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Gesunde, die neue Kundschaft für Ärzte

Ärzte sollten sich mehr um Gesunde kümmern. Das fordert der Ulmer Präventivmediziner Alfred Wolf. Der Endokrinologe und langjährige Chef einer Ulmer Privatklinik und Ordinarius für Präventionsmedizin an der Internationalen Dresdner Universität versucht seit einem Jahrzehnt zusammen mit seinem Sohn Florian Wolf mit Prävention Geld zu verdienen. Mittlerweile und einige gescheiterte Versuche später scheint die Zeit reif.

Im Blick hat das Wolf’sche Unternehmen BioAging & BioLabs Privatversicherer und große Unternehmen. Im Vordergrund steht nicht mehr der Patient und Kranke, sondern der gesunde und zahlungskräftige Kunde, der sich seine „Standortbestimmung Gesundheit“ etwas kosten lässt. Mit einem kapitalkräftigen Partner, der auch aus dem Ländle kommt, wollen Vater und Sohn Wolf ab 2011 mit ihrer Präventionsdiagnostik in die Fläche gehen.

Eine Idee gewinnt Fahrt

Florian Wolf, Geschäftsführer von BioAging & BioLabs GmbH © BioAging & BioLabs GmbH

Die Idee, praktisches und evidenzbasiertes Wissen zur Früherkennung von Krankheiten in Produkte umzusetzen, verfolgen sie schon lange. Das erste Produkt von BioAging, wie die Firma 2001 genannt wurde, war eine Software, die Präventions-Wissen in Fragebögen und Tests umsetzte und an 300 Ärzte in 15 Ländern verkaufte. Erstellt hatte das Programm Florian Wolfs Onkel. „Es war ein extremes Investment“, das die Familie mit eigenen Mitteln stemmte. Fremde blieben außen vor, weil sie unabhängig bleiben wollten.

Ziel der BioAging-Software ist es, Veränderungen in einem Stadium zu identifizieren, wo sich der „Kunde“ noch als subjektiv gesund empfindet. Diese biologischen Vitalitäts- und Altersparameter sollen Gesundheitsrisiken erkennen, organbezogene Defizite und Insuffizienzen bestimmen, um konkrete Schritte zur medizinischen Prävention oder Intervention einzuleiten. Die Einsicht des Klinikers Alfred Wolf: Je geringer die Vitalität, desto höher die Gefahr, eine Krankheit zu bekommen.

Bei aller Begeisterung und Überzeugung wussten die Wolfs, dass die Präventionsmedizin noch einen weiten Weg vor sich hatte. Und sie wussten, dass ihre Produkte auf wissenschaftlich sicherem Boden stehen und evidenzbasiert sein mussten. So bauten die Wolfs ihr Netzwerk aus, holten sich externes Wissen. Mittlerweile, sagt Florian Wolf, der für diese Idee vor Jahren den Architektenberuf an den Nagel hängte, stehe man mit einem finanzstarken Konsortium in guten Verhandlungen. „Mittlerweile ist vielen Firmen klar, dass die Prävention eine große Zukunft hat“.

Mit individuellen Risikorechnern soll es beginnen

Präventionsdiagnostik im Wolf’schen Verständnis ist integral angelegt, fasst üblicherweise getrennte Diagnostik-Bereiche von biografischen, funktionalen und biochemischen im Labor ermittelten Daten zusammen und besteht aus drei Stufen. Die erste heißt Prädiktion (Primärprävention) und berechnet ein individuelles Risiko aus biografischen und Lebensstildaten und Genetik (SNPs, Transkriptom, Proteomanalyse). Es gibt zwei Versionen von Risiko-Kalkulatoren, eine kostenlose, abgespeckte Laien-Version, die von den Original-Kalkulatoren abgeleitet wurde und nicht in prospektiven Studien evaluiert wurde, die den gesundheitsbewussten Klienten „ködert“, und selbst ausgefüllt werden kann, mit Papier und Bleistift oder mit PC oder PDA.

Und es gibt einen wissenschaftlichen medizinischen Kalkulator. Dabei handelt es sich um eine Zusammenstellung bestimmter Fragen zur Familien- und Eigen-Anamnese sowie zum Lebensstil, verbunden mit wenigen Befunddaten, die unterschiedlich gepunktet aufaddiert werden und ein bestimmtes individuelles Risiko anzeigen. Dieser Risikokalkulator wurde, so Wolf, in prospektiven Studien evaluiert und zeigt das persönliche relative Risiko als Vielfaches gegenüber einer gleichaltrigen Person desselben Geschlechtes und ohne jeden Risikofaktor an.

