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Integrierte Infrastrukturen für die medizinische Wissenschaft

Beim TMF-Jahreskongress in Heidelberg ging es um die Notwendigkeit integrierter Wissenschaftsinfrastrukturen für die Weiterentwicklung der medizinischen Forschung. Im Mittelpunkt standen Qualitätskriterien für medizinische Biomaterialbanken und der Aufbau des Deutschen Biobanken-Registers. Dieses soll als Herzstück einer zentralen IT-Infrastruktur die Voraussetzungen für eine ressourcenschonende medizinische Exzellenzforschung in Deutschland schaffen.

Einladung zum TMF-Jahreskongress am 13. und 14. März 2013 in Heidelberg © TMF

Eine unverzichtbare Voraussetzung für ein leistungsfähiges Wissenschaftssystem sind umfangreiche und oft sehr kostspielige Infrastrukturen. Oft können erst durch ihren Einsatz anspruchsvolle wissenschaftliche Fragestellungen überhaupt bearbeitet werden. Das gilt auch für die Universitätsmedizin, in der Forschung und Patientenversorgung eng miteinander verzahnt sind. Die Institutionen stehen vor der Aufgabe, aufwendige und langfristig tragfähige Infrastruktursysteme aufzubauen, die mit dem klinischen Alltag kompatibel sind und Kliniken und medizinische Forschungszentren über Disziplinen und Standorte hinweg miteinander zu vernetzen. Von der Integration und Abrufbarkeit der gewaltig ansteigenden Datenmengen hängen die Fortschritte einer translationalen medizinischen Forschung ebenso ab wie die Entwicklung neuer Medikamente und Fortschritte in der wissensbasierten Patientenversorgung.

Die TMF - Dachorganisation medizinischer Forschungsnetzwerke

Der Jahreskongress der „TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e.V.“ hatte das Schwerpunktthema „Wissenschaftsinfrastrukturen“ und fand an zwei Tagen im März 2013 im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg statt. Hier trafen sich Forscher aus Medizin, Informationstechnologien und Wirtschaft mit Vertretern von Universitäten und Kliniken, wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Institutionen, Patientenorganisationen, Fachgesellschaften und Förderorganisationen. Auf dem Kongress wurden Anforderungen und Lösungen für die medizinische Verbundforschung diskutiert.

Prof. Dr. Guido Adler, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Heidelberg. © Universitätsklinikum Heidelberg

Die TMF ist die Dachorganisation der medizinischen Forschungsnetzwerke in Deutschland. Sie versteht sich als Plattform für den interdisziplinären Austausch und die Zusammenarbeit zur Lösung organisatorischer, rechtlich-ethischer und technologischer Probleme der modernen medizinischen Forschung.

Professor Dr. Guido Adler, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Heidelberg und als Vorsitzender des Gesundheitsforschungsrates des Bundesministeriums für Bildung und Forschung einer der einflussreichsten Mediziner Deutschlands, betonte in seiner „Keynote Address“ die für die Versorgung und Forschung in den Kliniken ständig steigende Bedeutung kostspieliger integrierter Infrastrukturen. Standort- und Institutionen-übergreifende Vernetzungen und leistungsfähige IT-Systeme sind erforderlich, um an vorderster Front Forschung betreiben und zum Nutzen der Patienten einsetzen zu können. Besonders wichtige Beispiele, die auf dem Kongress thematisiert wurden, sind in diesem Kontext Biobanken und klinische Studien und der Aufbau entsprechender Register, die deren Potenzial für Forschung und Klinik bundesweit nutzbar machen.

Aufbau des Deutschen Biobanken-Registers

Medizinische Biomaterialbanken mit menschlichen Proben und dazugehörigen Dateien sind unabhängig voneinander von vielen Kliniken und Forschungsinstituten, aber auch von Pharma-Konzernen und Biotechnologie-Unternehmen, aufgebaut worden. Viele Biobanken erfüllen bereits hohe Qualitätsstandards, aber ihre Zielsetzungen für die Forschung und Diagnostik unterscheiden sich. Um sie aber untereinander zu vernetzen, damit die vorhandenen Ressourcen genutzt werden können, und redundante Forschung zu vermeiden, ist es notwendig, die Standards übergreifend zu harmonisieren und verbindlich einzuführen – jedenfalls bei öffentlich geförderten Projekten. Mit dem Aufbau des Deutschen Biobanken-Registers wird der Grundstein gelegt für die Harmonisierung von Qualitätskriterien und eine ressourcenschonende, den Austausch zwischen den Institutionen fördernde biomedizinische Forschung.

Dr. Esther Herpel, Pathologisches Institut der Universität und NCT Heidelberg. © TMF

Zum ersten Mal gibt es damit eine öffentlich verfügbare Übersicht über alle medizinisch wichtigen Biobanken in Deutschland. Im Deutschen Biobanken-Register sind nicht nur die Kontaktdaten der registrierten Biobanken einsehbar, sondern auch die Forschungsrichtung und die jeweils vorhandenen Materialien. Die Daten können von den teilnehmenden Biobanken jederzeit angepasst und aktualisiert werden. Betreiberin des nationalen Registers ist die TMF, die bereits seit 2008 seine Einrichtung vorangetrieben hat.

