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Freiraum für Jungforscher

Mathe, Physik oder Chemie: Schulunterricht allein reicht ihnen nicht. Im Jugendforschungszentrum in Nagold forschen Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren an Projekten aus Maschinenbau, Biotechnologie oder Medizintechnik. Für die Schüler ist Forschen ein Hobby. Unternehmen suchen in der Talentschmiede potenzielle Fachkräfte von morgen.

Biologie fasziniert Benjamin. Im naturwissenschaftlichen Unterricht in der Schule lernt er die Grundlagen. Aber der 16-Jährige will mehr wissen. Im Jugendforschungszentrum Schwarzwald-Schönbuch in Nagold findet er Mitstreiter. Unter der Anleitung von Uwe Klein wollen Benjamin Stahl und seine Freunde Joachim Fels und Thomas Klein herausfinden, ob handelsübliche Landpflanzen zum Klimaschutz beitragen. Dazu untersuchen sie deren Wachstum unter verschiedenen Umweltbedingungen. Das Ganze passiert in einer hermetisch dichten Versuchsapparatur. Mit Hilfe der gemessenen Kohlenstoffdioxid- und Sauerstoffwerte in der Luft können die Jungforscher analysieren, unter welchen Bedingungen eine Pflanze am stärksten Photosynthese betreibt.
Benjamin, ein Jungforscher des JFZ Nagold, bei seinem Experiment zur Frage wie Landpflanzen das Klima schützen.
Benjamin erforscht, wie Landpflanzen das Klima schützen. (Foto: BioRegio STERN)
Ein langwieriges Projekt. Jeden Tag nach der Schule sind die drei Jungs im Labor, bauen Versuchsanordnungen auf, variieren Untersuchungsmethoden. Viel Zeit für andere Hobbys bleibt nicht. „Meine Freunde sehe ich oft nur am Wochenende“, sagt Benjamin. „Aber das Experiment soll sich ja lohnen." Und das hat es bereits. Ihr Projekt zur quantitativen Untersuchung des Kohlenstoffdioxidverbrauchs von Landpflanzen bekam den Sonderpreis des Umweltministeriums und den zweiten Platz im Regionalwettbewerb von „Jugend forscht“.

Der Forscherdrang ist enorm

Fasziniert vom Forscherdrang der Jugendlichen: Bernd Brennenstuhl, HP und Uwe Klein, Leiter JFZ (Foto: BioRegio STERN)
Erst im vergangenen Jahr ist das Jugendforschungszentrum Schwarzwald-Schönbuch gegründet worden. Geforscht wird in einem unscheinbaren Einfamilienhaus im idyllischen Nagold. Schüler und Auszubildende bekommen hier die Chance, unter professioneller Anleitung zu experimentieren. Wenn alle 20 Jugendlichen im Labor sind, wird es eng im Haus. „Der Forscherdrang unserer Jugendlichen ist enorm“, sagt Helmut Günther, Leiter und Gründer des Jugendforschungszentrums. „Wenn noch mehr Jugendliche mitarbeiten, müssen wir dringend mehr Räume anmieten.“ Jeden Freitag und Samstag sind Experten aus Wissenschaft und Forschung im Zentrum, um die Jugendlichen bei ihren ambitionierten Projekten zu unterstützen. Studenten naturwissenschaftlicher Fakultäten, beispielsweise der Universität Tübingen, bringen zusätzlich ihr Wissen ein und helfen den Jugendlichen beim Versuchsaufbau. Wer nicht aus einem der Nachbarorte kommt, kann übers Wochenende sogar im Jugendhaus nebenan übernachten.

