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Jürgen Bauer – den Entstehungsmechanismen des malignen Melanoms auf der Spur

Dass sich eine wissenschaftliche Karriere nicht immer generalstabsmäßig planen lässt, weiß Professor Dr. Jürgen Bauer aus eigener Erfahrung. Der Tübinger Dermatologe hat sich allerdings nie gescheut, zum Erreichen seiner Ziele auch mal ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen. Entsprechend breit ist auch das Spektrum seiner bisherigen Forschungsaktivitäten – standen anfangs noch klinisch-epidemiologische Aspekte der Melanom-Entstehung im Vordergrund, so beschäftigt sich Bauer inzwischen vor allem mit den molekulargenetischen Ursachen des schwarzen Hautkrebses.

Prof. Dr. Jürgen Bauer © privat

Nach Abschluss seines Medizinstudiums wollte Jürgen Bauer unbedingt Hautarzt werden – und nach Möglichkeit auch wissenschaftlich arbeiten. Doch die 1996 noch ziemlich angespannte Arbeitsmarktsituation für junge Mediziner erlaubte keine Sonderwünsche. „Gerade in der Dermatologie waren die Stellen äußerst knapp“, erinnert sich Bauer, „da musste man nehmen, was man bekam.“

Bauer, der in Homburg studiert hatte, bekam schließlich eine Stelle am Universitätsklinikum Erlangen. Statt Grundlagenforschung stand dort aber erst einmal die Mitarbeit an einem Computer-Projekt auf dem Plan - unter anderem durfte der frischgebackene Arzt die Bilder für einen neuen, interaktiven Dermatologie-Atlas (www.dermis.net) bearbeiten.

„Für eine Laufbahn als Wissenschaftler war diese Aufgabe nicht unbedingt zielführend", so Bauer schmunzelnd. Er zog schließlich die Konsequenzen - und heuerte als Assistent in einer großen dermatologischen Praxis an. „Diesen Schritt habe ich nie bereut", berichtet Bauer heute, „obwohl es genügend Leute gab, die mir das prophezeit hatten."

Leberflecken und Sonnenschutz

Die oft geäußerte Befürchtung, dass der Weg zurück an eine akademische Einrichtung damit verbaut sei, erwies sich im Nachhinein als unbegründet. Ausgestattet mit einem großen Schatz an praktischer Erfahrung wechselte Bauer bereits ein Jahr später wieder an eine Universitäts-Hautklinik – diesmal nach Tübingen, wo er 2001 nicht nur die Facharztprüfung absolvierte, sondern endlich auch den Grundstein für seine wissenschaftliche Karriere legen konnte.
Im Rahmen von klinisch-epidemiologischen Studien untersuchte Bauer, welche Risikofaktoren im Kindesalter für das Auftreten von Leberflecken (melanozytäre Nävi) ein Rolle spielen und durch welche Schutzmaßnahmen dies verhindert werden kann. Der Dermatologe konnte zeigen, dass nicht nur massive Sonnenbrände, sondern bereits eine moderate Sonneneinwirkung die Entstehung dieser Pigmentmale fördert. „Man weiß, dass etwa die Hälfte aller malignen Melanome sich auf der Grundlage eines Leberflecks entwickelt“, so Bauer – Grund genug also, die Entstehung von Nävi bei Kindern nicht unnötig zu provozieren. Dass über seine Ergebnisse auch in populärwissenschaftlichen Medien berichtet wurde, verwundert den Mediziner nicht: „Für die Themen Leberflecken und Sonnenschutz bei Kindern interessieren sich natürlich viele Menschen.“

Tücken der Forschung

Metastasierte Melanome mit bestimmten Mutationen im KIT-Gen lassen sich mit Imatinib gut behandeln. (A) In der Gensequenz findet sich eine Mutation (roter Kasten), die zu einem Aminosäureaustausch führt. (B) Die FISH-Analyse zeigt im Tumor zahlreiche blaue Signale je Zellkern. Dies bedeutet, dass der Tumor zu viele Kopien des mutierten Gens besitzt. (C) Immunhistologie des Tumors: Gefärbt wurde das Produkt des KIT-Gens, der KIT-Rezeptor. Die Zellen bilden das mutierte Protein (braun gefärbt). © Prof. Bauer

Doch Bauers wissenschaftliche Neugier war mit diesen Arbeiten noch lange nicht gestillt - im Gegenteil. Gleich nach Abschluss seiner Habilitation wechselte der Mediziner deshalb an die University of California in San Francisco, um im Labor von Professor Boris Bastian den molekulargenetischen Ursachen des malignen Melanoms auf den Grund zu gehen. „In dieser Stadt eine Zeit lang zu leben und zu arbeiten, war natürlich eine tolle Erfahrung", so Bauer - zumal auch das geplante Forschungsprojekt sich äußerst vielversprechend anhörte.

