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Jahrestagung der DGK stellt Fortschritte in der deutschen kardiologischen Forschung vor

Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Mannheim wurden neue technische und methodische Entwicklungen vorgestellt, die wesentliche Fortschritte in der Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz und Gefäßkrankheiten bringen. Das neu gegründete Deutsche Herzforschungszentrum soll die Herz-Kreislauf-Forschung in Deutschland weiter verbessern.

Congress Center Rosengarten in Mannheim, Ort der Jahrestagung der DGK. © Stadt Mannheim

Vom 27. bis 30. April 2011 fand im Congress Center Rosengarten in Mannheim die 77. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) statt. Mit etwa 8.100 aktiven Besuchern aus 25 Ländern aller Kontinente war dies der größte Kongress, den die DGK, die älteste kardiologische Gesellschaft in Europa, jemals abgehalten hatte. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Herzinsuffizienz und Regeneration".

"Klappe-in-Klappe"-Implantation vorgestellt

Bei der Jahrestagung stellte Professor Dr. Ralf Zahn vom Klinikum der Stadt Ludwigshafen am Rhein die neue Technik der „Valve-in-valve"-Implantation („Klappe in Klappe") vor, mit der eine neue Herzklappe in eine defekte biologische Aortenklappen-Prothese eingesetzt und damit deren Fehlfunktion korrigiert wird. Dieser Eingriff kann so schonend erfolgen, dass er auch bei älteren und kranken Menschen möglich ist. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der perkutanen (durch die Haut erfolgenden) Aortenklappen-Implantation, die vor wenigen Jahren eingeführt worden ist, um eine Operation am offenen Herzen mit der Herz-Lungen-Maschine zu vermeiden.

Dr. Ralf Zahn © Klinikum Ludwigshafen

Gegenüber der Verwendung mechanischer Herzklappen-Prothesen bieten biologische Herzklappen aus Geweben von Schweinen oder Rindern zahlreiche Vorteile und werden immer mehr eingesetzt. Ihr Nachteil ist die begrenzte Haltbarkeit. Nach 10 bis 15 Jahren sind etwa die Hälfte der biologischen Klappen, die nicht durchblutet werden und keine Möglichkeit der Regeneration haben, undicht oder verengt. Die mechanische Belastung dieser Ventile, durch die das Herz mit etwa 70 Schlägen pro Minute (im Ruhezustand; das sind über 100.000 Herzschläge am Tag) das Blut in den Körper drückt, ist enorm. Die meisten Patienten, die wegen des Verschleißes der früher eingesetzten, künstlichen Herzklappe eine neue Klappe brauchen, sind bereits betagt und vertragen schwerlich eine aufwändige erneute Operation.

Bei der von Professor Zahn entwickelten „Valve-in-valve"-Implantation verbleibt die defekte Bioprothese im Körper und eine neue Herzklappe wird mit einem schonenden perkutanen Eingriff in sie hineingesetzt. Die neue Technik, die einstweilen nur für die Aortenklappe (die Klappe der Halsschlagader) zur Verfügung steht und sich für die anderen Klappen noch in Entwicklung befindet, wurde bisher bei etwa 30 Patienten mit gutem Erfolg verwendet.

Deutsches Aortenklappen-Register ist ein wertvolles Instrument

Ob bei der „Valve-in-valve“-Technik ein erhöhtes Risiko besteht – weil zum Beispiel durch Ablösung von Teilen der alten Klappe ein Schlaganfall ausgelöst wird – lässt sich definitiv erst mit größeren Patientenzahlen und längeren Beobachtungszeiträumen beurteilen. Ein äußerst wertvolles Instrument für die Beurteilung, welche Klappentechnik für welche Patientengruppe am besten geeignet ist, stellt das Deutsche Aortenklappen-Register dar.

Ziele dieses weltweit größten Registers seiner Art, das 2010 von der DGK und der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie gegründet worden war und an dem sich bereits rund 90 Prozent aller infrage kommenden Zentren beteiligen, sind nach den Worten von Professor Dr. Christian Hamm, Bad Nauheim, „die Darstellung von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der verschiedenen Techniken der Aortenklappen-Therapien, die Ermittlung von Kriterien für die Indikationsstellung, die Erfassung von Qualität und Sicherheit von speziellen Verfahren und Produkten; doch auch die Bewertung der Versorgungsqualität in den Herzzentren mit dem Ziel der Qualitätsverbesserung zählt zu den Aufgaben."

Die auf der Mannheimer Jahrestagung präsentierten Resultate zeigen, dass eine Aortenklappen-Implantation trotz erhöhter Gefahren wegen eingeschränkter Herzfunktion und hohem Alter mit vertretbarem Risiko nicht nur möglich ist, sondern auch günstige funktionelle Ergebnisse liefert. Nicht zuletzt soll das Register auch die Basis für eine gesundheitsökonomische Evaluation der eingesetzten Behandlungsverfahren bieten.

