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HPV-bedingtem Mundhöhlenkrebs mit neuem Testsystem auf der Spur

Die Anzahl von Patienten, die an Mund- oder Rachenkrebs erkranken, steigt kontinuierlich an. Schuld daran sind Humane Papillomaviren (HPV), die sich in der Mundhöhle einnisten und dort nur schwer zu detektieren sind. Die QIAGEN Lake Constance GmbH aus Stockach hat deshalb in Kooperation mit der Abviris Deutschland GmbH ein neues Testsystem entwickelt, das den quantitativen Nachweis HPV-spezifischer Antikörper außerhalb des Zentrallabors schnell und sicher erbringt, um den Krebs in der Zukunft bereits im Frühstadium bekämpfen zu können.

Dr. Jörg Schickedanz, Geschäftsführer der QIAGEN Lake Constance GmbH, betont die Wichtigkeit, Krebserkrankungen im Mund- und Rachenbereich frühzeitig zu erkennen. © QIAGEN, all rights reserved

Jahrelanger Tabak- und Alkoholkonsum zählen zu den primären Ursachen für die Entstehung von Mund- und Rachenkrebs. Doch gibt es eine steigende Zahl an Patienten, die nicht durch diese klassischen Risikofaktoren auffallen. In der Fachwelt ist man sich mittlerweile einig, dass HPV an dieser epidemischen Ausbreitung von Krebserkrankungen im Mund- und Rachenbereich außerhalb der eigentlichen Risikogruppe verantwortlich sind.

Mit einer Rate von mehr als 70 Prozent sind besonders Karzinome der Mandeln und des Rachens HPV-bedingt. Die Herausforderung besteht darin, dass sich Gewebsveränderungen lange symptomfrei entwickeln und beim routinemäßigen Blick in den Rachen, zum Beispiel im Rahmen einer professionellen Zahnreinigung, oft übersehen werden, weil sie gut in der hinteren Mundhöhle versteckt sind. „Umso wichtiger ist es deshalb, ein Testsystem zu entwickeln, welches eine schädliche HPV-Aktivität schnell und sicher detektiert. Dadurch können in Zukunft Krebserkrankungen im Mund- und Rachenbereich frühzeitiger erkannt und behandelt werden", erklärt Dr.  Jörg Schickedanz, Geschäftsführer der QIAGEN Lake Constance GmbH. Das Unternehmen, eine Tochter der QIAGEN N.V., hat sich auf die Entwicklung von Point-of-Need-Geräten für dezentrale Testung spezialisiert. Das sind Geräte, welche die dezentrale und somit patientennahe Auswertung und Dokumentation immunologischer oder molekularbiologischer Testverfahren ermöglichen. In Zusammenarbeit mit der Abviris Deutschland GmbH wurde ein Testsystem konzipiert, mit dessen Hilfe HPV-spezifische Antikörper im Blut quantitativ nachgewiesen werden können.

Quantitative Messergebnisse in Minuten am Point-of-Need

Der ESEQuant LR3 Reader der QIAGEN Lake Constance GmbH unterstützt den schnellen und patientennahen Nachweis von Antikörpern gegen HPV16 L1 mittels Prevo-Check® (Abviris Deutschland GmbH). © QIAGEN, all rights reserved

Bei Patienten ab circa 40 Jahren steht der Nachweis Blut-basierter Antikörper gegen HPV mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in direktem Zusammenhang mit dem Vorliegen einer Kanzerose. Hintergrund ist die Tatsache, dass die Stimulation des Immunsystems nicht durch die Viren selbst, sondern durch bereits gebildetes Tumorgewebe stattfindet. Nach einer Infektion der Schleimhautzellen kommt es durch die Vermehrung der Viren zur anormalen Teilung der Wirtszellen, die nach außen gerichtet sind. Im Rahmen einer anhaltenden Infektion mit HPV kommen die Viren nicht in direkten Kontakt mit Immunzellen des Blutes. Darüber hinaus bedingt das Virus eine Anpassung der Zelloberfläche, sodass infizierte Zellen auch nicht durch sogenannte dendritische Zellen des Immunsystems erkannt werden können. Da die Erkennung entarteter Muster eine Schlüsselfunktion dendritischer Zellen ist, bleiben auch die normalerweise folgende Alarmierung von „Killerzellen" (zytotoxische T-Zellen des Immunsystems) und somit die Ausbildung einer Immunität gegen das Tumorgewebe aus.

