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Fachkräfte in den Life Sciences: Flexible Arbeitgeber im Vorteil

Immer öfter ist in Politik und Medien von Fachkräftemangel die Rede. Gleichzeitig beklagen Absolventen und Quereinsteiger ihre schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Auch in der Life-Science-Branche gestaltet sich die Personalsuche zunehmend vielschichtiger. Durch Jobbörsen im Internet und soziale Netzwerke hat sich die Suche für beide Seiten verändert. Im Interview erklärt BioLAGO-Mitglied Wolfgang Medinger, Geschäftsführer des Ravensburger Standorts des Personalberatungsunternehmens SCHLAGHECK RADTKE OLDIGES executive consultants GmbH, wie starke Unternehmen und kompetentes Fachpersonal zusammenfinden.

Herr Medinger, wie schätzen Sie die aktuelle Situation sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt in den Life Sciences in Baden-Württemberg/Deutschland ein?

Wolfgang Medinger, Geschäftsführer SCHLAGHECK RADTKE OLDIGES executive consultants GmbH © privat

Der Life-Science-Bereich gehört weltweit zu den Wachstumsbranchen und wird in den nächsten Jahren einer der Jobmotoren sein. Dazu zählen die Biotechnologie, die Medizintechnik, die Analytik, der Pharmabereich und die Bereiche Ernährung und Umweltschutz. Insoweit sehe ich für die Bewerber aus den Bereichen Life Science und Health Care gute Chancen am Arbeitsmarkt. Sicher bleibt es für Berufseinsteiger immer schwierig, ohne Berufserfahrung den Einstieg zu finden. Es erleichtert den Start, wenn man sich im naturwissenschaftlichen Studium nicht schon zu eng spezialisiert hat, sondern sich durch die Fächerwahl, Praktika oder Auslandsaufenthalte breiter aufgestellt hat und in verschiedenen Bereichen erste Erfahrungen gesammelt hat.

Was hat sich in den letzten Jahren verändert? Sehen Sie einen Trend für die Zukunft?

Durch die Möglichkeit des Internets, der Jobbörsen und der sozialen Netzwerke hat sich die Art der Personalsuche erheblich verändert. Durch die Vielzahl an Möglichkeiten ist aber die Suche auf beiden Seiten nicht einfacher geworden. Qualifizierte Bewerber sind heute bezüglich der Firmen und der Stellenprofile wählerischer, und die Mobilitätsbereitschaft insbesondere im mittleren Management hat nachgelassen.

Können Sie den zunehmenden Eindruck, dass ein Fachkräftemangel herrscht, bestätigen? Wenn ja, wo sehen Sie die Ursachen?

Das kann man nach meiner Einschätzung nicht generell mit Ja beantworten. Es gibt immer bestimmte Bereiche, Branchen und Berufsgruppen, wo das der Fall ist. Bei den Life Sciences ist es manchmal schwer, genau die Spezialisten zu finden, die einen ganz spezifischen Wissensschwerpunkt haben, oder auch Naturwissenschaftler, die neben ihrer fachlichen Qualifikation auch betriebswirtschaftliches Know-how, Interesse am Vertrieb oder Managementpotenzial mitbringen.

Haben Unternehmen aber auch einfach zu hohe Ansprüche an die Bewerber?

Ich stelle immer wieder fest, dass Firmen nach dem Idealbewerber suchen, der 'eierlegenden Wollmilchsau'. Als früherer Personalleiter habe ich erlebt, dass Fachbereiche Stellen mit sehr hohen Anforderungsprofilen ausgeschrieben haben. Nach Monaten der vergeblichen Suche war man dann mit einem Diplomanden in der Abteilung, den man kannte und der sich inzwischen einiges an Fachwissen angeeignet hatte, durchaus zufrieden. Mit etwas Flexibilität und der Bereitschaft, auch Berufsanfängern, Quereinsteigern oder Bewerbern mit Kenntnissen aus angrenzenden Fachbereichen eine Chance zu geben, könnten manche Stellen schneller und früher besetzt werden.

Warum können bestimmte Stellen so schwer besetzt werden, beziehungsweise warum stellen die Unternehmen anscheinend oft 'die Falschen' ein?