Bei Gelb oder Rot ist die zweite Stufe fällig

Die Ergebnisse werden in den Farben der Verkehrsampel angezeigt und legen das weitere präventive Vorgehen fest. Steht die Risikoampel nach Auswertung der Kalkulatoren auf Gelb oder auf Rot, sind weitergehende Funktionsmessungen (Stufe zwei) der betroffenen Risikoorgane, möglichst auf evidenzbasierter Grundlage, notwendig. Je nach Ergebnis wird bei völlig normalen Befunden die primäre Prävention, bei auffälligen Befunden eine sekundäre Prävention der bereits eingetretenen Veränderungen empfohlen. Die dritte Stufe in der Wolf’schen Terminologie heißt Prävention: konkrete präventive Maßnahmen nach evidenzbasierter Medizin zur Optimierung der physischen, psychischen und emotionalen Gesundheit.

Prävention ist mehr als Vermeidung von Krankheiten

Präventionsmediziner Prof. Alfred Wolf. © BioAging & BioLabs GmbH

Zwar hat die stark pharmakologisch ausgerichtete Apparate- und Akutmedizin das Lebensalter der Menschen verlängert, aber die immer älteren Menschen sind dadurch nicht gesünder geworden. Alfred und Florian Wolf verweisen darauf, dass die „Zahl chronisch Kranker proportional sogar zugenommen hat, so dass sich scherenartig die Zahl der Pflegebedürftigkeit bis zum Jahr 2020 um mehr als 50 %, im Vergleich zu 2050 um mehr als 150 % auf 4,7 Mio. erhöhen wird.“ (Alfred und Florian Wolf: Praxis der Präventivmedizin: Prädikation, Funktion, Prävention, in: Journal of Preventive Medicine, 4/2008, S. 23).

Andererseits fehlen verlässliche Zahlen über mögliche Einsparungspotenziale von Prävention. Deutschland, beklagen die Wolfs, habe große Mängel in der Versorgungsforschung. Prävention sei „Vermeidungsstrategie von Krankheiten“, die gesundheitliche Wertschöpfung werde vernachlässigt. Noch fehlen den Verfechtern einer umfassenden Prävention Daten, die den (Kosten-) Nutzen präventiver Maßnahmen und von Screening-Untersuchungen belegen. Wolf verweist auf sozioökonomische Studien, die Prävention für Unternehmen in Bezug auf Innovation oder Produktivität auf lange Sicht als betriebswirtschaftlich sinnvoll belegen.

Schwarz-Weiß-Schema: Krank oder Gesund?

Die meisten der heute standardisierten Diagnostik-Systeme unterscheiden, so Florian Wolf, nur grob zwischen „gesund“ oder „krank“. Feinere Systeme messen den Zwischenraum zwischen absoluter Gesundheit und Krankheit und dokumentieren diese Veränderungen vor dem Auftreten einer Erkrankung. Um Antworten auf diese neuen Fragen zu erhalten, „muss man sehr viel genauer hinschauen“. Da genügen biochemische Parameter aus dem Labor nicht.

Seit Kurzem lassen die Wolfs die Laborbestimmungen vom renommierten Ravensburger Labor Dr. Gärtner anfertigen. „Damit kaufen wir uns die Qualität von Profis im Bereich Labormarkerbestimmung ein“, sagt Florian Wolf. „Wir haben ein neues Portfolio von Markern mit eingebracht, die auch aus präventionsmedizinischer Sicht neuartig sind.“ Der labormedizinische Prozess wurde, so Wolf, stufenartig aufgebaut. Zuerst werden einige biografische Daten erhoben, um die zu bestimmenden Marker minimal zu halten. Am Ende erhalten die einsendenden Ärzte „eine individuell erstellte Expertise mit konkreter Beurteilung und Empfehlung von Experten mit klinischer Erfahrung. Wir sind eben keine Biochemiker wie das sonst so üblich ist, sondern praktizierende Ärzte mit spezieller Erfahrung in diesen Bereichen." Damit steige die Qualität der präventionsmedizinischen Betreuung, gibt sich Florian Wolf überzeugt vom präventionsdiagnostischen Konzept.

