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"Große Unternehmen spezialisieren sich zu wenig"

Dr. Aziz Cayli arbeitete viele Jahre bei großen Biotech- und Pharmafirmen. 2005 wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit und gründete das Unternehmen CELLCA in Laupheim. Im Interview mit Christoph Bächtle spricht er unter anderem darüber, dass die richtigen Partner eine entscheidende Rolle beim Aufbau eines Unternehmens spielen.

Dr. Cayli, seit vier Jahren sind Sie Unternehmer. Wo haben Sie zuvor gearbeitet?

Ich war bei Boehringer Ingelheim und Roche.

Warum verlässt man so große und renommierte Unternehmen und macht sich selbstständig? Bei Boehringer und Roche gibt es sicher viele interessante Aufgaben.

Hat den Schritt in die Selbstständigkeit nicht bereut: Dr. Aziz Cayli, der Gründer von CELLCA © BIOPRO/Bächtle

Wegen geringer Freiheit und Liebe zur Technologie. Ich bin der Meinung, die meisten Leute gründen ihre Firma aus diesen Motiven. Sehr gute Leute haben in großen Unternehmen wenig Freiräume. Sie träumen von Freiheit, sie glauben an sich und wollen sich selbst verwirklichen. Aber in großen Unternehmen geht es in erster Linie darum, die Unternehmensziele zu unterstützen und deshalb ist dort nur wenig Raum für persönliche Freiheiten.

Ich hatte einige gute Ideen, die ich unbedingt umsetzen wollte und entschied mich daher dafür, mein eigenes Unternehmen zu gründen. Für mich war nicht der Hauptgrund, dass ich dachte, mit einem eigenen Unternehmen könnte ich schnell viel Geld verdienen. Entscheidend für mich war die Liebe zur Technologie sowie der Traum von Freiheit.

War für Sie auch ausschlaggebend, dass Sie ein Problemfeld erkannt und eine Lösung parat hatten, die dort letztlich nicht umzusetzen war?

Nein, dort wurden die Dinge, die ich heute mache, auch schon gemacht. Aber ich meine, dass wir es bei CELLCA noch besser machen können. Wir haben unsere Technologie systematisch entwickelt, nachdem wir die Schwachpunkte existierender Technologien identifiziert haben. Viele der Technologien, die sich derzeit im Markt befinden, sind mehr oder weniger historisch entstanden und haben ihre Vor- und Nachteile. Fakt ist aber, dass derzeit existierende Technologien nicht alle Kundenwünsche erfüllen.

Wir haben eine Technologie von Grund auf neu entwickelt mit den neuesten Erkenntnissen. Es war keineswegs so, dass ich ein neues Marktpotential gesehen habe. Der Markt war da und es gab auch genug Teilnehmer, die diesen Markt bedienten. Der Markt ist aber groß genug für Alternativtechnologien, wenn diese den Erwartungen der Kunden besser entsprechen als bisher eingesetzte Technologien.

Sie hatten von Beginn an einen starken Partner, nämlich die Firma Rentschler in Laupheim. Welche Vorteile brachte dem neuen Unternehmen CELLCA diese Partnerschaft?

Sie brachte zwei Vorteile. Ein Vorteil liegt in der Infrastruktur. Wir haben unsere Labors auf dem Gelände von Rentschler und können dort die gesamte professionelle Infrastruktur nutzen. Dazu gehören zum Beispiel spezielles Wasser oder spezielle Gase, die man in solchen Unternehmen braucht. Alles was man benötigt, um sofort mit Wissenschaft und Forschung starten zu können, hat uns Rentschler zur Verfügung gestellt. Wir arbeiten auch im technologischen Bereich zusammen. Wenn wir spezielle Leistungen in Anspruch nehmen wollen, zum Beispiel einen Testlauf in einem großen Fermenter durchführen, können wir das mit Mitarbeitern von Rentschler zusammen machen.

Der zweite Vorteil: Rentschler ist seit 30 Jahren am Markt aktiv und daher sehr bekannt. Man kann solche Kooperationen publik machen und über den Namen des Partners einfacher in den Markt kommen. Rentschler hilft uns bei Marketing und Vertrieb. Das ist sehr viel wert. Wenn Sie ein Technologieunternehmen gründen und eine tolle Technologie haben, können dennoch fünf bis zehn Jahre vergehen, bis Sie im Markt bekannt und von potenziellen Kunden akzeptiert sind. Wenn Sie aber einen starken Partner haben, der Ihnen hilft und Kunden an Sie weiterleitet, dann haben Sie es wesentlich leichter.

Wir sind sehr froh, dass wir seit Beginn einen Partner haben, der an uns glaubt und wissenschaftliche Bestätigung vorweist, dass ein Prozess, den Cellca entwickelt auch in großen Anlagen funktioniert. Das ist nämlich das Hauptziel von Cellca – Prozessentwicklung für den Großmaßstab.

War Ihre Technologie von Beginn an marktfähig, oder mussten Sie zunächst noch Entwicklungsarbeit leisten?

Die Technologie mussten wir in den letzten Jahren erst einmal von Grund auf entwickeln und optimieren. Erst jetzt, im vierten Jahr nach der Gründung, weist die Technologie eine sehr hohe Qualität auf, so dass wir sie vermarkten können.

Partnerschaft beruht auf gegenseitigem Nutzen. Wie haben Sie Rentschler davon überzeugt, dass ausgerechnet CELLCA der geeignete Partner ist?