Generell kann man sagen, dass es schwieriger geworden ist und länger dauert, sehr spezialisierte Fachkräfte (beispielsweise Medizininformatiker) zu finden. Hier sollten die Entscheider abwägen, ob es besser ist, viele Wochen oder Monate nach dem richtigen Bewerber zu suchen oder eine Stelle kurzfristig mit einem Kandidaten zu besetzen, der schneller verfügbar ist. Nach meiner beruflichen Erfahrung ist bei einem sorgfältigen Auswahlprozess die Quote der 'Fehlbesetzungen' eher gering.

Haben Sie Lösungsvorschläge, zum Beispiel für Unternehmen im ländlichen Raum, die nicht die gewünschten Bewerber finden?

Laut Wolfgang Medinger, SCHLAGHECK RADTKE OLDIGES executive consultants GmbH, gehören die Life Sciences weltweit zu den Wachstumsbranchen und zählen zu den Jobmotoren der Wirtschaft. © Trenzyme GmbH

Die Suche nach qualifiziertem Personal hat viele Facetten und es gibt eine ganze Reihe von Ansatzpunkten: Kontakte zu Hochschulen und Instituten, Praktika, Abschlussarbeiten, soziale Netzwerke und nicht zuletzt die Einbeziehung der eigenen Mitarbeiter in die Suche. Aber auch die langfristige Personalplanung, die Ausbildung eigener Fach- und Führungskräfte und die Optimierung des Arbeitgeberimages (employer branding) spielen eine Rolle. Tendenziell ist es im ländlichen Raum wahrscheinlich etwas schwieriger, wobei ich zum Beispiel den Bodenseeraum als 'bevorzugte ländliche Region' bezeichnen würde. Die Schwierigkeit liegt eher in der generellen Bereitschaft der Bewerber zur Mobilität.

Wenn die richtige Bewerbung auf dem Tisch liegt: Wie kann ich als Unternehmer meinen Wunschkandidaten im ersten Gespräch für mich gewinnen?

Wichtig ist die bewusste Gestaltung des Interviewprozesses. Ich erlebe immer wieder, dass sich Bewerber aufgrund der Eindrücke aus der Gesprächssituation und der Zeit, die man sich genommen hat, für oder gegen ein Unternehmen entschieden haben. Nicht zuletzt sollte man auch dem Umfeld gebührende Beachtung schenken und gegebenenfalls Angebote machen, wie zum Beispiel Unterstützung bei der Wohnungssuche oder Hilfe bei der Stellensuche für den Partner.

Was raten Sie Bewerbern in den Life Sciences für die Stellensuche?

Jede schriftliche Bewerbung sollte auf die Zielfirma und die zu besetzende Stelle abgestimmt sein. Auf die Anforderungen eingehen, die eigenen Stärken herausarbeiten und Anschreiben und Lebenslauf passend zu der Stelle und den Schwerpunkten des Unternehmens formulieren. Großunternehmen sind in der Regel im Vorteil, weil sie viele Initiativbewerbungen erhalten und die größere Auswahl haben. Schauen Sie sich aber bewusst auch die mittelständischen Unternehmen an. Hier sind die Arbeitsbedingungen häufig weniger anonym, das Arbeitsspektrum ist vielfältiger und größer und die Chance, nach relativ kurzer Zeit eine breite Verantwortung übertragen zu bekommen, ist viel realistischer.

Wolfgang Medinger ist Geschäftsführer des Ravensburger Standorts der SCHLAGHECK RADTKE OLDIGES executive consultants GmbH (SRO). Das Personalberatungsunternehmen unterstützt Firmen bei der Besetzung von Management- und Spezialistenfunktionen und berät bei der Einstellung von Fach- und Führungskräften speziell in den Bereichen Forschung & Entwicklung, Produktion, Finanzen/Controlling und Marketing/Vertrieb. Dafür wurde SRO im Jahr 2013 als „TOP-Consultant“ und im Jahr 2014 vom Magazin „FOCUS“ als “TOP Personaldienstleister“ ausgezeichnet. Wolfgang Medinger ist seit zehn Jahren in der Personalberatung tätig und verfügt über langjährige Erfahrungen in der Personalleitung, unter anderem in den Bereichen Instrumentelle Analytik, Medizintechnik und Gesundheit.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/fachkraefte-in-den-life-sciences-flexible-arbeitgeber-im-vorteil