zum Inhalt springen
Powered by

EU-Kooperationen an der Schnittstelle von Forschung und Wirtschaft

Den Blick über den nationalen Tellerrand zu heben, lohnt sich auch für kleine Unternehmen: Biotech- und Medizintechnik-Spezialisten aus dem benachbarten europäischen Ausland bieten hiesigen Unternehmen interessante Perspektiven – und vice versa. Regionale Life-Sciences-Netzwerke vermitteln und fördern Kontakte sowie Kooperationen.

Dr. Manfred Kauer ist in der BioRegio STERN Management GmbH nach FASILIS auch zuständig für IN2LifeSciences. © BioRegio STERN

Mit dem Projekt „FASILIS“ (Facility Sharing in Life Sciences) kam 2010 die Förderung von europaweiten Unternehmens-Kooperationen der BioRegio Stern so richtig in Schwung: Das von der Europäischen Union (EU) geförderte, transnationale Pilotprojekt fungierte in der BioRegion STERN als Kooperationsbörse, an der Unternehmen aus den Life Sciences Kontakte zu Partnern ausgewählter Regionen in Belgien, Dänemark, Großbritannien und den Niederlanden auf- und ausbauen konnten. Zentraler Kern des FASILIS-Konzeptes war ein Gutscheinsystem. Insgesamt warteten 82 Gutscheine im Wert von jeweils 6.000 Euro darauf, von kleinen und mittleren Unternehmen oder von Forschungseinrichtungen der Regionen länderübergreifend eingelöst zu werden. Sie konnten für Dienstleistungen oder Forschungsaufträge genutzt werden, wobei der Partner jeweils in einer der anderen beteiligten Regionen seinen Standort haben musste. Überstieg der Wert der Leistung die Gutscheinhöhe, musste nur die Differenz von dem beauftragenden Unternehmen übernommen werden.

Projektleiter Dr. Manfred Kauer von der BioRegio STERN Management GmbH zieht nach zwei Jahren ein durchweg positives Resümee: „FASILIS war für uns auch eine Art Schnupperprogramm, um herauszufinden, ob und wie wir die regionale Life-Science-Branche international vernetzen können. Es hat sich herausgestellt, dass dies einfacher ist als gedacht – wenn man die richtigen Partner kennt und weiß, wen man für welche Fragen ansprechen kann. Wir und die anderen regionalen Partnerorganisationen in den sechs beteiligten Ländern haben als Mediator fungiert, um die jeweils passenden Unternehmen und Einrichtungen zusammen zu bringen.“

IN2LifeSciences: Dienstleistungen einkaufen, Forschungsaufträge vergeben

© S.Alias - Fotolia.com

Das hat derartig gut und nachhaltig funktioniert, dass dieser Erfolg zeitnah weiter ausgebaut wird. Mit IN2LifeSciences (Transnational INnovation INcentives for Life Science SMEs) wurde ein weiteres internationales Kooperationsprojekt in der BioRegion STERN aufgelegt. Es wird mit über 1,5 Millionen Euro von der EU gefördert, die Clusterorganisationen übernehmen ebenfalls 1,5 Millionen Euro. IN2LifeSciences startete im April 2012, läuft bis Frühjahr 2015 und basiert ebenfalls auf einem Gutscheinsystem. Kauer erklärt die Unterschiede: „Der Kreis der beteiligten Regionen hat sich etwas geändert, unsere britischen Partner sind nicht mehr mit dabei, dafür sind neue Partner aus Frankreich hinzugekommen, die wir vorher noch nicht kannten. Bei IN2LifeSciences werden wir nun mehr als bisher mit Social Media arbeiten und die webbasierte Vernetzung damit stärken. Social Media alleine machen jedoch noch keinen guten Kontakt. Wir haben festgestellt, dass es nach wie vor enorm wichtig ist, sich "Face-to-Face" zu treffen. Deshalb stellen wir Gutscheine für kleine Reisebudgets zur Verfügung.“

Zudem werden Innovations- und Kooperationsgutscheine ausgegeben, die wie bei FASILIS für Dienstleistungen und Forschungsaufträge genutzt werden können. Insgesamt wollen alle Regionen 150 bis 200 Gutscheine in gestaffelter Höhe verteilen, wobei es das erklärte Ziel ist, möglichst viel Gutscheine an möglichst viele unterschiedliche Partner zu vergeben. „Wir sind nun sehr gespannt, wie das angenommen wird“, so Kauer

Gezielte bilaterale Treffen sind ein Baustein des „Meet-and-Greet“-Konzeptes und werden bei IN2LifeSciences von größeren Treffen flankiert, bei denen es um die Finanzierbarkeit von transnationalen Kooperationen und Projekten geht. Auch das ist neu, denn die Treffen im Vorgängerprojekt waren fachlich orientiert und drehten sich um die jeweiligen Technologien und Produkte. „Mit dem neuen Konzept wollen wir Unternehmen eine Plattform bieten, um sich vor möglichen, international tätigen Investoren zu präsentieren. Außerdem werden wir Organisationen wie Business-Angel-Netzwerke und Gebern von Venture Capital einbeziehen, die nicht nur auf ihr Heimatland fokussiert sind“, erklärt Kauer.

