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Hot Spots für Innovationen

Im Dezember 2010 eröffneten die Wirtschaftsminister Deutschlands und Israels, Rainer Brüderle und Binyamin Ben-Eliezer, den Deutsch‐Israelischen Innovationstag. Unter dem Motto „Neue Ideen für eine gesündere Welt“ wurden die auf der Jahreskonferenz des German-Israeli Life Sciences Committee in Heidelberg geknüpften Kontakte mit israelischen Unternehmen erweitert und vertieft. Basis dieser Zusammenarbeit sind jahrzehntelange Kooperationen der Forschungsinstitutionen beider Länder, besonders an den Wissenschaftsstandorten Rehovot und Heidelberg.

Binyamin Ben-Eliezer, Minister für Industrie, Handel und Arbeit des Staates Israel © Invest in Israel

Am 6. Dezember 2010 war der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Rainer Brüderle, Gastgeber des Deutsch-Israelischen Innovationstages, auf dem Experten das Forschungs- und Entwicklungs-Potenzial in den Hightech-Industrien und Kooperationsmöglichkeiten zwischen beiden Ländern diskutierten. Israels Minister für Industrie, Handel und Arbeit, Binyamin Ben‐Eliezer, zeigte die strategischen Vorteile auf, die eine Zusammenarbeit mit Israel für deutsche Unternehmen bietet. Das Land investiert im weltweiten Vergleich den höchsten Anteil seines BIP in Forschung und Entwicklung, es hat die am besten ausgebildeten Arbeitskräfte, die höchste Pro-Kopf-Quote an Universitätsabschlüssen und wissenschaftlichen Publikationen und den höchsten Anteil an Ingenieuren. In Israel - einem kleinen Land mit einer Bevölkerung von nur 7,2 Millionen Menschen, umgeben von Feinden und im ständigen Kriegszustand - werden mehr Start-up-Firmen gegründet als in Japan oder Großbritannien.

Entrepreneurial Chutzpah

Die Ursachen für diese beeindruckenden Erfolgsquoten liegen in der Qualität seiner Hochschulen und einem exzellenten Technologietransfer, vor allem aber, wie der Journalist Saul Singer beschreibt, im Ideenreichtum und der Risikobereitschaft der Israelis, die ihre Ideen umgehend in die Tat umsetzen wollen – mit einem Wort, in ihrer „Chutzpe“ oder „Chutzpah“. Das zeigte sich auch bei den Unternehmen, die bei der von Dr. Christian Tidona, dem Geschäftsführer der BioRN Cluster Management GmbH, geleiteten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Neue Ideen für eine gesündere Welt“ vorgestellt wurden.

Das Start-up-Unternehmen Anima Cell Metrology Ltd. hat eine „Protein Synthesis Monitoring“-Technologie (PSM) entwickelt, mit der die Proteinsynthese in lebenden Zellen in Echtzeit beobachtet und ihre Proteinproduktionsrate gemessen werden kann. Diese „live proteomics“ hat Anwendungsmöglichkeiten für viele therapeutische Bereiche, beispielsweise beim Multiplen Myelom, der Lungenfibrose und bei Virusinfektionen. Die Firma Pluristem Therapeutics Inc. hat auf der Basis ihrer 3D-Zellkulturtechnologie eine Pipeline von „ready-to-use“ Zelltherapieprodukten aus der menschlichen Plazenta aufgebaut, deren am weitesten fortgeschrittener Kandidat, PLX-PAD, zur Behandlung kritischer Ischämie bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit, die klinischen Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit entsprechend FDA und EMA bereits erfolgreich abgeschlossen hat. Die InSightec Ltd. hat ein nichtinvasives Verfahren zur Tumorzerstörung entwickelt, bei der magnetresonanzgeleitete fokussierte Ultraschallwellen auf das Ziel gerichtet werden. Diese MRgFUS-Technologie wird bereits am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg erprobt.

Chaim (Charles) Weizmann (1874-1952). © The Jewish Agency for Israel

Teva Pharmaceuticals, das bei weitem größte Pharmaunternehmen Israels, das vor kurzem die deutsche ratiopharm übernommen hat, macht etwa ein Drittel seines Umsatzes mit innovativen Pharmaka. An erster Stelle steht das am Weizmann-Institut entwickelte Copaxone zur Behandlung von Multipler Sklerose (MS). Am selben Institut wurden auch zwei der erfolgreichsten Medikamente von Merck-Serono entwickelt, nämlich Rebif (ebenfalls zur MS-Therapie) sowie der therapeutische Antikörper Erbitux gegen Darmkrebs. Das von Professor Chaim Weizmann, dem großen Biochemiker und ersten Staatspräsidenten Israels, 1934 gegründete und später nach ihm benannte Institut in Rehovot, 25 km südlich von Tel Aviv, ist ein Musterbeispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen exzellenter Grundlagenforschung und industrieller Entwicklung. „Yeda", der privatwirtschaftliche Zweig des Weizmann-Instituts, erwirtschaftet weltweit den drittgrößten Umsatz aus Technologietransfers. Auch „Yissum", die Technologietransfer-Abteilung der Hebräischen Universität in Jerusalem ist äußerst erfolgreich. An der Hebräischen Universität, die 1925 ebenfalls von Weizmann gegründet worden war, wurden beispielsweise das Alzheimer-Mittel Exelon (Novartis) und Doxil, ein liposomal verpacktes Chemotherapeutikum gegen Krebs (J&J Schering Plough) entwickelt.