Bauer sollte nämlich herausfinden, ob sich die in einem malignen Melanom nachweisbaren chromosomalen Veränderungen mit dem Verlauf der Erkrankung korrelieren lassen. Dazu sollte der Dermatologe eine Gruppe von Patienten einige Jahre nach Diagnosestellung erneut untersuchen - doch das Vorhaben scheiterte an der außergewöhnlichen Mobilität der Amerikaner. „In den USA jemanden nach acht Jahren wieder zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit", so Bauer. Weil die Menschen sehr häufig umziehen und es keine zentralen Melderegister gibt, waren viele Patienten wie vom Erdboden verschluckt, und trotz mühseliger Detektivarbeit konnte der Mediziner nur wenige sinnvolle Fälle zusammentragen.

Umso erfolgreicher verlief dafür ein anderes Projekt. „Wie es in der Forschung manchmal so ist, stellte sich dieses sogar als das wesentlich interessantere heraus“, so der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Bauer konnte zeigen, dass genetische Varianten im Melanocortin-Rezeptor 1 (MC1R)-Gen, die für ein erhöhtes Melanomrisiko verantwortlich sind, nur für Tumoren mit bestimmten Mutationen ein bis zu siebzehnfaches Risiko bedeuten.

„Diese MC1R-Polymorphismen finden sich vor allem bei jenen Patienten, bei denen in den Tumorzellen das BRAF-Onkogen aktiviert wurde“, so der Mediziner. Melanome mit Mutationen in anderen Onkogenen - beispielsweise N-RAS - treten hingegen unabhängig von diesen MC1R-Polymorphismen auf. Die aufsehenerregende Arbeit, die 2006 in 'Science' publiziert wurde, machte deutlich, dass in der Klassifikation des malignen Melanoms schon bald ein Paradigmenwechsel bevorstehen könnte, der auch Konsequenzen für eine individualisierte Tumortherapie haben wird.

Bisher nämlich wurde der gefürchtete schwarze Hautkrebs vor allem nach seiner Form und Lokalisation klassifiziert. Inzwischen weiß man jedoch, dass der Mutationsstatus auch mit zahlreichen histomorphologischen Veränderungen korreliert. „BRAF-Melanome beispielsweise zeigen eine stärkere Pigmentierung und intraepidermale Aufwärtswanderung“, so Bauer, der überzeugt ist, dass eine molekulare Klassifikation des malignen Melanoms der bisher üblichen Einteilung überlegen ist. „Vor allem deshalb, weil sie mehr Bedeutung für die Therapie hätte“, erläutert der Dermatologe.

Individualisierte Krebstherapie auf dem Vormarsch

Bauer hat diese Erfahrung bereits machen dürfen. So sprechen Patienten, deren Melanom Mutationen im sogenannten KIT-Rezeptor aufweist, besonders gut auf den Kinase-Inhibitor Imatinib an – ein Medikament, das auch bei anderen Krebserkrankungen erfolgreich zum Einsatz kommt. „Mit dieser Therapie ist es uns in San Francisco gelungen, eine Frau mit einem metastasierten Melanom innerhalb weniger Wochen tumorfrei zu bekommen“, berichtet Bauer, „so etwas wäre vor ein paar Jahren noch vollkommen undenkbar gewesen.“ Zwar wisse man noch nicht, wie lang der Effekt anhält, aber die Patientin lebe jetzt schon mehr als zwei Jahren, ohne dass erneut Tumorzellen aufgetreten seien.

Bauer, der 2007 aus den USA nach Tübingen zurückkehrte, hat diese neue Behandlungsstrategie sofort fasziniert. „Ziel meiner eigenen Arbeitsgruppe ist es jetzt, weitere molekulare Marker zu identifizieren, für die sich dann ebenfalls maßgeschneiderte Therapien entwickeln lassen“, so der Mediziner, der an der Tübinger Universitäts-Hautklinik inzwischen als Oberarzt fungiert. „Die Erfahrung mit dem KIT-Rezeptor hat uns jedenfalls gezeigt, dass wenn man die richtige Mutation mit dem richtigen Kinase-Inhibitor kombiniert, es hervorragend funktioniert“, erklärt Bauer, „und das stimmt mich für die künftige Therapie des malignen Melanoms doch sehr optimistisch.“

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