Biomat-IN: Biomaterialien aus transnationaler Sicht

Dr. Margot Jehle koordiniert das Projekt Biomat-IN © BioRegio STERN

Partner innerhalb der EU zusammenzubringen, in persona und virtuell, ist auch das Ziel von Biomat-IN (Biomaterials Innovation Network), einem weiteren EU-Projekt, das im Rahmen des Interreg IVB-Programmes der EU gefördert wird. In diesem Fall ist das Themenfeld auf Biomaterialien fokussiert, die für die vielfältigsten Zwecke eingesetzt werden können, von der Regenerativen Medizin bis hin zur Elektronik und anderen technischen Anwendungen. Beteiligt sind fünf Regionen, darunter zwei aus Frankreich, und je eine aus Deutschland, England und den Niederlanden. Eurosanté Lille hat die Auswahl der Partnerregionen und die Federführung des Gesamtprojekts übernommen. Aufgrund der bereits bestehenden guten Kontakte und der ausgewiesenen Kompetenzen in Biotechnologie und Biomaterialien wurde auch die BioRegion STERN ausgewählt. Biomat-IN setzt ebenfalls auf ein Gutscheinsystem.

Dr. Margot Jehle koordiniert das Projekt in der Region und erklärt das Konzept: „Jede Partnerregion kann fünf Kooperationsgutscheine vergeben, deren Wert jeweils bis zu 10.000 Euro betragen kann. Ein besonderes Angebot sind die SIG-Treffen, wobei SIG für ‚Special-Interest-Group’ steht. Damit bringen wir Partner verschiedener Länder zusammen, deren Projekte und Kompetenzen sich jeweils decken beziehungsweise sinnvoll ergänzen.“ Die SIG-Treffen geben einen Kompetenz-Überblick zu dem entsprechenden Thema in den beteiligten Regionen. Es gibt Fachvorträge von Firmen und Forschungseinrichtungen sowie Vieraugengespräche, bei denen sich mögliche Partner vertraulich austauschen können. In jeder Region ist ein Treffen geplant. Das erste SIG-Treffen in Nottingham diente auch dem allgemeinen Austausch, das zweite Treffen findet am 3. Dezember im französischen Lille statt und steht unter dem Motto „Orthopädie“. Es wird unter anderem darum gehen, welche biomedizinischen Implantate für welche Anwendungen gebraucht werden, welche Oberflächen- und Materialeigenschaften nötig sind, welche Lösungen bereits auf dem Markt sind und wo noch Forschungsbedarf herrscht.

Bereits in Planung ist auch das deutsche Treffen, es findet als drittes der Reihe am 27. Februar auf der Messe in Stuttgart statt, wo vom 26. bis 28. Februar die Medtec Europe 2013 den passenden Rahmen bietet. Thema der Stuttgarter Veranstaltung sind „multifunktionelle Biomaterialien und Oberflächen“. Da die kurzen Vieraugengespräche in Nottingham sehr gut angenommen wurden, werden sie auch beim deutschen Treffen eingeplant. Außerdem soll es kleine Diskussionsrunden geben. „SIG-Treffen zeichnen sich dadurch aus, dass sie hinreichend allgemein und so speziell wie notwendig sind“, bringt Kauer die Idee dahinter auf den Punkt. Das vierte Treffen ist im Juni 2013 in Nantes geplant und das letzte wird in den Niederlanden stattfinden.

Virtueller Marktplatz: Informieren und Kommunizieren über das Web

Inzwischen wurde für das Projekt eine spezielle Internetseite aufgebaut, die unter www.biomatin.eu zu erreichen ist und allen Interessierten offen steht. Das Portal bietet unter anderem eine Datenbank, in der die beteiligten Regionen Unternehmen und Einrichtungen aufführen, die mit Biomaterialien zu tun haben. Es sind jeweils Schlüsselinformationen angegeben und anhand verschiedener Suchkriterien können Nutzer die Einträge nach Ländern, Forschungseinrichtungen und Unternehmen sortieren. Das erleichtert die Suche nach dem richtigen Partner und die Kontaktaufnahme.

Außerdem hat die Webseite die Funktion eines virtuellen Marktplatzes: „Hier können zum Beispiel Firmen Technologien oder Knowhow vorstellen, die sie für andere Länder zielführend halten. Die Einträge müssen sich nicht zwingend direkt um Biomaterialien drehen. So werden von einem Unternehmen zum Beispiel Heizdrähte vorgestellt, die primär nichts mit Biomaterialien zu tun haben, aber im Rahmen ihrer Anwendung dafür verwendet werden können“, erklärt Jehle. Auch Lizenzen zu Produkten und Technologien beziehungsweise Verfahren sind auf diesem Marktplatz zu finden. Da die rechtlichen Bedingungen bei transnationalen Patentfragen komplex sind, vermitteln die beteiligten Regionen bei Interesse Experten, die hier beratend helfen können.

Partnerorganisationen und -regionen der aktuellen Projekte
IN2LifeSciences

  • BOM Brabant (Niederlande, Koordinator)
  • OOST Gelderland (Niederlande)
  • BioRegio STERN Management GmbH
  • BioMeTi Hannover
  • Liège (Belgien)
  • Biopeople Kopenhagen (Dänemark)
  • CRITT Santé Bretagne (Frankreich)
  • Atlanpole Nantes (Frankreich)

Biomat-IN

  • Eurosanté (Frankreich, Koordinator)
  • Atlanpole Biotherapies (Frankreich)
  • BioRegio STERN Management GmbH
  • MedilinkEM (England)
  • LIOF (Niederlande)
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/eu-kooperationen-an-der-schnittstelle-von-forschung-und-wirtschaft