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Innovationen für die Medizintechnik - Das iNNOVATION fORUM von MicroMountains

Beim zweiten iNNOVATION fORUM Medizintechnik konnten sich Unternehmen aus der Branche am 23. Juni in Tuttlingen erneut über aussichtsreiche Produktideen informieren. Für diese Veranstaltung hätte die Technologie-Initiative MicroMountains Network e.V. keinen passenderen Austragungsort als Tuttlingen wählen können, das als „Weltzentrum der Medizintechnik“ bekannt ist. Da die Biologisierung der Medizintechnik immer weiter voranschreitet, nutzten Forscher vom NMI in Reutlingen und dem Fraunhofer IGB in Stuttgart die Gelegenheit, um ihre vielversprechenden Innovationen aus der Biotechnologie und der regenerativen Medizin vorzustellen.

Dr. Stefan Fennrich vom NMI in Reutlingen bei seinem Vortrag auf dem iNNOVATION fORUM Medizintechnik von MicroMountains. © Toni Ruch, IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg

Das MicroMountains Netzwerk brachte beim iNNOVATION fORUM erneut Wissenschaftler und Interessenten aus der Industrie an einen Tisch, um die Wege zwischen Forschung und Industrie zu verkürzen. Die 25 Referenten aus nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen stellten vor rund 100 Teilnehmern ihre aktuellen Projekte und Prototypen vor – darunter Innovationen für die minimal invasive Chirurgietechnik, neue Biomaterialien und Mikrosysteme, therapeutische und organunterstützende Systeme. Unter den Forumsteilnehmern entwickelten sich daraus direkt vor Ort angeregte Diskussionen über Anwendungsmöglichkeiten und Perspektiven zur kommerziellen Verwertung.

Neben technischen Innovationen sind Fachkräfte und Hightech-Gründungen die zentralen Themen des MicroMountains Netzwerkes, das 2005 aus einer Initiative der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg hervorgegangen ist. 42 Unternehmen und Institutionen setzen sich für den Ausbau der technologischen Infrastruktur ein, unterstützen junge Unternehmensgründer und fördern die Technikbegeisterung bei Jugendlichen.

Die MicroMountains Applications AG mit Sitz in Villingen-Schwenningen ist das Applikationszentrum für Mikrotechnik und Mikrosystemtechnik in Baden-Württemberg. Speziell heimischen kleinen und mittelständischen Firmen, die meist nur über geringe oder gar keine Forschungskapazitäten verfügen, werden neue Wege zu hochkarätiger Forschung und Entwicklung eröffnet. Sie sollen so an dringend nötige Innovationen gelangen, eigene Produkte verbessern oder neue Produkte entwickeln können. Das MicroMountains Applikationszentrum agiert dabei als aktives Bindeglied zwischen den Forschungs- und Entwicklungszentren sowie den Unternehmen, die diese Innovationen industriell umsetzen werden.

Über das MicroMountains Applikationszentrum hinaus beteiligt sich die MicroMountains Venture AG finanziell an jungen Technologieunternehmen mit Wachstumspotenzial, die ihren Firmensitz in Baden-Württemberg haben. Mit der Beteiligung werden in erster Linie die Entwicklung und Markteinführung innovativer Produkte finanziert. Die Anschubfinanzierung technologieorientierter Gründungen durch einen regionalen Fonds ist dabei ein zentrales Anliegen von MicroMountains Venture.

Starke Partner: Biotechnologie und Medizintechnik

Da die Biologisierung der Medizintechnik immer weiter voranschreitet, waren Innovationen aus der Biotechnologie und der regenerativen Medizin ein zentrales Thema auf dem diesjährigen MicroMountains iNNOVATION fORUM. Neben neuen Ansätzen in der Chirurgie und der Diagnostik wurden in einem eigenen Vortragsblock „Biomaterialien in der Medizintechnik“ und darauf basierende Verfahren vorgestellt.

Nach dem Verfahren des Fraunhofer IGB hergestelltes Luftröhrengewebe © Fraunhofer IGB

Von einer innovativen Anwendung aus dem Bereich Tissue Engineering berichtete Esther Novosel vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) in Stuttgart. Es handelt sich dabei um biotechnologisch erzeugtes Luftröhrengewebe, das zur Rekonstruktion von Atemwegsdefekten verwendet werden kann. Das Transplantat basiert auf einem am Fraunhofer IGB von Prof. Mertsching entwickelten Verfahren zur Gewebeherstellung und wurde in der Thoraxchirurgie der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen bereits erfolgreich für die Behandlung von Patienten eingesetzt.