Partnerschaft Heidelberg - Rehovot

Als erste Institution Israels hatte das Weizmann-Institut nach dem Terror der Nazi-Zeit Kontakt mit einer deutschen Forschungseinrichtung, dem Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg, aufgenommen – noch vor dem wegweisenden Treffen zwischen David Ben Gurion und Konrad Adenauer in New York 1960. Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland wurden die Projektförderung, der Wissenschaftleraustausch und Stipendienprogramme zwischen beiden Ländern auf eine rechtliche Grundlage gestellt. Das geschah einerseits durch einen Vertrag der Minerva-Stiftung (einer Tochtergesellschaft der Max-Planck-Gesellschaft) und dem Weizmann-Institut, andererseits durch ein Kooperationsprogramm zwischen dem Deutschen Krebsforschungszentrum und dem israelischen Ministerium für Wissenschaft und Technologie (MOST). Dieses Programm zur Förderung der Zusammenarbeit in der Krebsforschung hat in den mehr als 35 Jahren seines Bestehens annähernd 150 Projekte gefördert, an denen sich neben dem DKFZ und dem Weizmann-Institut auch die Hebräische Universität Jerusalem, die Universität Tel Aviv, das Technion in Haifa und weitere Hochschulen Israels beteiligt haben. Mehr als tausend Veröffentlichungen in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften sind aus diesen Kooperationen hervorgegangen. Im Juli 2011 beginnt mit fünf neuen Projekten die elfte, auf drei Jahre befristete Projektlaufzeit des DKFZ-MOST-Kooperationsprogramms.

Bei der Einweihung des Europäischen Molekularbiologischen Laboratoriums (EMBL) 1978 schlugen Sir John Kendrew, der Nobelpreisträger und Gründungsdirektor des EMBL, und Professor Wolfgang Gentner, Direktor des Max-Planck-Instituts für Kernphysik, vor, eine Städtepartnerschaft zwischen Heidelberg und Rehovot zu bilden; diese wurde fünf Jahre später mit Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags vollzogen. Durch die Städtepartnerschaft wurden gemeinsame Projekte und der Forscheraustausch zwischen den beiden wissenschaftlichen Hotspots ihrer Länder weiter intensiviert. So war es besonders Kendrew am EMBL, der die Arbeiten von Professor Ada Yonath am Weizmann-Institut über die Strukturaufklärung der Ribosomen unterstützte, für die sie 2009 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde.

Das German-Israeli Life Sciences Committee

Dr. Christian Tidona, Geschäftsführer der BioRN Cluster Management GmbH © BioRN Cluster Management

Fünfzig Jahre nach den ersten wissenschaftlichen Kontakten wurde 2008 zum Deutsch-Israelischen Jahr der Wissenschaft und Technologie erklärt. Der Bürgermeister von Rehovot und der Präsident des Weizmann-Instituts, Professor Daniel Zajfman, besuchten Heidelberg mit einer Delegation von Wissenschaftlern und Geschäftsleuten. In der Folge wurde das German-Israeli Life Sciences Committee (GILSC) auf Initiative der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung e. V. und der Israelisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer gegründet, dessen Ziel es ist, die bilateralen Beziehungen in den Life Sciences in den Bereichen Wirtschaft und Innovationen zu intensivieren und künftige Kooperationen vorzubereiten.

Anfang Oktober 2010 war die bislang größte Delegation von Biotech-Unternehmen aus Israel zu der zweitägigen Jahreskonferenz des GILSC nach Heidelberg gereist. Gastgeber war der Biotech‐Cluster Rhein‐Neckar (BioRN), der 2008 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als Spitzencluster für "Zellbasierte und molekulare Medizin" ausgezeichnet worden war.

Rainer Brüderle, Bundesminister für Wirtschaft und Technologie © BMWi

"Die kleinen und mittleren Biotech-Unternehmen in Israel haben ein großes innovatives Potenzial, vor allem im Bereich der Stammzellen und der Biomarker. Damit sind sie prädestiniert für Kooperationen und Partnerschaften mit Unternehmen aus unserem Cluster. Mit unserer Konferenz in Heidelberg leisten wir einen Beitrag zur Anbahnung neuer grenzüberschreitender Partnerschaften", erklärte der BioRN Cluster Management Geschäftsführer Dr. Christian Tidona im Anschluss an die mehr als fünfzig Einzelgespräche zwischen deutschen und israelischen Unternehmen.

Der Deutsch-Israelische Innovationstag im Dezember 2010 vertiefte und erweiterte den in Heidelberg begonnenen Dialog über die länderspezifischen Chancen und Herausforderungen und die Kooperationsmöglichkeiten. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hatte es mit seiner Eröffnungsrede auf den Punkt gebracht, als er betonte, dass gerade im Bereich der Biowissenschaften große Chancen für eine enge deutsch-israelische Kooperation bestünden, an der besonders kleine und mittelständische Unternehmen partizipieren könnten.

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