„Sprechende Medizin“ wird nicht honoriert

Präventionsmedizin nach Wolf’schem Verständnis muss mit einer umfassenden Befragung beginnen: Grundverhalten, körperliche Aktivität, Familienvorgeschichte, eigene Krankheitsvorgeschichte, Ernährungsverhalten, Lebensstil. „Wir wissen schon eine Menge, aber das wird im Standard nie abgefragt“, letztlich werde symptombezogen behandelt, und das sei bereits die kurative Schiene. Präventionsmedizin erfordere eine „sprechende Medizin“, die sehr viel berät. Diese Beratungsgespräche aber werden von den Krankenkassen nur unzureichend bezahlt.

Einstieg in einen Coaching-Prozess

Eine Stufendiagnostik, sagt Wolf, garantiere ein sowohl ökonomisch
gerechtfertigtes als auch zielgerichtetes Vorgehen. Letztlich laufe ein solch präventiver Ansatz auf einen Paradigmenwechsel für die Medizin hinaus. Dessen ist sich Florian Wolf bewusst. Medizin bedeute nicht nur die Behandlung von Krankheiten, sondern die Förderung der Gesundheit und die möglichst frühzeitige Aufdeckung von Schwachstellen. Ziel der Prävention ist der Einstieg in einen „Coaching-Prozess“ mit „Kunden, der diesen bei Gesundheit hält, dessen Befindlichkeit verbessert und seine physische, psychische und emotionale Energie optimiert“, formuliert Florian Wolf schon ganz in der Sprache seiner künftigen Klientel.

Eine flächendeckende Verbreitung dieses Präventionskonzeptes in der Ärzteschaft sei unmöglich, weil diese zwar vom Sinn der Präventionsdiagnostik überzeugt sei, diese aber nicht bezahlt bekomme. Deshalb, so Florian Wolfs Lösung, „müssen wir den Ärzten die Kunden bringen“, diese mit dem Konzept und den Protokollen ausstatten. Die neue Kundschaft kommt offensichtlich aus der Industrie, aus großen Unternehmen und Privatversicherern. Diese haben den betriebswirtschaftlichen Nutzen von Stressdiagnostik erkannt.

Wenn des Lebensfeuer ausgeht - Stress bei Führungkräften vorzubeugen ist für Unternehmen profitabel. © BioAging & BioLabs GmbH

Zielgruppe: Gestresste Manager

In der WHO-Statistik zum Verlust gesunder Lebensjahre rangiert die Depression ganz oben. 50 bis 75 Prozent der depressiven Leiden (Angststörungen, Fatigue, Burn-out, stressassoziierte Erkrankungen) werden vom Beruf verursacht, sagt Wolf. Im Schnitt weise jeder Arbeitnehmer 14 bis 17 Fehltage im Jahr auf, bei psychischen Erkrankungen liege der Schnitt bei 27. Diese Fehlzeiten schlagen sozioökonomisch zu Buche.

Das urbane Leben und der enorme Leistungsdruck in den Unternehmen verschaffen diesen inzwischen selber große Probleme. Viele Unternehmen haben für Prävention das entsprechende Kapital, andererseits sind sie Verursacher dieser Misere durch Stress und Ausbeutung am Arbeitsplatz. Unternehmen seien deshalb sehr daran interessiert, dieses Problem mit externer Hilfe anzupacken. „Im Vordergrund steht der Benefit des Endanwenders, das ist die oberste Prämisse." Die Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen werden kein Problem haben, Florian Wolfs Sprache zu verstehen.

Für den angekündigten Schritt in die Fläche scheinen die Wolfs die Weichen gestellt zu haben. 2009 wurde das Einsendelabor von Alfred Wolf, BioLabs, mit BioAging zu einer GmbH zusammengefasst, in der alles Relevante für Erkennung und Messung von Risiken und gesundheitlicher Standortbestimmung gebündelt ist. Mittlerweile arbeitet BioAging & BioLabs GmbH mit dem renommierten, von Ärzten geführten Ravensburger Labor Dr. Gärtner zusammen.

Ab 2011 erklimmt das Wolf’sche Unternehmen eine neue Entwicklungsstufe und geht in die Vollen, sprich in die Fläche. An der Seite eines kapitalstarken Partners, der aus dem Württembergischen stammt, will BioAging & BioLabs GmbH endlich umsetzen, was Florian Wolf so beschreibt: „Wir nehmen das Gute aus der Schulmedizin, verbinden es mit der New Age Medicine zu einer Strategie, die den Fokus auf Primär- und Sekundärprävention legt“.

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