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Helfen bestimmte Nahrungsmittel bei der Krebsbehandlung?

Am Zentrum für Ernährungsmedizin ZEM, einer gemeinsamen Einrichtung der Universitäten Hohenheim und Tübingen, wird erforscht, ob und inwieweit bestimmte Nahrungsbestandteile eine Krebsbehandlung unterstützen können. Daraus könnten wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen abgeleitet werden.

Es kann so oder so ausgehen: Das Projekt könnte zu Ernährungsempfehlungen führen, bestimmte Nahrungsbestandteile zu essen oder aber diese zu meiden. „Positive Ergebnisse könnten auch zu der Empfehlung führen, definierte Substanzen in erhöhter Dosis, etwa in Pillenform, zu sich zu nehmen“, ergänzt Prof. Dr. Ulrich M. Lauer, Oberarzt in der Inneren Medizin am Tübinger Universitätsklinikum. Der Internist und Gastroentorologe koordiniert gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr. Helmut Salih, Oberarzt an der Abteilung Onkologie und Hämatologie und Leiter der Arbeitsgruppe Molekulare Tumorimmunologie, die Tübinger Arbeiten an dem ZEM-Projekt „Modulation der Antitumorreaktivität natürlicher Killerzellen durch definierte Nahrungsbestandteile". Vonseiten der Universität Hohenheim ist eine Gruppe um Prof. Dr. Stephan C. Bischoff, dem Direktor des Hohenheimer Instituts für Ernährungsmedizin, beteiligt. Zwei Jahre lang werden die Arbeiten vom Land Baden-Württemberg finanziell unterstützt, wobei alleine nach Tübingen dafür rund 100.000 Euro fließen. „Danach muss das Vorhaben in andere Drittmittelprojekte überführt werden. Wir haben bereits jetzt einen entsprechenden Antrag bei der DFG eingereicht“, sagt Lauer.

Die Professoren Lauer (links) und Salih arbeiten von Tübinger Seite aus an dem Projekt des Zentrums für Ernährungswissenschaft ZEM, das die Universitäten Tübingen und Hohenheim eingerichtet haben.
Die Professoren Lauer (links) und Salih arbeiten von Tübinger Seite aus an dem Projekt des Zentrums für Ernährungswissenschaft ZEM, das die Universitäten Tübingen und Hohenheim eingerichtet haben. © privat

Ergebnisoffen positive und negative Einflüsse untersuchen

Angesichts des sehr ambitionierten Vorhabens ist das sicher nicht zu weit gegriffen. Erstes Projektziel ist der Aufbau einer breiten Screening-Plattform für Nahrungsbestandteile. In Zellkulturen soll in Tübingen systematisch der Einfluss von Vitaminen, Spurenelementen wie Selen und sekundären Pflanzenstoffen wie Catechinen und Butyraten auf Tumorzellen und Zellen des menschlichen Immunsystems beziehungsweise deren Interaktion analysiert werden. Zum Einsatz kommen etablierte Zelllinien und maligne Zellen von Patienten und vor allem Natürliche Killerzellen (NK-Zellen) von gesunden Spendern sowie Krebspatienten. Die Screening-Plattform soll wichtige Lücken in der Forschung schließen, denn bisher gab es zwar zahlreiche Einzeluntersuchungen, aber eben keine einheitliche und umfassende Gesamtanalyse zur ernährungsabhängigen Modulation der Antitumorreaktivität, wie sie mit diesem Projekt geschaffen werden soll.