Ballonkatheter und Gefäßstützen, die Medikamente freisetzen

Menschliches Herz. © Wellcome Images

Beim DGK-Kongress wurde auch das Ergebnis der Gesamtauswertung des Registers DES.de präsentiert, das vor sechs Jahren zur Dokumentation der mit medikamentfreisetzenden Gefäßstützen („Drug-Eluting Stents“, DES) behandelten Patienten ins Leben gerufen worden war. Es zeigte sich, dass die Versorgung herzkranker Patienten mit solchen DES in Deutschland auch im internationalen Vergleich einen sehr hohen Standard aufweist.

Das Register, das ebenfalls das weltgrößte seiner Art ist, erlaubt den Vergleich von vier verschiedenen Stents, die unterschiedliche Wirksubstanzen (Sirolimus, Paclitaxel, Zotarolimus, Everolimus) über kurze und lange Zeiträume freisetzen. Bezüglich Sterblichkeit, Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko sowie der Gefahr schwerer Blutungen haben sich alle vier Stents als gleich sicher ausgewiesen. Die Ergebnisse sind umso bedeutsamer, als es bei der Einführung der DES in Deutschland heftige wissenschaftliche Debatten darüber gegeben hatte, ob sie nicht gegenüber unbeschichteten Metall-Stents ein erhöhtes Risiko zur Entstehung neuer hochgefährlicher Gefäßverschlüsse (so genannter akuter Stentthrombosen) aufweisen. Dieser Verdacht wird durch die neuen Daten widerlegt.

In Situationen, bei denen die Einlage eines Stents ungünstig ist, sind medikamentenbeschichtete Ballonkatheter in Herzkranzgefäßen geeignet, wie Professor Dr. Bruno Scheller, Homburg/ Saar, berichtete. Bei der neuartigen Behandlungsmethode mit „Drug-Eluting Balloons“ (DEB), die mit dem wachstumshemmenden Mittel Paclitaxel beschichtet waren, bleibt – anders als bei den DES – kein mechanisch wirkender Fremdkörper zurück. Eine Restenose, ein neuerlicher Verschluss des zuvor gedehnten Gefäßes durch Überwucherung der erweiterten Stelle, wird verhindert. Die Wirksamkeit des DEB konnte auch bei Verengungen kleiner Herzkranzgefäße und in Aufzweigungen von Blutgefäßen nachgewiesen werden.

Verbundprojekt eines Deutschen Herzforschungszentrums wird umgesetzt

Der turnusmäßig aus seinem Amt scheidende Präsident der DGK, Professor Dr. Michael Böhm vom Universitätsklinikum Homburg/Saar, gab in Mannheim bekannt, dass inzwischen alle von der DGK seit Jahren geforderten Entscheidungen zur weiteren Verbesserung der Herz-Kreislauf-Forschung in Deutschland getroffen worden sind und das Verbundprojekt eines Deutschen Herzforschungszentrums jetzt umgesetzt wird. Das Zentrum soll in enger Verbindung mit entsprechenden Instituten und Kliniken der Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen wie zum Beispiel dem Max-Delbrück-Centrum in Berlin und dem Kerckhoff-Institut in Bad Nauheim die deutsche Herz-Kreislauf-Forschung, die einen exzellenten Ruf hat und bezüglich Publikationen und Zitationen weltweit nach den USA an zweiter Stelle steht, weiter verbessern.

Sprecher des neuen Verbundes ist der Hamburger Pharmakologe Professor Dr. Thomas Eschenhagen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Deutsche Herzforschungszentrum, das sich mit seinen Themen insbesondere auf die Vernetzung von Grundlagenforschung und ihrer Translation in die klinische Anwendung zum Nutzen der Patienten fokussiert, mit jährlich mit bis zu 50 Millionen Euro.

In seiner Abschiedsrede betonte der DGK-Präsident das aktive, dynamische Wachstum dieser medizinischen Fachgesellschaft, die es im letzten Jahrzehnt zu einer Verdopplung ihrer Mitgliedszahl auf jetzt über 7.500 mit einem ungewöhnlich hohen Anteil jüngerer Fachkollegen gebracht hat. Die Förderung des kardiologischen Nachwuchses durch Stipendien und Förderpreise sei eine Hauptaufgabe der DGK. Böhms Nachfolger als Präsident der DGK ist Professor Dr. Georg Ertl vom Universitätsklinikum Würzburg.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/jahrestagung-der-dgk-stellt-fortschritte-in-der-deutschen-kardiologischen-forschung-vor