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Gendefekt: Fette Nahrung hilft bei Bewegungsstörungen

Erbliche Veränderungen eines Zuckertransportstoffes können bei dauerhafter körperlicher Belastung Bewegungsstörungen verursachen. Abhilfe schafft fettreiche Nahrung. Das haben Wissenschaftler am Universitätsklinikum Ulm herausgefunden.

Damit unser Gehirn arbeiten kann, braucht es Energie – vor allem in Form von Traubenzucker. Auf seinem Weg vom Blut ins Hirn muss der Traubenzucker die Blut-Hirn-Schranke überwinden, wozu ihm ein hoch spezialisierter Eiweißstoff, der Glucose-Transporter, verhilft. Die Wissenschaftler um Holger Lerche, Leiter der Epileptologie der Universitätsklinik für Neurologie, haben nun einen vererbbaren Defekt an dem Transporter entdeckt und seine Wirkungsweise untersucht.

Problem: energieverzehrender Sport

Wenn der Sport zu viel Energie schluckt, kann das Probleme verursachen. (Foto: Johannes Kohl, pixelio.de)
Wenn der Sport zu viel Energie schluckt, kann das Probleme verursachen. (Foto: Johannes Kohl, pixelio.de)
Verbrauchen Menschen mit diesem Gendefekt zum Beispiel beim Sport besonders viel Energie, kann der Glucose-Transporter die Nervenzellen im Gehirn nicht mehr ausreichend mit Energie versorgen. „Da die Nervenzellen auch für die Koordination von Bewegungsabläufen zuständig sind, leiden die Betroffenen unter Bewegungsstörungen, die ihren Alltag massiv einschränken“, erklärt Lerche. Der Defekt kann außerdem zu einer Verzögerung der Entwicklung, zu Epilepsie und Blutarmut führen.

Körper lässt sich mit Ketonkörpern überlisten

Prof. Dr. Holger Lerche (Foto: UK Ulm)
Hilfe bietet den Betroffenen eine fettreiche Ernährung. „Dabei macht man sich zunutze, dass sich das Gehirn im Hungerzustand innerhalb weniger Tage vom Energieträger Traubenzucker auf den Verbrauch von Fett, so genannter Ketonkörper, umstellt“, erklärt Lerche.

„Bietet man nun eine fettreiche Ernährung an, so lässt sich das Gehirn überlisten und ernährt sich von Ketonkörpern. Die Nervenzellen werden wieder ausreichend versorgt, die Bewegungsstörungen verschwinden.“

Bei einer von dem Gendefekt betroffenen Familie habe sich die Entwicklung der Kinder verbessert, auch die bis dahin nicht behandelbaren epileptischen Anfälle seien verschwunden. Im Licht der neuen Erkenntnisse war deren Ernährung umgestellt worden.

Neue Ursache für Blutarmut entdeckt

Die Wissenschaftler um Holger Lerche fanden außerdem heraus, dass der Gendefekt auch zur Blutarmut führen kann: Das gleiche Eiweiß, das für den Traubenzuckertransport ins Gehirn zuständig ist, transportiert auch Traubenzucker in die roten Blutkörperchen. Der Gendefekt macht das Transporteiweiß durchlässig für gelöste Salze (Ionen). Insbesondere Calcium-Ionen können dadurch ungehindert in die roten Blutkörperchen einströmen und diese abtöten.

Durch das Verständnis solcher erblichen Defekte erhoffen sich die Wissenschaftler langfristig bessere Therapien für Bewegungsstörungen, Epilepsie und ähnliche Erkrankungen des Nervensystems. Zudem wollen sie der Vermutung nachgehen, dass solche Defekte der Glucose-Transporter viel häufiger vorkommen könnten, als bisher angenommen.

Die Ulmer Wissenschaftler kooperierten mit Gruppen in Göttingen, Dresden, Tübingen, London und Bari. Die Arbeit wurde am 1. Mai 2008 online in der Zeitschrift “The Journal of Clinical Investigation” veröffentlicht (Weber et al., GLUT1 mutations are a cause of paroxysmal exertion-induced dyskinesias and induce hemolytic anemia by a cation leak).

Quelle: Uniklinikum Ulm - 29.04.08 (wp, 30.04.08)
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/gendefekt-fette-nahrung-hilft-bei-bewegungsstoerungen