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Gastbeitrag

Kontrastreich - Drei Monate Forschung in Shanghai

Johannes Zang nahm nach seinem Studium die Möglichkeit wahr, über das China-Stipendium des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt in Shanghai zu realisieren, bevor er seine Promotion antritt. Am Shanghai Institute for Biochemistry and Cell Biology der Chinesischen Akademie der Wissenschaften arbeitete er zum Beispiel an der Aufklärung von Proteinkristallstrukturen und machte sich ein ganz eigenes Bild von Stadt, Land und Leuten.

Kontrastreich: Während im Hintergrund gerade das zweithöchste Gebäude der Welt entsteht, ist der Anblick trocknender Wäsche auf der Straße fast typisch für China. Dass die traditionellen Wohnviertel immer häufiger modernen Wohnanlagen weichen müssen, ist bedauerlich. © Johannes Zang

China - das waren für mich vor allem Kontraste. Eine eindeutigere Beschreibung kann ich kaum geben, ohne zu stark zu vereinheitlichen, wo kulturelle und geografische Vielfalt sowie das Nebeneinander von Altem und Neuem vor dem Hintergrund einer traditionsreichen Kultur mit starken Entwicklungstendenzen ein buntes Mosaik an Eindrücken entstehen lässt.

Erfahrbar wurden diese Kontraste für mich in Shanghai, der größten chinesischen Stadt, die nicht müde zu werden scheint, sich in ihrem Bestreben nach Modernisierung permanent neu zu erfinden. Auch wenn es nicht mein erster Aufenthalt in China war, fällt es trotz des Wiedererkennens nicht leicht, das Gefühl vor Ort in Worte zu fassen, das der Fotograf Rob Whitworth vielleicht ganz treffend als eine dem New York des 20. Jahrhundert ähnliche Aufbruchsstimmung beschreibt.

Forschungsaufenthalt an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften

Dank der Förderung durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg war es mir möglich, dreieinhalb Monate in Shanghai zu verbringen, um am Shanghai Institute for Biochemistry and Cell Biology (SIBCB) der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS) in der Arbeitsgruppe Prof. Dr. Jianping Dings einen Forschungsaufenthalt zu verwirklichen.

Inhaltlich ging es dabei vor allem um die Aufklärung von Proteinkristallstrukturen sowie um grundlegende Methoden der Proteinanalytik bei epigenetischen Fragestellungen. Damit bot mir das Ding-Lab ein Umfeld, in dem ich mich fachlich weiterqualifizieren und mich mit epigenetischen Fragestellungen auf Proteinebene beschäftigen konnte.

Eindrucksvoll: Das SIBCB ist Teil des Shanghai Institutes for Biological Sciences und eine der Top-Forschungsadressen in China. © Johannes Zang

Der Kontakt zur Arbeitsgruppe war per Mail schnell hergestellt. Ich schickte meine CV an Prof. Ding mit der Frage, ob ich für ein Viertel Jahr Teil seines Teams werden könne. Ich erhielt eine positive Rückmeldung, auf die bald das offizielle Einladungsschreiben folgte.

Auf Wohnungssuche in einer der größten Städte der Welt

In Shanghai angekommen, habe ich mich zunächst in einem Hostel einquartiert, um mich dann vor Ort über verschiedene Portale wie etwa Smartshanghai.com nach einer Unterkunft umzusehen. Es war ein kleines Abenteuer, in einer der größten Städte der Welt auf Wohnungssuche zu gehen. Nie kam die Navigationsfunktion meines Smartphones häufiger zum Einsatz als inmitten der faszinierenden Unübersichtlichkeit dieses beton-dominierten Großstadt-Dschungels. Ein bezahlbares Zimmer habe ich dann in einer WG bezogen, die mit ihrer recht zentralen Lage am Zhongshan Park aus dem 26. Stock heraus einen beeindruckenden Blick über das urbane Shanghai bot, der sich an klaren Tagen bis zu den Wolkenkratzern am Bund erstreckte. Meine Mitbewohner kamen alle aus den Staaten und lebten schon länger in China.