Bekannt ist zum Beispiel bereits, dass bei Vitamin-A-Mangel Anzahl und Aktivität von NK-Zellen des Immunsystems beeinflusst werden. Das ist deshalb so brisant, weil NK-Zellen die erste Verteidigungslinie bei der Antitumor-Immunantwort bilden. „Sie erkennen und zerstören entartete Zellen, die tagtäglich im Organismus entstehen und können so eine Tumorentwicklung verhindern beziehungsweise das Fortschreiten oder die metastatische Ausbreitung begrenzen“, so Lauer. Dem Vitamin-A-Einfluss wird nun systematisch nachgegangen. Am Ende könnte zum Beispiel eine wissenschaftlich untermauerte Empfehlung stehen, verstärkt Vitamin-A-haltige Nahrung zu sich zu nehmen. Wohlgemerkt „könnte“, denn nach den Zellkultur-Tests müssen erst noch klinische Studien durchgeführt werden, die entsprechende Effekte im Gesamtorganismus bestätigen oder widerlegen. „Die Zellkultur-Analysen mit Patienten-Zellen geben erste Hinweise auf Wirkeffekte. Für den Beweis einer Wirksamkeit im Patienten sind jedoch klinische Studien wichtig, bei denen wir vor und im Verlauf der Therapie mit definierten Nahrungsbestandteilen regelmäßig Proben nehmen müssen, um die Effekte zu belegen“, erklärt Lauer.

Bioaktive Nahrungsstoffe werden darauf getestet, ob sie eine Modulation der NK-Zell-abhängigen Antitumorantwort bewirken. Zusätzlich wird geprüft, ob durch bioaktive Nahrungsstoffe in NK-Zellen eine Modulation intrazellulärer Signalwege erfolgt, die in einer verbesserten Erkennung und Zerstörung von Tumorzellen resultiert. © Prof. Lauer, Universitätsklinikum Tübingen

Zellkulturdaten und klinische Studien führen zum Gesamtbild

Soweit es sich um Patienten mit Tumoren im Verdauungstrakt handelt, würde sein Team entsprechende Gewebeproben bei endoskopischen Untersuchungen nehmen, an denen zum Beispiel vor und nach dem Essen untersucht wird, ob NK-Zellen in ihrer Funktion moduliert werden. „Wir werden eine Wirkkinetik dazu aufstellen, um einen molekularen Wirkungsnachweis zu erbringen“, sagt Lauer. Analog wird im Fall sogenannter Blutkrebserkrankungen wie Leukämien verfahren. In dem Fall untersucht die Gruppe um Salih Blut- und Knochenmark-Proben.

So schnell wie möglich sollen die Ergebnisse aus Zellkultur und klinischen Studien schließlich zum Patienten gelangen. International sieht sich das Team mit diesem Weg gut aufgestellt. „Natürlich gibt es weltweit noch andere Gruppen, die an dieser Thematik arbeiten. Als ein Spitzenzentrum für Onkologie haben wir in Tübingen jedoch besonders viele hoch motivierte Patienten, die uns unterstützen und von sich aus nachfragen, ob sie auf dem Wege ihrer Ernährung selbst mit zur Krebsbekämpfung beitragen können. Und da die Translation, also die Übertragung von Ergebnissen aus der Forschung in die klinische Praxis in Tübingen sehr groß geschrieben wird, haben wir hier sowohl von klinischer Seite als auch von der Forschungsseite her hervorragende Bedingungen“, sagt Lauer und nennt die hohe Kompetenz in der molekularen Analytik und die enge Kooperation mit der Abteilung für Immunologie als Beispiele.

Die Empfehlung für oder gegen eine der untersuchten Substanzen ist jedoch nicht nur für den Fall einer Krebstherapie relevant. Es könnten möglicherweise auch Empfehlungen zur Krebsvorsorge abgeleitet werden. Sie könnten gerade für genetisch vorbelastete Personen hilfreich sein, jedoch auch „Jedermann“ ansprechen. Nährwert- oder gesundheitsbezogene Angaben im Sinne der Heath-Claim-Verordnung wären ein möglicher Weg, um die Ergebnisse in praktische Empfehlungen umzusetzen. „Diese Perspektive werden wir sicher nicht in zwei oder vier Jahren erreichen, aber wir denken durchaus bereits an die Möglichkeit, entsprechend positiv getestete Substanzen in Nahrungsergänzungsmittel oder sogenanntes ‚Functional Food’ einzubringen“, so Lauer. Auch bei diesem Fernziel wäre das ZEM ein passendes Dach, um direkt von der Forschung in die Entwicklung entsprechend geeigneter Nahrungsmittel einzusteigen.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/helfen-bestimmte-nahrungsmittel-bei-der-krebsbehandlung