Ambitionierte Projekte

Acht Projekte aus Naturwissenschaft und Technik werden bis jetzt betreut. Eines davon von den beiden jüngsten Forschern im Zentrum – Max Widemann und Theo Maulbetsch. Sie haben nichts Geringeres vor als aus alten Plastiktüten wieder Erdöl und damit Energie zu gewinnen. Die Idee zum Forschungsprojekt hatten die beiden 14-Jährigen bereits vor längerer Zeit: Kunststoffe wie Polyethylen, aus denen Eimer, Folien oder Tüten gefertigt werden, sind nicht abbaubar. Daher wächst der Plastikmüllberg. Dagegen wird der Rohstoff Erdöl immer knapper. Theo und Max wollten beide Problemstellungen verknüpfen. Finden die beiden eine Methode, mit der die chemischen Grundstoffe wieder hergestellt werden können, kann der gewonnene Kohlenwasserstoff als Kraftstoff genutzt werden. Jedes Wochenende sind die beiden im Jugendforschungszentrum. Oft arbeiten sie bis zu zehn Stunden an ihrem Projekt. „Irgendwann klappt es“, sagt Theo. „Wir bleiben dran.“ Ihr Projekt zur Rückgewinnung von chemischen Grundstoffen aus Plastikmaterial soll im nächsten Jahr bei „Jugend forscht“ eingereicht werden. Vielleicht ist sogar eine Patentanmeldung drin, meinen die beiden geheimnisvoll. In jedem Fall ist für Theo und Max bereits jetzt klar, dass sie später einmal einen naturwissenschaftlichen Beruf ausüben möchten. Die Forschung soll kein Hobby bleiben.
Ein Vertreter von IBM Deutschland übergibt einem Jungforscher einen Laptop.
IBM Deutschland rüstet Jungforscher aus. (Foto: BioRegio STERN)

Zukünftige Spezialisten fördern

Darauf spekulieren auch die Sponsoren des Jugendforschungszentrums. Einerseits unterstützen die umliegenden Kommunen das Zentrum. Zum anderen wird ein Großteil der Ausgaben von Förderern aus der Wirtschaft gedeckt. Das Softwareunternehmen Hewlett Packard spendete knapp 15.000 Euro an das Jugendforschungszentrum. Laptops, Beamer, Drucker und Kameras ermöglichen den Kindern und Jugendlichen mobiles Arbeiten. „Wir verfolgen die Entwicklung des Jugendforschungszentrums mit großem Interesse“, sagt Bernd Brennenstuhl, Ausbildungsleiter HP Deutschland. „Nur so kann der Nachwuchs in Naturwissenschaft und Technik frühzeitig gefördert werden. Und wir brauchen dringend kreative Köpfe und gut ausgebildete Fachleute.“ Brennenstuhl liegt vor allem auch die Förderung von Frauen in technischen Berufen am Herzen. „Sozialkompetenz wird immer wichtiger“, sagt er. „Die Mädels können es genauso gut, sie trauen sich oft nur nicht. Das müssen wir ändern.“

Daher ist es nicht verwunderlich, dass bis jetzt nur zwei Mädchen in Nagold mitforschen. Eine davon ist Jenny Hinz. Die 18-Jährige will herausfinden, ob Light-Produkte wirklich „light“ sind. Um zu analysieren, ob nur die Energiewerte in den Produkten stecken, die auf der Verpackung stehen, verbrennt sie Lebensmittel im so genannten Kalorimeter. Die Apparatur wird in einem Wasserbehälter versenkt. Über den Anstieg der Wassertemperatur kann Jenny die freigesetzte Energie messen. Und dann vergleichen. Bereits jetzt hat die Schülerin entdeckt: Auf die Brennwertangaben bei Light-Produkten kann man sich nicht immer verlassen. „Das hätte ich in der Schule nicht gelernt“, sagt sie. „Und dass hier nur Jungs sind, macht mir nichts aus." Für Jenny ist die Forschung bis jetzt nur eine Freizeitbeschäftigung. Ein Job im Labor ist jedoch auch für sie nicht ausgeschlossen.

Benjamins Projekt steht kurz vor dem Abschluss. Bald wird er mit seinen beiden Teamkollegen mit der Auswertung der Ergebnisse beginnen. Doch er ist sich schon jetzt sicher: Er will auf jeden Fall in Nagold weiterforschen. Für sein nächstes Projekt wird er allerdings in den Fachbereich Maschinenbau wechseln. Dort will er mit einem Team neue Antriebsrotoren entwickeln.

tt - 10.07.08
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