Unter den im Deutschen Biobanken-Register aufgeführten Materialien überwiegen nach dem Bericht von Dr. Sebastian Semler, TMF, die Flüssigproben (Serum, Plasma, Urin). Die Qualitätsparameter, die bei ihrer Sammlung einzuhalten sind, wurden von Professor Dr. Michael Neumaier, Institut für Klinische Chemie der Universitätsmedizin Mannheim, diskutiert. Die entscheidenden Ressourcen der biomedizinischen Forschung und ganz besonders der Tumorforschung sind aber Gewebeproben. Zunehmende Bedeutung gewinnen DNA- und RNA-Proben. Nach Angaben von Dr. Esther Herpel, der Leiterin der Gewebebank des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg, nutzen aber mehr als die Hälfte der wissenschaftlichen Analysen menschlicher Gewebe nur unzureichend charakterisiertes Material und sind daher fehlerhaft.

Durch die Förderung der Kooperation der zentralisierten Biobanken im Rahmen der Nationalen Biomaterialbanken-Initiative durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die damit verbundenen Bestrebungen, verbindliche Standards einzuführen, wird die Weiterentwicklung einer qualifizierte Biobanken-Infrastruktur in Deutschland vorangetrieben. „Herzstück“ dieser zentralen Infrastruktur ist das Deutsche Biobanken-Register, über das Qualitätsstandards, Inhalte zur Patienteneinwilligung und IT-Strukturen für Biobanken übergreifend harmonisiert werden können. Auch wird es als Knotenpunkt für Kooperationen und den Austausch von Daten bzw. Proben auf europäischer Ebene angelegt, auf der mit BBMRI (Biobanking and Biomolecular Resources Research Infrastructure) gegenwärtig eines der größten Forschungsinfrastrukturprojekte in Europa überhaupt entsteht.

Die BioMaterialBank Heidelberg (BMBH)

Struktur der BioMaterialBank Heidelberg. © Universitätsklinikum Heidelberg
Die am Pathologischen Institut der Universität Heidelberg angesiedelte Gewebebank des NCT stellt das Kernstück der BioMaterialBank Heidelberg (BMBH) dar, die seit 2011 durch die Nationale Biomaterialbanken-Initiative des BMBF gefördert wird. Mit dem bis 2016 laufenden Förderprogramm werden an fünf Standorten in Deutschland – Heidelberg, Aachen, Würzburg, Berlin und Kiel - umfassende zentrale Biomaterialbanken aufgebaut, die sich kontinuierlich untereinander abstimmen. Die Koordination erfolgt über die TMF. In der BMBH werden die wichtigsten Biobanken im Raum Heidelberg unter dem Schirm der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg und des NCT durch eine zentrale Verwaltung und umfassende IT-, Daten- und Qualitätsmanagementsysteme zusammengeschlossen. Neben der NCT-Gewebebank, der führenden Gewebebank Deutschlands, die allein schon bei mehr als tausend Forschungsprojekten erfolgreich eingesetzt worden ist, gehören zur BMBH unter anderem auch die Biobanken der Thoraxklinik, der Gefäßchirurgie und der Kardiologie und die Gewebebank für entzündliche Erkrankungen. Dabei werden nicht nur Gewebe-, sondern auch Flüssigproben asserviert. Die BMBH dient aber nicht nur der Erstellung von Kollektiven und der Dokumentation und Archivierung von Proben; sie ist auch eine vielseitige und hochmoderne Technologieplattform, auf der neben Histotechnologie, automatisierter Immunhistologie und Nukleinsäure- und Protein-Extraktionen unter anderem auch Multi-Tissue-Arrays, Laser-Mikrodissektionen, virtuelle Bildanalysen und MALDI-Imaging durchgeführt werden. Damit stellt die BMBH eine zentrale Translationsstruktur für die biomedizinische Forschung dar, besonders für die Tumorforschung und personalisierte Medizin, wie Professor Dr. Peter Schirmacher, Ärztlicher Direktor des Pathologischen Instituts der Universität Heidelberg und Sprecher der NCT-Gewebebank, erklärte. So beruhen alle molekularen Tests, die man für die Wirksamkeits- und Verträglichkeitsprüfung einer Krebstherapie durchführt, bevor man sie beim Patienten einsetzt, auf Analysen an Proben aus Gewebebanken. Ohne sie sind Nachweise und Neuentwicklungen aussagekräftiger diagnostischer Biomarker nicht denkbar. Qualitätsgesichertes, koordiniertes Biobanking ist eine entscheidende Infrastruktur für die moderne Medizin und trägt maßgeblich zum langfristigen Erfolg der biomedizinischen Forschung bei.
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/integrierte-infrastrukturen-fuer-die-medizinische-wissenschaft