Die grüne Färbung zeigt, dass Zellen, die mit den Biomaterial-siRNA-Nanopartikeln des NMI behandelt wurden (links unten) eine ebenso hohe Vitalität besitzen wie unbehandelte Kontrollzellen (links oben). Zudem werden die siRNA-Nanopartikel von den Zellen sehr gut aufgenommen (rote Färbung, rechts unten). © Ursula Mittnacht, NMI

Dr. Hanna Hartmann, Wissenschaftlerin am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut (NMI) an der Universität Tübingen in Reutlingen, verfolgt das Ziel, medizinischen Implantaten neben ihren mechanischen Eigenschaften zusätzliche biologische Funktionen zu verleihen. Diese sollen durch die Anbindung von bioaktiven Molekülen – in diesem Fall siRNA - an die Implantate erfolgen. Bei siRNA (small interfering RNA) handelt es sich um kurzkettige biologische Moleküle, welche die Herstellung von zellulären Proteinen hoch spezifisch blockieren. Durch diese Anbindung von siRNA an Biomaterial in Form von Nanopartikeln werden Implantate in Zukunft auch komplexe biologische Vorgänge wie beispielsweise die Regeneration von Geweben besser unterstützen können. Mit der vorgestellten Technik kann die siRNA nicht nur an eine Implantatoberfläche gekoppelt, sondern auch zum gewünschten Zeitpunkt wieder freigesetzt werden. Außerdem wird die siRNA in Form von Nanopartikeln stabilisiert und leichter in die Zellen aufgenommen.

Apparatur zur Simulation der Blutzirkulation © Stefan Fennrich, NMI

Eine weitere Technologie-Kompetenz des NMI stellte Dr. Stefan Fennrich vor. In einem dynamischen System, das mit humanem Blut die Blutzirkulation simuliert, können Medizinprodukte möglichst nah an der Situation in vivo auf ihre Verträglichkeit geprüft werden. Mit dem in Reutlingen entwickelten und konstruierten System können die physiologischen Parameter in allen vorgeschriebenen Prüfkategorien gemessen werden, die für eine Marktzulassung der entsprechenden Medizinprodukte erforderlich sind. Darüber hinaus können die Forscher am NMI mit Hilfe des sogenannten in vitro Pyrogentests (IPT) Kontaminationen nachweisen, die sonst durch medizinische Produkte in den Blutkreislauf von Patienten eingebracht werden könnten. Der am NMI implementierte IPT wurde bereits international erfolgreich validiert und basiert auf einer Methode, in der die Fieberreaktion gemessen wird. In diesem Jahr wurde er von der Europäischen Arzneibuchkommission angenommen und stellt damit einen großen Fortschritt bei der Sicherheit von Arzneimitteln und Medizinprodukten dar.

Im Eröffnungsvortrag des MicroMountains Innovationsforums machte Prof. Dr. Jörg Vienken vom Medizintechnikhersteller Fresenius Medical Care deutlich, dass Gesundheitsthemen „ein Megatrend für die Zukunft“ bleiben, dabei aber gerade im Medizintechnik-Sektor Fragen der Zulassung und Erstattung von Produkten ein äußerst kritisches Thema seien. Entsprechend beleuchtete PD Dr. Nicolas Lembert von der NMI Technologietransfer GmbH im abschließenden Vortragsblock die besonderen regulatorischen Herausfordeungen und Rahmenbedingungen für biomedizinische Produkte. Dabei ging er auch auf die neue EU-Verordnung zur Marktzulassung für neuartige Therapieverfahren, die sogenannten ATMPs (advanced therapy medicinal products) ein. Vielfach sei die Einordnung biomedizinischer Produkte, beispielsweise aus dem Tissue Engineering, vom Gesetzgeber noch nicht eindeutig geregelt und lasse somit Spielräume bei der jeweiligen Zulassungsstrategie.

Bereits seit mehreren Jahren stehen die Initiatoren des MicroMountains Network e.V. von der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg in engem Kontakt mit der BIOPRO Baden-Württemberg GmbH. Zusammen mit dem Landkreis Tuttlingen unternehmen beide zur Zeit eine gemeinsame Anstrengung, um die Innovationsförderung im Medizintechnik-Sektor noch effizienter zu gestalten. Für den gewachsenen Medizintechnik-Cluster rund um Tuttlingen wird dazu noch in diesem Jahr mit finanzieller Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg und die EU direkt vor Ort eine Clustermanagement-Gesellschaft eingerichtet. Diese wird einen gezielten Beitrag zur erfolgreichen Koordination und Kommunikation innerhalb der Region leisten und für eine starke internationale Sichtbarkeit und Vernetzung des Medizintechnik-Standortes eintreten.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/innovationen-fuer-die-medizintechnik-das-innovation-forum-von-micromountains