Wir hatten etwas Glück. Im Jahr unserer Gründung war so eine Technologie, wie wir sie entwickeln wollten, auch bei Rentschler anscheinend ein Thema. Dort wurde intern diskutiert wie man den technologischen Stand von Rentschler verbessern kann. Zufälligerweise bin ich dann mit Rentschler durch Investoren in Kontakt gebracht worden. Beide Seiten wussten sofort, worum es geht, wir haben dieselbe Sprache gesprochen und es gab bei Rentschler eine positive Beurteilung dieser Technologie.

Der Markt für Rote Biotechnologie und Biopharmazeutika ist sehr viel versprechend. Daher tummeln sich in diesem Feld sehr viele und auch sehr große Unternehmen. Wie schafft man es als Gründer, genau den Nerv des Marktes zu treffen und sich von anderen, oft etablierten Firmen zu unterscheiden? Wie macht man potenziellen Kunden klar, was man besser als andere kann und welchen Vorteil man verschaffen kann?

CELLCA konzentriert sich auf das sogenannte scale-up und entwickelt Fermentationsverfahren aus dem Labormaßstab weiter für die industrielle Produktion. © CELLCA

Durch Spezialisierung. Einige große Unternehmen haben entweder eine ähnliche Technologie wie wir oder versuchen sie aufzubauen. Aber in einem großen Unternehmen haben die Leute nicht den nötigen Fokus auf einen sehr engen Bereich. Große Unternehmen spezialisieren sich zu wenig, sie versuchen vielmehr alles abzudecken. Das gilt übrigens nicht nur für Biotechnologie, das gilt für alle Branchen.

Wir konzentrieren uns auf Upstream-Prozessentwicklung und Zelllinienentwicklung. Für diese Gebiete braucht man sehr viel Fach- und Spezialwissen und genau da fokussieren wir uns. Wir gehen bewusst nicht in andere Themen rein, weil wir diese Spezialisierung nicht verlieren wollen. Ich glaube, dass unsere Personaldichte in diesem eng umrissenen Gebiet heute größer ist als in vielen großen Unternehmen. Wir haben sogar alles andere, das nicht zur Technologieentwicklung gehört, wie zum Beispiel Verwaltung, IT, technische Versorgung, nach außen vergeben, um damit nicht abgelenkt zu werden.

Einem Günder ist also zu empfehlen, den Markt ganz genau zu analysieren. Kann man dann sogar der Einstieg in einen sehr breiten Markt wie den Pharmamarkt schaffen?

Man muss die gesamte Wertschöpfungskette betrachten und herausfinden, welche Schritte sehr know-how-intensiv sind. Wenn man selbst das entsprechende Know-how hat, kann man genau dort mit seiner Spezialisierung an den Markt gehen. Und man muss berücksichtigen, dass das eigene Fachgebiet nicht nur für eine einzige Pharmafirma von Interesse sein sollte, sondern für viele. Dann kann man es schaffen.

Worauf haben Sie sich spezialisiert?

Wir haben im Labor kleine Bioreaktoren, kleiner als fünf Liter Volumen. Dort entwickeln wir spezielle Bioprozesse, die wir auf große Reaktoren mit 2500 Liter Arbeitsvolumen übertragen können. Wir sagen, dass die von uns entwickelten Prozesse auch in den größten Bioreaktoren reibungslos laufen. Dafür stehen wir, damit werben wir, dazu haben wir Daten generiert.

Daraus ergeben sich zwei Fragen: wer soll diese großen Reaktoren betreiben und wie kann man beweisen, dass unsere Verfahren im großen Maßstab tatsächlich laufen? Genau da setzt wiederum unsere Kooperation mit Rentschler an. Wir entwickeln Prozesse im Auftrag des Kunden und transferieren die Verfahren in die großen Bioreaktoren von Rentschler. Damit zeigen wir, dass der jeweilige Prozess läuft und dass unsere Technologie tatsächlich für den Großmaßstab geeignet ist. Es ist wichtig hier zu betonen, dass unsere Prozesse nicht nur für Rentschler-Anlagen sondern für alle großen Anlagen geeignet sind.

Rentschler als Auftragsfertiger könnte also davon profitieren, dass dort ein Prozess, den Cellca entwickelt hat, bereits gelaufen ist. Der Cellca-Kunde ist somit ein potenzieller Rentschler-Kunde?

Genau, aber nicht ausschließlich. Die Kunden kommen erstmal zu uns, weil wir produktive Prozesse designen können und dafür eine gute Technologie haben. Danach gehen die Prozesse zu Rentschler in die Produktionsanlage. Jedoch ist dieser Transfer nicht exklusiv. Der Kunde kann immer selbst entscheiden, ob er bei Rentschler produzieren will oder nicht. Aber da wir eine enge Partnerschaft mit Rentschler haben, gibt es viele Vorteile für die Kunden, zu Rentschler zu gehen. Es war für uns immer wichtig, unseren Kunden diese Entscheidungsfreiheit zu geben und sie ihre Produktionspartner selbst auswählen zu lassen.

Wie fällt Ihr Fazit aus, wenn Sie heute zurückblicken auf vier Jahre Selbstständigkeit und dann einen Vergleich ziehen zu zehn Jahren als Angestellter in Großunternehmen?

Ich möchte zuerst eine weit verbreitete Fehleinschätzung ausräumen: Ich arbeite als Selbstständiger nicht mehr als ich zu meiner Zeit als Angestellter gearbeitet habe. Da wird oft ein falsches Bild gezeichnet. Ich habe bei Roche und bei Boehringer viel gearbeitet und mit dem gleichen Tempo ging es anschließend weiter.

Seit ich Unternehmer bin habe ich enorm viel gelernt. Die Lebenserfahrung, die ich dadurch gewonnen habe, ist einmalig – egal, ob das Unternehmen erfolgreich ist oder nicht.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/grosse-unternehmen-spezialisieren-sich-zu-wenig