Beim Betreten der Wohnung stellte sich deswegen manchmal der Eindruck ein, den Kulturkreis zu wechseln. Willkommen war mir ein solcher Rückzugsort trotzdem. Gerade auch, weil er einen faszinierenden Kontrast zum Arbeitskontext am SIBCB darstellte. Dort erlebte ich meine chinesischen Kollegen im Labor vom ersten Kontakt an als neugierig und über die Grenzen des Labors hinaus sehr hilfsbereit bei allen Herausforderungen, die so auftreten können, wenn man sich in einem fremden Kulturraum bewegt. Ich hoffe, mich künftig für die mir entgegengebrachte Gastfreundschaft revanchieren zu können. Dass ich über keinerlei Kenntnisse des Mandarins verfüge, war für mich ein wesentlicher Teil der Erfahrung von Fremde. Als einschränkend habe ich die Sprachbarriere kaum empfunden. Vielmehr förderte sie den Einsatz vielfältiger Strategien bei der Kommunikation. Das konnte bisweilen lustig werden und funktionierte zumindest im Labor ganz gut. Positiv sind mir im Team dabei das starke Zusammengehörigkeitsgefühl und der fürsorgliche Umgang miteinander aufgefallen. Die familiäre Atmosphäre spiegelt sich sprachlich in der Bezeichnung der „Dienstälteren“ wider, die „große Schwester“ oder “großer Bruder“ genannt werden.

Shanghai selbst ist definitiv eine Reise wert

Typischer Stand auf einem der Antik-Märkte in Shanghai, der zur Schatzsuche einlädt. © Johannes Zang

Die Besonderheiten der chinesischen Arbeitsmentalität sind in anderen Erfahrungsberichten ja bereits angeklungen. Vor Ort wird man wohl unweigerlich mit einem Umfeld konfrontiert, in dem sich viele der Kollegen nahezu rund um die Uhr im Labor aufhalten. Ich selbst habe versucht eine Balance zu finden, die es mir auf der einen Seite ermöglichte, mein Projekt zu realisieren, ohne jedoch dabei darauf verzichten zu müssen, das China jenseits des SIBCB zu entdecken.

Und Shanghai selbst ist definitiv eine Reise wert. Als pulsierende Mega-City bietet sie ein schier unüberschaubares Angebot an Möglichkeiten der Beschäftigung - angefangen bei der klassischen Tee-Zeremonie über Kunst hin zu einem reichhaltigen Nachtleben. Die vielen Märkte sind mit Sicherheit die einen oder anderen Besuche wert. Und wer einmal Gefallen am unumgänglichen Feilschen gefunden hat, der mag zurückgekehrt dann kaum einen Festpreis akzeptieren.

Interessanter noch als die bekannten Sehenswürdigkeiten Shanghais zu besuchen, war es für mich, sehenden Auges durch die Straßen zu schlendern, auf denen sich ein Großteil des Lebens abspielt. Was einen hinter der nächsten Abbiegung erwartet, bleibt kaum absehbar, und oft kann man ein paar Ecken entfernt von den modernsten Shoppingmalls einem Schlachter bei der Arbeit auf der Straße zusehen.

Traditionelle Architektur in der Nähe Yangshuos. © Johannes Zang

Eine Reise nach Yangshuo in der Nähe Guilins während eines verlängerten Wochenendes offenbarte dann ein ganz anderes China. Das von bewaldeten Karstfelsen geprägte Landschaftsbild ist nicht ohne Grund auf dem 20-Yuan-Schein abgebildet und gehört bestimmt zu den beeindruckendsten Szenerien, die China zu bieten hat. Flussläufe, Regenwald und Reisfelder lassen schnell die Hektik Shanghais vergessen und bieten im wahrsten Sinne des Wortes Raum zum Durchatmen und zur Entschleunigung.

Daneben war es mir möglich, zusammen mit der Arbeitsgruppe eine viertägige Konferenz der chinesischen Gesellschaft für Biochemie in Xiamen zu besuchen und im Rahmen der Vortragsreihe „Mittags an der Uni“ an der Deutschen Schule Shanghai über den Studienort Freiburg zu sprechen.

Insgesamt kann ich so auf eine äußerst reichhaltige Zeit in China zurückblicken, die sowohl zu meiner fachlichen als auch meiner persönlichen Entwicklung beitrug. Angesichts der stetig wachsenden Bedeutung Chinas im wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Sektor sowie der eigenen positiven Erfahrungen vor Ort würde es mich freuen, den Kontakt zum Ding-Lab aufrechterhalten zu können.
Somit bleibt mir abschließend noch all jenen, im Besonderen aber Professor Schmid, Herrn Tischer und Professor Ding für ihre Unterstützung zu danken, die dazu beigetragen hat, dass sich dieser Auslandsaufenthalt zwischen Studium und Promotion verwirklichen ließ.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/kontrastreich-drei-monate-forschung-in-shanghai