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Innovativ und preisgekrönt: Gefäßimplantate „Made in Hechingen“

Am 26. November 2009 ging der Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg an das Hechinger Medizintechnik-Unternehmen JOTEC. Es ist auf Lösungen für die Gefäßtherapie spezialisiert und hat mit „E-vita open“ ein neuartiges Hybrid-Stentgraft-System für die Herzchirurgie entwickelt. Damit können Operationen an der Aorta deutlich schonender durchgeführt werden.

Die JOTEC GmbH wurde für beispielhafte Leistungen bei der Entwicklung und Anwendung neuer Produkte mit dem Dr.-Rudolf-Eberle-Preis ausgezeichnet. Der nach dem früheren baden-württembergischen Wirtschaftsminister benannte Preis wurde 1985 zum ersten Mal ausgelobt und in den letzten 25 Jahren an 138 von insgesamt rund 1.800 Bewerbungen vergeben.

JOTEC-Geschäftsführer Thomas Bogenschütz und Marketingleiterin Dr. Kerstin Ragnitz bei der Preisverleihung mit Wirtschaftsminister Ernst Pfister (re) und dem Stuttgarter Regierungspräsidenten Johannes Schmalzl (li). © JOTEC GmbH

 „Wir hatten im Frühjahr 2009 durch Zufall von der Ausschreibung erfahren und intern beschlossen, uns mit dem Hybrid-Stentgraft-System ‚E-vita open' zu bewerben. Das passte insofern gut, als wir erst wenige Monate zuvor im Herbst 2008 mit ‚E-vita open plus' eine zweite verbesserte Generation auf den Markt gebracht hatten", erklärt Dr. Kerstin Ragnitz, Marketingleiterin der JOTEC GmbH. Die Preisjury bewertete den Grad des technischen Fortschritts, die besondere Unternehmensleistung und den wirtschaftlichen Erfolg. In allen drei Kategorien erhielt das Medizinprodukt Bestnoten und JOTEC mit 15.000 Euro das höchste 2009 vergebene Preisgeld.

Dabei machte es E-vita open plus den Juroren leicht: „Das System ist weltweit einzigartig, es gibt nichts Vergleichbares und bereits im ersten Quartal 2009 machte ‚E-vita open plus' 37 Prozent des Gesamtumsatzes aus", so Ragnitz. Zum ersten Mal erblickte „E-vita open" 2005 das Licht der Medizinprodukte-Welt. Es wurde für die Behandlung lebensbedrohlicher Gefäßerkrankungen entwickelt. Das Einsatzgebiet sind Ausweitungen (Aneurysmen) und Einrisse in der Gefäßwand (Dissektionen) der thorakalen Aorta, also an der Hauptschlagader im Brustbereich. „Nach einer akuten Aortendissektion, die unbehandelt bleibt, versterben rund 90 Prozent der Patienten innerhalb eines Monats", unterstreicht Ragnitz die Relevanz einer Therapie.

Eine statt zwei Operationen

Betroffen sind vor allem ältere Menschen, die oft auch unter Begleiterkrankungen leiden und eine möglichst schonende Behandlung brauchen. Bis dato bestand die Therapie aus zwei aufeinander folgenden Operationen, die eine entsprechende Belastung für die Patienten mit sich brachten. Bei dem klassischen Verfahren werden in einer ersten Operation die aufsteigende Aorta und der Aortenbogen ersetzt und einige Wochen später bei einer chirurgischen Brustkorböffnung die absteigende Aorta. „In der Zeit zwischen den Eingriffen versterben bis zu zehn Prozent der Patienten und bis zu 30 Prozent sind in einem zu schlechten Zustand für einen zweiten Eingriff“, erklärt Ragnitz den Handlungsbedarf. Die klassische Technik ist zwar im Laufe der Jahre weiterentwickelt worden, aber auch die Nachfolge-Verfahren sind nach wie vor mit zwei Eingriffen verbunden.

Innerhalb von zwei Jahren entwickelte JOTEC mit „E-vita open“ ein Hybrid-Stentgraft-System, bei dem das Implantat in nur einer Operation eingesetzt wird. Ein besonderer Fokus der Entwickler lag auf dem Einführungssystem, das so kurz wie möglich und hochflexibel gestaltet wurde. Das Implantat selbst besteht aus einer Kombination von klassischer Gefäßprothese mit einem Stentgraft. Der Stentgraft ist eine Gefäßstütze, bei der das Polyestergewebe mit hauchdünnen Nitinol-Drähten, einer Nickel-Titan-Legierung, verstärkt wird. Mit dem Hybridsystem wird zunächst der chirurgisch nicht zugängliche Teil der thorakalen Aorta therapiert. Der Gefäßprothesenanteil dient anschließend als Fixierung und Verbindung zur Rekonstruktion des Aortenbogens.

Aus Erfahrung besser: „E-vita open plus“

Behandlung einer Aortendissektion mit "E-vita open": Freisetzen des Stentgraftanteils. © JOTEC GmbH

Die neue Behandlung mit nur einem Eingriff ist deutlich schonender für die Patienten. „Für den Chirurgen und die Klinik sind die einfache Handhabung und Zeitersparnis beim Einsatz des ‚E-vita open' Hybrid-Stentgraft-Systems klare Vorteile. Das Gesundheitssystem wird durch die Kosteneinsparung aufgrund des Wegfalls einer zweiten Operation entlastet", ergänzt Ragnitz. Nachdem die Ärzte erste Erfahrungen mit dem neuen System gesammelt hatten, gaben sie diese an die Entwickler bei JOTEC weiter. „Wir haben Anregungen aus der Klinik aufgegriffen und in der zweiten Generation von E-vita open umgesetzt", so Ragnitz. Die Verbesserungen betreffen insbesondere die Blutdichtigkeit des Implantates. „Es war für die Operateure teilweise irritierend, dass das Polyestergewebe nicht blutdicht war und es daher zu signifikanten Blutungen über die Prothesenwand kam", sagt Ragnitz.

Ihre Kollegen in der Entwicklungsabteilung ließen nicht locker, bis sie schließlich eine spezielle Webtechnik entwickelt hatten, die in einer blutdichten Prothese resultiert. Das Prothesenmaterial muss nicht mehr zusätzlich abgedichtet werden und minimiert den Blutverlust während der Operation, „Die Akzeptanz des neues Systems ist dadurch nochmals deutlich gestiegen", betont Ragnitz. Weitere Verbesserungen betreffen das Einführungssystem, das sich neben ergonomisch geformten Handgriffen insbesondere durch den „Squeeze-to-Release"-Freisetzungsmechanismus auszeichnet: Durch Auf- und Zudrücken eines Hebels wird das Implantat kontrolliert und präzise an der gewünschten Position freigesetzt.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/innovativ-und-preisgekroent-gefaessimplantate-made-in-hechingen