisziplinäre Forschung in Zusammenarbeit von Medizin, Natur- und Ingenieurswissenschaften hat hohe Erfolgsaussichten, sagte Ignatius.

Zwei Gramm Knochengewebe baut der Körper täglich ab und auf. Medikamente stehen bereit, werden aber von budgetgetriebenen Ärzten zu selten verschrieben. © BfO

Gute Infrastruktur, schlechte Versorgung

In den letzten zehn Jahren ist nach Jakobs Worten in Deutschland eine hervorragende flächendeckende Infrastruktur zur kompetenten Versorgung der Osteoporose geschaffen worden. Aber dies hat allenfalls die Häufigkeitskurven abgeflacht, möglicherweise stehe man vor einer Trendumkehr, so Jakob weiter, der allerdings auf fehlende Daten verwies.

Die ausreichende (medikamentöse) Versorgung von Osteoporose-Patienten verhindern nach Jakobs Erfahrung „immer wieder Budget-Probleme“. Eine in Deutschland durchgeführte Studie habe gezeigt, dass nur die zuverlässige Einnahme von Medikamenten bei den stark gefährdeten Betroffenen auch wirklich die Häufigkeit von Brüchen relevant reduziert. Obwohl in Deutschland heute rund 1.600 Osteologen flächendeckend tätig seien, fehlen zunehmend exzellente Ärzte mit fundiertem endokrinologischem Wissen. Den „berufspolitisch gewollten Niedergang“ dieses medizinischen Fachbereiches bedauerte Jakob nachdrücklich. Er wie auch der Krankenkassen-Vertreter („Fehlanreize in der Vergütung“) wiesen auf die Notwendigkeit einer „sprechenden Medizin“ jenseits der vergüteten Fünf-Minuten-Takte hin.

Zu den Kernrisiken der Osteoporose zählen das Geschlecht (bei Männern mit etwa zehn Jahren Verzögerung), das Alter, Bewegungsmangel und die erbliche Veranlagung (polygenetisch) sowie ein geringes Körpergewicht. Noch immer allerdings herrsche der Irrglaube, darauf wies Birgit Eichner, Präsidentin Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose hin, Knochenschwund sei eine „Frauenkrankheit“.

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