Für den von der Abviris entwickelten Lateral-Flow-Schnelltest Prevo-Check® zum Nachweis HPV-spezifischer Antikörper wird ein Tropfen Blut eingesetzt, beispielsweise aus der Fingerspitze oder dem Ohrläppchen. Dieser wird mit dem Testpuffer versetzt und zehn Minuten inkubiert. Anschließend wird der Ansatz auf den Lateral-Flow-Teststreifen aufgebracht. „Nach weiteren zehn Minuten kann der Test mithilfe des von QIAGEN entwickelten ESEQuant LR3 Readers optisch ausgewertet werden. Der ESEQuant LR3 ist je nach gewählter Konfiguration in der Lage, eine qualitative oder eine quantitative Auswertung vorzunehmen und die erhobenen Daten wahlweise über das integrierte Display auszugeben oder einem Laborinformationssystem zur Verfügung zu stellen", so Schickedanz.

Stockacher Readersystem für die Hamburg City Health Study (HCHS)

Es ist nun geplant, das neue Testsystem zum schnellen quantitativen Nachweis HPV-spezifischer Antikörper am „Point of Need" im Rahmen der Hamburg City Health Study, einer umfassenden Gesundheitsstudie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE), einzusetzen.

Ziel der HCHS ist es, Risikofaktoren für häufige Volksleiden zu identifizieren und in Zukunft individualisierte und fokussierte Behandlungen aufzustellen. Beginn der Pilotphase war Mai 2015, die Hauptstudie soll im November 2015 beginnen. Mit 45.000 geplanten Probanden im Alter zwischen 45 und 74 Jahren ist die Studie die weltweit größte monozentrische Untersuchung und wird über fünf Jahre laufen. Fast 30 Kliniken und Institute des UKE sind interdisziplinär an dem Projekt beteiligt. Bisher war eine Teilnahme der Hals-Nasen-Ohren-Klinik aufgrund limitierter Ressourcen nicht möglich. Denn die Durchführung einer Pharyngoskopie zur Früherkennung von Läsionen im Mund- und Rachenraum ist bei einer Kohorte von 45.000 Personen binnen fünf Jahren mit den bisher zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht durchführbar. „Die Lösung brachte das neue Prevo-Check®-Testsystem", stellt Jörg Schickedanz fest. Damit können sämtliche Probanden auf HPV-spezifische Antikörper hin überprüft werden. Im Anschluss wird bei Patienten mit positivem Testbefund eine Rachenspiegelung durchgeführt werden.

Flächendeckende Testung auf HPV-spezifische Antikörper im Visier

Die Studie soll zeigen, dass das aufgestellte Testsystem kosteneffizient und einfach eingesetzt werden kann. Ein nächstes Ziel ist die weitere Verbreitung über die Hamburger Studie hinaus. „Angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit eines Wiederauftretens von Mund- und Rachenkarzinomen ist nicht nur die Früherkennung von besonderem Interesse für die Betroffenen, sondern auch die lückenlose Tumornachsorge", sagt Schickedanz. Er betont deshalb die Notwendigkeit, ein Testsystem zu etablieren, das den quantitativen Nachweis des Parameters vor Ort zulässt – in der Klinik oder sogar beim Hausarzt.

Über diesen klinischen Aspekt hinaus sprechen aber auch weitere Faktoren für eine Untersuchung durch den behandelnden Mediziner. So wird die Leistung des Arztes im Rahmen der Patientenaufklärung und der Präanalytik in Deutschland häufig nicht angemessen vergütet. Kann der Arzt die Analyse mit Hilfe des Testgeräts jedoch selber durchführen und entsprechend abrechnen, steigert dieser Umstand möglicherweise seine Motivation, an der Etablierung einer neuen Krebsvorsorge teilzunehmen. „Dies nützt vor allem dem Patienten, der so nicht nur einfach und sicher zu einem Ergebnis kommt. Auch können  im Ernstfall schneller klinische Maßnahmen ergriffen werden", schließt Schickedanz.

Das Testsystem birgt ein enormes Potenzial im Hinblick auf die Etablierung einer neuen Krebsvorsorge. Die epidemiologischen Daten sprechen dafür, dass das Testsystem in Zukunft über Europa hinaus einen wertvollen Beitrag bei der frühzeitigen Erkennung von HPV-bedingtem Mund- und Rachenkrebs leisten könnte.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/hpv-bedingtem-mundhoehlenkrebs-mit-neuem-testsystem-auf-der-spur